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StartseiteTag für TagKonzentration aufs Wesentliche25.02.2020

Fasten in den ReligionenKonzentration aufs Wesentliche

Am Aschermittwoch beginnt für christliche Gläubige die Fastenzeit, auch andere Religionen kennen Zeiten des Verzichts. Der Religionswissenschaftler Michael A. Schmiedel erklärt, wie streng es zugeht, was Fasten von Selbstoptimierung unterscheidet und warum er sich aufs Osterbier besonders freut.

Michael Schmiedel im Gespräch mit Christiane Florin

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Eine Tafel mit der Aufschrift Fasten steht in einem leeren Kuehlschrank. Die Kirchen rufen fuer die Zeit vor Ostern zum Umdenken auf: In ihren traditionell am Aschermittwoch startenden Fastenaktionen werben Protestanten und Katholiken dafuer, das Handeln im Alltag zu ueberdenken und die Umwelt aktiv zu schuetzen.  (epd-bild/Heike Lyding)
Eine Tafel mit der Aufschrift "Fasten" steht in einem leeren Kuehlschrank (epd-bild/Heike Lyding)
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Christiane Florin: Welche Religion ist die strengste in Sachen Fasten?  

Michael A. Schmiedel: Zwangsläufig fällt einem erst einmal der Islam ein, weil man weiß, dass Muslime jedes Jahr einen ganzen Monat lang fasten. Wenn man hinter die Kulissen schaut, ist es gar nicht immer so streng. Ich denke auch manchmal an den Buddhismus, zumindest an die Mönche des Teravada-Buddhismus, die ihr ganzes Leben lang Intervallfasten machen, wie man es heute nennt von mittags bis zum nächsten Frühstück nix essen. Trinken dürfen sie. Sie nennen es allerdings nicht fasten, denn fasten ist für sie etwas Extremes, was sie ablehnen. Sie wollen den Weg der Mitte gehen, aber es ist für manche Leute schon streng. Ich habe mal einen englischen Mönch getroffen beim Abendessen. Ich sagte: Sie dürfen doch gar nicht Abendessen. Ja, doch, ich bin Engländer. Ich hab dieses Gelübde nicht abgelegt. Ich brauche mein Dinner.

Religionswissenschaftler Michael Schmiedel im DLF-Studio (Gerald Beyrodt / Deutschlandradio)Religionsgelehrte müssten die Gläubigen zur Toleranz anhalten, findet Religionswissenschaftler Michael Schmiedel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. (Gerald Beyrodt / Deutschlandradio)

Florin: Was ist das Versprechen dahinter? Was bringt Fasten?

Schmiedel: Es ist sehr, sehr differenziert in den verschiedenen Religionen, Konfessionen und so weiter. Aber ich würde sagen: Es ist die Aufforderung, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Also die Idee dahinter: Essen und Trinken sind zwar für den Körper etwas Wesentliches, Wichtiges, sonst könnten wir nicht leben. Aber es lenkt manchmal auch ab, dass man mehr isst, als man braucht, mehr trinkt, als man braucht und sich dadurch ablenkt von der Wahrheit, die in der jeweiligen Religion als wesentlich gelehrt wird, die über das Körperliche hinausgeht, die ins Transzendente hineinragt, ein Erlösungsangebot. Erlösung bedeutet ja häufig auch Erlösung vom Sinnlichen oder vom nur Sinnlichen.

Florin: Steht dahinter auch der Gedanke: Menschen wissen von alleine nicht, was ihnen gut tut, deshalb muss die Religion es ihnen sagen? Menschen wissen nicht von sich aus, was das Wesentliche ist?

Schmiedel: Natürlich, Religionen machen Vorschriften. Meistens steht irgendwo ein Mensch am Anfang, der durch eine besondere Erkenntnis Offenbarung oder dergleichen Wissen erlangt hat, das er weitergeben möchte, von dem er meint, die anderen Menschen haben es nicht von alleine. Ja, das das stimmt schon so.

Ein leerer Teller mit Gabel und Messer. (imago// Photocase) (imago// Photocase)Der Trend des Verzichtens - Mit Fasten zum perfekten Selbst?
Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Viele schränken sich beim Essen ein. Doch auch sonst hat Fasten Konjunktur. Eine Reaktion auf den verbreiteten Eindruck einer unübersichtlichen Welt?

Der mittlere Weg

Florin: Muss Verzicht wehtun oder guttun? Oder beides?

