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Fast eine zweite Erde!

Astronomie. – Um die 25.000 Lichtjahre entfernte Sonne OGLE-2005-BLG- 390L kreist der erdähnlichste aller bislang entdeckten Exoplaneten. Er hat nur die fünffache Erdmasse, ist daher mit größter Wahrscheinlichkeit ein Gesteinsplanet. Allerdings umkreist er seinen Stern, der wesentlich schwächer als unsere Sonne ist, in doppelt so großer Distanz wie die Erde. In der aktuellen "Nature" berichten die Entdecker von der europäischen Südsternwarte Eso in Chile über ihren Fund.

Von Dirk Lorenzen |
    9. August 2005, Europäische Südsternwarte Eso auf dem Berg La Silla in Chile. Seit Wochen überwacht das internationale Astronomenteam des Planet-Projektes einen Stern in Richtung des Milchstraßenzentrums. Dann kurz vor der Morgendämmerung zeigt dieser Stern ein auffälliges Verhalten - er wird plötzlich etwas heller. Schnell alarmiert der Dienst habende Astronom die Kollegen in Australien - in der bei ihnen gerade beginnenden Nacht behalten sie den Stern im Auge. Und so gelingt eine große Entdeckung, freut Daniel Kubas, aus Berlin stammender Eso-Astronom in Chile:

    "Bei dem aktuellen Ereignis haben wir herausgefunden, dass es sich um einen sehr leichten, massearmen Planeten handelt - nur etwa fünfmal so schwer wie die Erde. Das stellt einen neuen Leichtgewichtsrekord auf bei der Planetensuche. Aufgrund der geringen Masse kann man mit ziemlich großer Sicherheit sagen, dass es sich um einen Gesteinsplaneten handelt, der insofern eher der Erde ähnelt als solchen Gasplaneten wie Jupiter oder Neptun."

    Der Planet ist von seinem Stern mehr als doppelt so weit entfernt wie die Erde von der Sonne. Verglichen mit unserem Sonnensystem läuft er sozusagen etwas außerhalb der Marsbahn. Da dieser Planet einen recht kleinen und leuchtschwachen Stern umkreist, dürfte er eiskalt sein. Die Forscher schätzen seine Oberflächentemperatur auf unter minus 200 Grad Celsius.

    Die Astronomen haben diesen Planeten nicht direkt leuchten sehen - dazu ist er viel zu schwach. Die Entdeckung gelang indirekt, mit Hilfe des Gravitationslinseneffekts. Stern und Planet sind von der Erde aus gesehen genau vor einem weit im Hintergrund liegenden Stern entlang gelaufen. Mit ihrer Schwerkraft, ihrer Gravitation, haben sie dabei das Licht des fernen Sterns gebündelt, wie eine Lupe. Kubas:

    "Das hat im Endeffekt das Ergebnis, dass wir den Hintergrundstern verzerrt sehen und teilweise manchmal mehr und weniger Licht von ihm empfangen, dass sich also die Helligkeit, die wir beobachten, von dem Hintergrundsterns verändert. Anhand dieser Helligkeitsveränderung kann man Rückschlüsse darauf ziehen, was das für ein als Linse wirkendes Objekt war, ob das ein Einzelstern war oder ob der einen Begleiter hat, zum Beispiel einen Planet."

    Dass ein Hintergrundstern, ein als Linse wirkender Stern und die Erde sich perfekt auf einer Linie aufreihen ist recht selten. Daher überwachen die Astronomen Nacht für Nacht die Helligkeit von Millionen von Sternen am Himmel. Die meisten sehen immer gleich aus. Aber bei einigen nimmt die Helligkeit charakteristisch zu - untrügliches Zeichen für die sich anbahnende seltene Konstellation. Bei diesen Sternen lauern Daniel Kubas und seine Kollegen dann auf einen zusätzlichen Effekt:

    "Wenn das Gesamtereignis einen Monat dauert, dann ist der Effekt, den der Planet verursachen würde, wenn es sich jetzt um einen sehr kleinen Planeten handelt von einer Erdmasse zum Beispiel, im Bereich von Stunden, oder bei sehr großen Planeten im Bereich von Tagen. Aber verglichen mit dem Gesamtereignis ist das sehr kurz. Deswegen ist es sehr wichtig bei den Beobachtungen, dass man rund um die Uhr in einer 24-Stunden Nachtschicht die Helligkeit des Objekts misst. Das geht nicht von einer Sternwarte aus. Deswegen haben wir ein Netzwerk von Teleskopen, die halt so auf der Erde verteilt sind, dass sie sich quasi überlappen. wenn bei der einen Sternwarte die Nacht aufhört, fängt die Nacht bei der anderen an und ermöglicht so uns diese kontinuierliche Beobachtung."

    Der 5-Erdmassen-Planet ließ den Stern im Hintergrund für nur zwölf Stunden deutlich heller werden. Die Natur hält den Astronomen sozusagen nur für sehr kurze Zeit die "Superlupe" hin, um kleine, erdähnliche Planeten zu entdecken. Ein mühsames Geschäft, aber bis heute die einzige Art, wie sich so kleine Planeten finden lassen. Und die Beobachtungen laufen Nacht für Nacht - es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Astronomen endlich die wahren Geschwister der Erde in den Tiefen des Alls aufspüren.