
Im Alltag und in vielen Berufen kommt es darauf an, Farben richtig zu erkennen. Doch Millionen Menschen in Deutschland können das nicht: Sie haben Farbsinnstörungen wie beispielsweise eine Rot-Grün-Schwäche. Das ist zwar nicht mit Schmerzen oder Leiden verbunden – aber es beeinträchtigt die Betroffenen in vielen Bereichen.
Farbsehschwäche, Rot-Grün-Schwäche und Farbenblindheit
Die Begriffe rund um die Farbfehlsichtigkeit werden oft verwechselt. Der medizinisch korrekte Begriff ist Farbsinnstörung. Auch Farbfehlsichtigkeit ist medizinisch und wissenschaftlich korrekt. Zu Farbfehlsichtigkeiten gehören Farbsehschwächen und Farbenblindheiten für das rote, grüne oder blaue Farbspektrum.
Die Auswirkungen: Farben werden anders oder sehr viel schwächer wahrgenommen, beispielsweise können Rot und Grün nicht unterschieden werden. Bei einer vollständigen Farbblindheit können nur noch Grautöne wahrgenommen werden.
Vor allem Männer sind betroffen
Etwa jeder zwölfte Mann (acht Prozent) ist von einer Farbsinnstörung betroffen. Bei Frauen ist die Zahl deutlich geringer: Es ist etwa jede 200. Frau. Farbsinnstörungen sind meistens genetisch bedingt und werden vererbt.
Die meisten Gene für das Farbsehen befinden sich auf dem X-Chromosom. Frauen besitzen von diesem zwei. Ist also einer ihrer beiden X-Chromosomen defekt, wird dies durch das andere Gen “ausgeglichen”. Männer haben dagegen nur ein X-Chromosom und sowie Y-Chromosom. Deswegen sind sie von der Krankheit häufiger betroffen. Vererbte Farbfehlsichtigkeiten betreffen in der Regel beide Augen und bestehen ab der Geburt.
Manche Farbsinnstörungen werden dagegen im Laufe des Lebens durch Krankheiten erworben, beispielsweise durch eine Sehnerventzündung oder einen Schlaganfall. Auch als Nebenwirkung von Medikamenten können Farbsinnstörungen auftreten.
Farbsinnstörungen – ein eher unbekanntes Thema
Vielen Menschen sei erst mal gar nicht bewusst, dass sie von Farbsinnstörungen betroffen seien, sagt Markus Stahmann, Vorsitzender vom Interessenverband der Farbsehschwachen und Farbenblinden. Manche Betroffene nähmen die Farbsinnstörungen teilweise nicht sehr stark wahr oder fühlten sich nicht nennenswert eingeschränkt. Oft träten erst beim Austausch mit anderen Menschen die Unterschiede in der Wahrnehmung, die Symptome und damit verbundenen Probleme deutlicher hervor.
Generell, so Stahmann, gebe es wenig Austausch unter Betroffenen. In der Gesellschaft fehle es häufig an Verständnis. Farbsinnstörungen gälten nicht als Krankheit, die einen großen Leidensdruck erzeugen, erklärt Stahmann.
Farbsinnstörungen werden meist bei Kindern im Grundschulalter festgestellt – bei der Einschulungsuntersuchung. Oft erfahren Eltern dabei das erste Mal überhaupt etwas über Farbsinnstörungen – genau wie Lehrkräfte. Auch viele Augen- und Kinderärzte hätten wenig Erfahrung und Wissen über die Farbsinnstörung, so Stahmann. Besonders wichtig ist es dem Verband, an Schulen über das Thema aufzuklären – um die Hindernisse und Probleme für betroffene Kinder zu reduzieren.
Probleme im Alltag und Beruf
Die Wahrnehmung von Farben spielt im Alltag und im öffentlichen Leben eine wichtige Rolle. Oft haben Farben eine festgelegte Bedeutung, wie beispielsweise die Farbe “rot”, die oft eine Warnung oder einen Fehler anzeigen soll. Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Rot-Grün-Codierung von Ampelschaltungen, die Betroffene nicht richtig wahrnehmen können. Auch Pläne, Karten und Schaltknöpfe sowie interaktive Formulare sind farbcodiert, oft ebenfalls in Rot oder Grün. Besonders hinderlich oder sogar gefährlich ist für Betroffene, wenn es keine anderen Möglichkeiten zur Unterscheidung gibt, wie Töne oder Text.
Auch beim Einkaufen und Kochen ist die Farbwahrnehmung wichtig, um beispielsweise zu entscheiden, ob eine Banane reif ist (gelb oder grün). Schließlich ist die Möglichkeit der Wahrnehmung von Farben auch bei der beruflichen wie privaten Nutzung von Bildschirmen wichtig.
Auch im Sport werden Farbzuordnungen viel verwendet: Sie zeigen das Ziel an, markieren Spielfelder oder Mannschaftszugehörigkeit. Das stellt Breitensportler, Profisportler und Fans vor Probleme, wenn sie beispielsweise beim Fußball nicht erkennen können, welcher Spieler zu welcher Mannschaft gehört, weil die Trikotfarben für sie nicht unterscheidbar sind.
Einige Sportarten wie Eishockey und Basketball versuchten, die Barrierefreiheit zu verbessern, indem Verbandsregeln beispielsweise einen deutlichen Hell-Dunkel-Kontrast für Sportkleidung vorschreiben, sagt Markus Stahmann.
Diese und andere Einschränkungen erschweren für Menschen mit Farbsinnstörungen teilweise auch die Berufstätigkeit. Manche Berufe sind für Betroffene darüber hinaus nicht zulässig, wie im Bereich Flugverkehr, Eisenbahn, Seefahrt oder Fahrgastbeförderung.
Was bei Farbsinnstörungen hilft
Viele Betroffene sind eher geringfügig eingeschränkt und/oder haben es gelernt, sich mit dieser Einschränkung zu arrangieren. Der Interessensverband der Farbsehschwachen und Farbenblinden betont, Farbsinnstörungen seien keine Behinderung. Heilen lassen sich Farbensehstörungen bislang nicht.
Der Interessensverband der Farbsehschwachen und Farbenblinden rät von Korrekturbrillen für Farbfehlsichtigkeit ab, weil wissenschaftlich nicht eindeutig nachgewiesen sei, ob sie dauerhaft helfen.
Viele Internetseiten, Betriebssysteme oder Videospiele bieten mittlerweile im Rahmen der Barrierefreiheit Einstellungen für Farbsinnstörungen an. Assistenten-Apps können Farben auf Bildschirmen nennen. Betroffene sehen es jedoch als zielführender an, beim Einsatz von Farben im Alltag und beim Design auf ausreichende Hell-Dunkel-Kontraste und bewusste Farbwahl zu achten.
Catherine Shelton