Schmiedel: Wehtun kann es manchmal. Es gibt ganz strenge Selbstkasteiungen, nicht nur beim Fasten. Es gibt auch den Verzicht auf bequeme Kleidung, da wird statt dessen ein Bußgürtel getragen. Selten heute, aber im mittelalterlichen Katholizismus kam das schon vor. Da war aber im Hintergrund, das Leiden Christi nachempfinden zu wollen, das heißt, durch den Schmerz durch das Leiden zur Erlösung zu kommen. Ähnlich bei manchen schiitischen Muslimen, die am Aschura-Tag sich selbst geißeln, um das Martyrium von Hussein nachzuempfinden.

Aber viele religiöse Lehrer sagen auch, es sollte eigentlich nicht wehtun. Ich habe letztens sogar einen jüdischen Spruch gelesen: "Wenn dich das Fasten mürrisch macht, dann iss und trink lieber". Im Endeffekt steht das Wohlbefinden des Menschen aber auf Ewigkeit hingerechnet, also das absolute Wohlbefinden im Vordergrund. Wenn man dafür kleine Opfer bringen soll, ist es gut. Aber es ist nicht immer erwartet, sich Schmerzen zuzufügen. Der Buddha hat es sogar abgelehnt. Der Legende nach hat er es zumindest auch selber ausprobiert, hat bis auf die Knochen gehungert, bis er dann eines Tages merkte, er kommt so nicht zur Erlösung. Also probiert man es mit dem mittleren Weg. Man isst so viel, wie man braucht, aber auch nicht mehr.

Florin: Wir sind noch im Karneval. Kann nur fasten, wer es vorher hat krachen lassen?

Schmiedel: Es ist schon so eine Dialektik zwischen krachen lassen, feiern, Feste feiern auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Enthaltsamkeit. Es geht ja nicht um die Feiern vorher wie Karneval, es geht auch um die Feier hinterher, also Ostern oder. Eine Fastenzeit, die wir hier im Westen meistens vergessen, ist die vorweihnachtliche Fastenzeit.

Florin: Der Advent als kleine Fastenzeit.

Beziehungskrise zwischen den Eltern, Tochter leidet mit. (imago stock&people) (imago stock&people)Fastenzeit - Dünnhäutig und reizbar
Viele Menschen halten es für sinnvoll, zeitweise auf Alkohol oder Süßigkeiten zu verzichten. Nicht jeder, der entsagt, fühlt sich besser. Es gibt Nebenwirkungen, vor allem für Paare.

Fasten als Ausrichtung und Konzentration

Schmiedel: Ja, die ist in der orthodoxen Kirche sieben Wochen lang. Das isst man sieben Wochen lang nichts Tierisches und meistens nur abends eine Mahlzeit oder nur mittags. Jedenfalls nur eine Mahlzeit am Tag. Da ist die Feier hinterher. Ursprünglich war es ein vorbereitendes Fasten auf die Taufe. Taufen wurden durchgeführt zur Weihnachtszeit und hier zu Ostern. Dann kommen noch Kommunion, Konfirmation im Anschluss an die Osterzeit. Als ein sich im Fasten auf diese besonderen Tage, die kommen werden, auszurichten und zu konzentrieren. Auch im Islam, der Ramadan: Man sollte - das heißt nicht, dass alle das so machen - tagsüber das Gebet, Nächstenliebe, Zuwendung zum Nächsten hin pflegen und abends dann gemeinsam in Gemeinschaft essen. Dieses Essen abends bezeichnen Muslime als besonders schön. Es gibt alles in den Religionen, das Ausschweifende und dann die strengste Kasteiung. Es gibt aber auch die Leute, die versuchen, überall Maß zu halten in beiden Richtungen, im Fasten und im Feiern.

Florin: Warum ist das christliche Fasten vergleichsweise locker? Man kann wählen zwischen dem Verzicht auf bestimmte Speisen, auch auf Alkohol, aber auch Handy-Abstinenz ist angesagt. Die evangelische Kirche ruft in diesem Jahr zu sieben Wochen ohne Pessimismus auf. Also man hat eine breitere Auswahl als nur zu sagen: Ich verzichte auf Nahrungsaufnahme, ich halte da Maß oder übe mich in Askese.

Schmiedel: Ich denke, das ist nicht typisch christlich, das ist typisch modern. Die katholische Kirche hat bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil strenger festgehalten an Fastenregeln. Und dann wurde das aufgelöst. So viel ich weiß, gibt es da zwei Tage im Jahr, die als strenge Fastentage gelten, dass sind der Aschermittwoch und der Karfreitag, also der Beginn und quasi fast das Ende der vorösterliche Fastenzeit. Diese strengen Fastentage sehen vor, dass man ein kleines Frühstück nimmt, ein gemäßigtes Mittagessen und ein Imbiss zum Abend, also auch kein richtiges Fasten. Das ist schon sehr locker, aber das war vor dem Zweiten Vatikanum schon strenger, auch das Fasten vor der Eucharistie, da sollte man am selben Tag nichts gegessen haben.

