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StartseiteKultur heuteFast vergessen11.08.2011

Fast vergessen

Georg Philipp Telemanns "Flavius Bertaridus" in einer Neuinszenierung von Jens-Daniel Herzog und Alessandro De Marchi in Innsbruck

Flavius Bertaridus, König der Langobarden, ist die Oper in drei Akten von Georg Philipp Telemann. Alessandro De Marchi inszeniert das Werk erneut in Innsbruck auf der internationalen Festwoche, dem sommerlichen Barockfest.

Von Susanne Lettenbauer

Roter Vorhang (Stock.XCHNG)
Roter Vorhang (Stock.XCHNG)
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Der Elan, der den Innsbrucker Festwochen zuletzt unter René Jacobs fehlte, er ist wieder da. Keine Rede mehr von leeren Kassen, zumindest nicht öffentlich, kein Streit um einen Sparkurs, den René Jacobs nicht mehr mitragen wollte. Die vorzeitige Vertragsauflösung, ein unschönes Kapitel in der mittlerweile 35jährigen Festwochengeschichte. Der neue künstlerische Leiter Alessandro de Marchi, als ehemaliger Assistent von Jacobs bestens vertraut vor Ort, stört sich öffentlich nicht an fehlenden Geldern, er kennt die Situation des italienischen Konzertbetriebs. In Innsbruck plant De Marchi einfach und dirigiert. Er plant derart, dass den Geldgebern, der Stadt Innsbruck, dem Land Tirol und einigen Sponsoren ganz warm wird. Ob aus Vorfreude oder aus Angst vor neuen Kosten, man wird sehen. In seinem zweiten Jahr in Innsbruck präsentiert der quirlige De Marchi endlich wieder ein Programm, das den Festwochen die internationale Bedeutung zurückgibt, die sie seit dem Wegfall der berühmten Meisterkurse - dem Ursprung des sommerlichen Barockfestes – zu verlieren drohten.

Vier statt zwei Opern sollen künftig aus den Archiven auf die Bühne gebracht werden, als Open Air auf dem Unigelände, als Projekt von jungen Sängern, halbszenisch auf luftigen Alphöhen im Barockschloss Ambras und ganz herkömmlich im Landestheater von renommierten Regisseuren. Hinzu kommen Konzerte im Kloster Stams und im Stift Wilten.

War der Eindruck von De Marchis Konzept im vergangenen Jahr noch ein diffuser, so scheint 2011 der übergroße Schatten des Vorgängers René Jacobs gänzlich verblasst. Zumal nach dem gestrigen Abend: Knapp fünf Stunden still sitzen für Georg Philipp Telemanns einzige opera seria, Hamburger Gänsemarkttheater 1729 und dennoch einen witzigen, berührenden Abend zu erleben.

Dass Telemann selbst Hand an das sprachlich wild zusammengeschusterte Libretto gelegt hat in dem es um die Rückkehr des gütigen, von einem Tyrannen verjagten langobardischen König Flavius Bertaridus geht – man kann’s verschmerzen angesichts der musikalischen Qualität. Die peppt Dirigent Alessandro De Marchi auf mit zwei Continuo, mit extra Fanfaren, extra Bläsern, er entschlackt die Oper vom Streicherbalast, der aus Barockopern so oft ein zähes Vergnügen macht. Dem Abend fehlt zwar der spritzige, vorwärtsdrängende Auftakt des Praktikers René Jacobs, dafür bietet der Theoretiker Alessandro De Marchi historisch verbriefte barocke Spiellust.

Drohende Längen in dem immerhin fünfstündigen Werk gleicht der Regisseur Jens-Daniel Herzog in einem symbolhaften Labyrinth an verschiebbaren Wänden behutsam aus. Ein Labyrinth der Barockmusik, ein Irrweg durch menschliche Emotionen und politische Entscheidungen.

Der künftige Chef des Dortmunder Opernhauses, ein Schüler von Dieter Dorn und lange Schauspielassistent an den Münchner Kammerspielen, spielt virtuos auf mehreren Ebenen. Sein Tyrann ist ebenso ein Dominique Strauss-Kahn im schummrigen Hotelzimmer, ein tumber Naziführer in brauner Uniform wie auch ein aalglatter russischer Oligarch, der sich alles nimmt: Öl, Geld, Frauen, Politiker. Zeitlos und topaktuell. Selbst der halbstündige innige Flirt des vom Pech verfolgten Offiziers Orontes mit der Königin gerät witzig und kurzweilig – inmitten von kotzenden Soldaten, abgewrackten Nutten und verschlafenen Kassierern im Eingangsbereich eines öffentlichen Klos. Schauspiel at its best.

An seinem neuen Haus in Dortmund wird Jens-Daniel Herzog im Oktober eine umfangreiche Barockopernreihe beginnen. Dass dort noch nie Werke aus der Zeit vor 1800 gespielt wurden, ein Unding.

Für den Koproduzenten dieser Inszenierung, die Staatsoper Hamburg, muss der Regisseur radikal kürzen, auf dreieinhalb Stunden. Wo genau ist nicht vorstellbar. In den vielen Da-Capo-Arien? Gerade dieses langwierige Ringen um die Rückkehr des gerechten Königs hält den Zuschauer bis zum Schluss. Wie vor 280 Jahren.

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