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Farbige Tosca im blauen Zelt

Markus Stenz und Thilo Reinhardt deuten die Oper Tosca in Köln. Es ist die erste Produktion Kölner Oper am Dom. Gespielt wird im blauen Musical-Dome. Darstellerisch und vom Schauspiel sei es wunderbar, aber es fehle die akustische Balance, sagt Thomas Voigt.

Thomas Voigt im Gespräch mit Michael Köhler |
    Michael Köhler: Wir bleiben bei der Singbühne mit unserem nächsten Beitrag. Kein Königsdrama, keine Heldensage, kein Märchen, keine Mythen, sondern Menschen und ihre Nöte, Sorgen und Freuden stehen im Mittelpunkt dieser Oper. Oper: Tosca. Tosca von Giacomo Puccini. Entstanden ist sie 1900, ihre Handlungszeit spielt 1800. Floria Tosca ist Opernsängerin, Mario Cavaradossi ist Maler, Baron Scarpia Polizeichef, Polizeichef in einem Polizeistaat, alle in Rom. In Köln wurde sie im Musical Dome gespielt, weil das Opernhaus saniert wird, gestern war Premiere. Thomas Voigt habe ich gefragt: Ist das eine Künstleroper oder eine über totalitäre Regime?

    Thomas Voigt: Ja, eine Oper über Künstler in der Diktatur, und insofern ist es logisch, dass Tosca oft in der Nazizeit inszeniert wird, so auch diesmal. In der Inszenierung von Thilo Reinhardt spielt es also in den 40er-Jahren. Es gibt ganz unmissverständliche Anklänge, zum Beispiel Spoletta ist die Maske von Heinrich Himmler, Baron Scarpia, der Polizeichef, bewegt sich irgendwo zwischen Hitler und Hermann Göring. Die ganzen Uniformen, das ganze Drum und Dran signalisiert also, hier geht's um die Nazizeit.

    Köhler: Eine Gerechtigkeitsoper?

    Voigt: Tja, gibt es Gerechtigkeit? Also wenn man davon ausgeht, dass die Mörder genauso sterben wie die Opfer – aber was ist das für eine Gerechtigkeit? Nein, ich glaube, darum geht es nicht, sondern darum, dass Künstler gerne mit Scheuklappen durch die Welt gehen, wie eben diese Tosca, die dann bei "vissi d'arte, vissi d'amore" ihren berühmten Monolog sagt: Ich lebte nur für die Schönheit und für die Kunst, und warum, mein Gott, suchst du mich in dieser Stunde so sehr heim?

    Köhler: Tosca hat einen Geliebten, hat Eifersucht, versucht beim Polizeichef die Freilassung zu erwirken, der seinerseits verlangt nach ihr, wird aber auch betrogen, und am Ende kommen alle drei um – der Maler, der Polizeichef, und zum Schluss stürzt sich auch noch Tosca eigentlich in die Tiefe von der Engelsburg, die es hier aber in Köln gar nicht gibt.

    Voigt: Die gibt es gar nicht, es spielt nur in der Kirche. Ich meine, das ist jetzt die erste Produktion Oper am Dom, also die Kölner Oper im blauen Zelt, zwischen Hauptbahnhof und Dom, das Einheitsbühnenbild ist also ein Chorraum, Altar, Kirchengestühl und ein riesiges Kreuz, auf das später der Maler Cavaradossi als politisch Verdächtiger genagelt wird.

    Köhler: Thomas Voigt, Sie haben es schon gesagt, Oper am Dom, im Musical Dome – nimmt das Einfluss auf die Inszenierung, also ist es Kino oder Musical?

    Voigt: Nein, das nicht, aber ich glaube, es hat großen Einfluss – leider – auf die akustische Balance, und das Orchester war an dem Abend durchweg zu laut. Ich glaube nicht, dass die Sänger zu wenig gegeben haben oder dass die Stimmen zu lyrisch waren, nein, das Orchester war zu präsent. Und beim Abhören des Mitschnitts von der Generalprobe hatte ich den gleichen Eindruck. Also wenn die Techniker es auch nicht schaffen, da eine Balance herzustellen, zwischen diesen beiden Partien, also Orchester und Gesangstimmen, dann liegt es wahrscheinlich doch an der Akustik, die wohl nicht so geeignet ist für Oper. Und Musical, wie wir ja wissen, wird immer verstärkt mit Mikroports, also Mikrofonen, die die Sänger am Körper tragen, in der Oper wird es nicht gemacht, zumindest nicht wissentlich.

    Köhler: Eine farbige Tosca?

    Voigt: Eine farbige Tosca, große Tradition, gibt's ja seit Leontyne Price und Grace Bumbry. Takesha Kizart hat in der Höhe und in der Tiefe wirklich viel zu bieten, also das ist sicher und klingt auch dramatisch genug, das Problem ist die Mittellage – und in dieser Lage bewegt sich die Partie am allermeisten. Da ist sie leider sehr oft zu tief, also so zu tief, dass man auch bei Duetten denkt, mmh, jetzt geht's bald schon in Richtung andere Tonart. Das ist wirklich ein großes Problem. Darstellerisch, optisch, vom Schauspiel wunderbar, aber wenn man es jetzt nur hört ... Ich hab bei einigen Szenen wirklich mit geschlossenen Augen dagesessen – ist ein Problem. Als Cavaradossi Calin Bratescu, ein sehr sicherer Tenor, aber der manchmal ein bisschen auf dem rohen Fleisch singt, da ist also nicht so viel Schutz um den Klang herum, also es klingt sehr metallisch, teilweise auch hart. Den überzeugendsten Eindruck hat an diesem Abend Oliver Zwarg als Baron Scarpia hinterlassen, ein Bariton, der vielleicht jetzt nicht der allergrößte, also kein Wotanbariton, aber doch jemand, der genug Durchschlagskraft hat, um den Scarpia zu singen, und auch die sinistre Art und das Ganze, was den Charakter ausmacht, überzeugend rüberbrachte. Nur unterm Strich müsste man noch daran arbeiten, dass man eine bessere Balance hinkriegt, das auf jeden Fall.

    Köhler: Thomas Voigt über Puccinis "Tosca": unbalanciert.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.