Heute ist es so: Menschen sind individualistischer, sie brauchen keine allgemeinen Regeln. Jeder soll sich's aussuchen dürfen. Man metaphorisiert es mehr, es ist nicht so sehr das körperliche Fasten wichtig, sondern das geistige Fasten. Den Geist ausrichten auf das Wesentliche und dann eben mal auf Dinge zu verzichten, von denen man selber merkt, dass sie einen sonst abhängig machen. Das kann Alkohol sein oder das Handy oder Pessimismus. Das ist auch lustig, man sollte eigentlich immer einen gesunden Optimismus haben, das ganze Leben über. Sonst ist es sehr schwierig zu leben.

Die Stunde der Kontrollettis

  (Deutschlandradio / Hans-Jörg Brehm) (Deutschlandradio / Hans-Jörg Brehm)Sarah Diefenbach vs. Volker Busch - Digital Detox – ist Smartphone-Fasten sinnvoll?
Ein Leben ohne Smartphone, für viele unvorstellbar. Ständig tippen wir auf dem Handy herum, bemerken kaum, wie sich unsere Wahrnehmung verändert. Zeit für Smartphone-Verzicht?

Florin: Sie würden schon sagen, dass Handy-Verzicht, digitale Abstinenz in der Tradition des Fastens steht?

Schmiedel: Wenn man sagt: Bete! Dann konzentriert man sich, wenn man es gut macht, während des Gebets auf den Inhalt und auf Gott und so weiter und tut nichts anderes in der Zeit. Ähnlich ist es dann, wenn man sagt: Du hast viele Ablenkungen, traditionell ist auch, auf Tanz und Musik zu verzichten in strengen Fastenzeiten. Zu Tanz und Musik sind heute allerlei andere Ablenkungen dazugekommen, sei es Fernsehen, sei es Handys, Internet. Menschen haben sehr unterschiedliche Lebensstile. Der eine tanzt nie. Also was nützt das, dem zu sagen: Verzichte auf Tanz. Dafür hängt er den ganzen Tag in einer der Sozialmedien rum. Dann verzichtet er darauf. Ein anderer verzichtet auf Facebook sowieso, weil er das nicht ausstehen kann. Da verzichtet er dann, wenn er will, auf etwas Anderes in der Fastenzeit. Also, ich meine schon, dass es in der Tradition steht.

Florin: Fasten arbeitet auch mit dem schlechten Gewissen, früher sogar mit Höllenängsten. Wie hängen Selbstbeherrschung und Herrschaft über andere zusammen? Sind Menschen, die fasten können, diejenigen, die in Religionen oft das Sagen haben?

Schmiedel: Oh, das weiß ich nicht im Einzelnen, wie die religiösen Führer zum Beispiel fasten. Vom Dalai Lama weiß ich, dass er jeden Morgen sehr, sehr früh aufsteht und erst mal ein paar Stunden meditiert. Das ist auch eine Art fasten, weil er sich in der Zeit anderer Sachen enthält, die ihn ablenken könnten. Aber er ist auch Mönch, also etwas Besonderes, kein Laienbuddhist.

Was ich mir vorstellen kann, ist, wenn ein Mensch aus eigener Überzeugung fastet, weil er sagt: Ich möchte jetzt mal auf etwas verzichten und mich auf etwas konzentrieren, was mir eigentlich wichtiger ist. Dann kann er sagen: Okay, das ist meine Entscheidung. Andere mögen andere Entscheidungen treffen. Er kann aber auch sagen: Was ich von mir fordere, fordere ich von allen. Wenn ein Mensch eigentlich gar nicht überzeugt davon ist, wenn er es von sich aus gar nicht machen würde, sondern nur aus Gehorsam gegenüber Autorität - diese Menschen sind häufig die, die wiederum von anderen das verlangen, dass sie genauso gehorchen. Sie leiden eigentlich darunter, dass sie das müssen und denken: Warum soll ich alleine leiden? Das müssen doch die anderen bitteschön auch, dann ist es Gerechtigkeit. Aber wenn ich der einzige bin, der das macht und die anderen schlagen über die Stränge, dann fühlen sie sich ungerecht behandelt.

Florin: Das sind also die religiösen Kontrollettis?

Schmiedel: Ja, so was ja.

Gemeinsam fasten

Florin: Deutschland ist ein multireligiöses Land, es gibt die christliche Fastenzeit, Ramadan, Jom Kippur als jüdischen Fastentag. Diese Fastenzeiten fallen in unterschiedliche Zeiträume. Wie wichtig ist das Gefühl: Ich faste nicht allein, da fasten viele mit?

Schmiedel: Ich denke, das ist tragend. Gerade wenn es etwas Schwieriges ist, wenn ich jetzt selber faste und rundherum essen alle anderen, ist das erst mal schwieriger für mich, ich muss ihnen vielleicht hungrig beim Essen zusehen. Wenn andere mit mir zusammen fasten und dann auch gemeinsam das Fasten brechen, stärkt das das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Gemeinschaftsgefühl. Religion hat ja auch eine sehr starke soziale Funktion, nicht nur beim Fasten. Auf der anderen Seite kann das über die Stränge schlagen, wie in Marokko, wenn dann eine Fastenpolizei im Ramadan herumgeht und jeden verhaftet, der beim öffentlichen Essen erwischt wird.

Florin: Dann wird's autoritär. Viele nutzen Fitness-Apps, Fitness-Tracker, sie zählen die Kalorien oder lassen ihr Handy die Kalorien zählen, die sie zu sich genommen haben. Sie kasteien sich, um fit zu sein für den Job oder fürs schöne Foto auf Instagram - und zwar ganzjährig. Wenn eine Fastenzeit eine Unterbrechung sein soll: Wie lässt sich ein Dauer-Selbstkasteiungs-Modus unterbrechen?

Schmiedel: Indem man in der Fastenzeit auf diese Apps verzichtet.

Eine junge Frau beim Joggen. (imago / Westend61)Eine junge Frau beim Joggen. (imago / Westend61)Fastenzeit - Schlankheitswahn neu verpackt
Christen fasten, auch Nicht-Gläubige verzichten. Die Fashion-Bloggerin Hengameh Yaghoobifarah sieht im Fasten sowie im Veganer-Trend einen neu verpackten Schlankheitswahn.

Florin: Ich hätte jetzt gedacht: Indem man in der Fastenzeit erst recht der Völlerei frönt.

Schmiedel: (lacht): Ein Freund von mir zählt täglich seine 10.000 Schritte, ja, um sich wohler zu fühlen. Er will sich nicht kasteien. Er sagt, er fühle sich besser so. Es kommt darauf an, welches Ziel man vor Augen hat. Wenn man denkt, es tut meiner Gesundheit gut, es tut meinem Wohlbefinden gut, dann macht man es ja auch für sich. Dann ist aber auf der anderen Seite dieses Fitness-Dingens. Fit heißt passen auf Englisch. Man muss so passen in den Job, dass man leistungsstark ist, dass man keine Krankheitsausfälle hat, dass man sein Pensum schafft. Oder auch beim Aussehen: Dass man mit der Konkurrenz der anderen schönen Menschen mithalten kann, gerade bei der Partnerwahl. Das heißt, da ist das Fasten, wenn man es als Fasten bezeichnen will, eingepasst in unsere Leistungsgesellschaft.

Florin: Würden Sie das als Fasten bezeichnen? Ist das ein säkulares, säkularisiertes Fasten?

Schmiedel: Eigentlich nicht. Es ist Selbstoptimierung.

Florin: Weil die religiöse, die spirituelle Dimension fehlt, also die Bereitschaft, sich für Gott zu öffnen?

Schmiedel: Zumindest ist es dann kein religiöses Fasten, gesundheitliches Fasten ist es auch nicht. Sie setzen sich unter Enthaltsamkeits-Druck quasi, der Sie auch psychisch krank machen kann. Es ist weder gesundheitlich noch religiös empfehlenswert aus meiner Perspektive.

Florin: Jetzt kommt die unvermeidliche Frage auch an einen externen Beobachter, an einen Religionswissenschaftler. Fasten Sie selbst von Aschermittwoch an?

Schmiedel: Ja, ich verzichte auf Alkohol. Ich bin Hobby-Bierverkoster, zum Beispiel. Das bedeutet jetzt mal siebeneinhalb Wochen kein Bier zu trinken, allerhöchstens mal ein alkoholfreies, aber auch das seltenst. Keinen Wein, keinen Whisky zu verkosten und so weiter. Aber es tut gut. Das mache ich auch der Gesundheit zuliebe. Und das beste Bier ist das nach der Osternachtsmesse. Ist das leckerste im ganzen Jahr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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