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Fatale Folgen freier Forschung

Biowaffen. Anregungen für neue Attacken mit Biowaffen können Terroristen durchaus auf den Seiten bekannter Wissenschaftsmagazine finden. Auf einer Konferenz in Berlin berieten Experten, welche Regeln nötig sind, damit die Forschung nicht den Falschen in die Hände spielt.

Von Volkart Wildermuth | 04.12.2006

    Am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin wird an vielen gefährlichen Erregern geforscht. Einer hat einen besonders schlechten Ruf: Bacillus anthracis. Der Anthrax-Erreger gilt als mögliche Biowaffe, im Kalten Krieg haben sowohl die USA wie auch die UdSSR mit dem Bakterium experimentiert. Aktueller sind die Briefe mit Anthrax-Sporen, die kurz nach dem Angriff auf das World Trade Center in den USA verschickt wurden. Fünf Menschen starben, die Dekontaminierungskosten beliefen sich auf viele Millionen Dollar. Trotzdem befürchtet Professor Stefan Kaufmann, er ist Direktor am MPI für Infektionsbiologie, nicht, mit seiner Forschung Terroristen in die Hände zu spielen.

    "Also unsere Untersuchungen mit Anthrax beschäftigen sich in erster Linie mit der körpereigenen Abwehr. Es ist schwierig sich da direkt vorzustellen, wie diese Daten missbraucht werden könnten, aber man weiß ja nie, was ein verschrobenes Gehirn alles finden und sich ausdenken kann. Ich glaube aber, dass in unserem Fall die Abwägung ganz klar auf der Seite der Freiheit zu publizieren und der Freiheit der Forschung liegt."

    Arbeiten, bei denen es nur darum geht, die Aggressivität eines Erregers zu erhöhen, sollten allerdings erst gar nicht gefördert werden. Diese liberale Haltung teilen die meisten Forscher. Selbst das Beratergremium, das in den USA überprüft, ob bestimmte wissenschaftliche Artikel ein Sicherheitsrisiko darstellen, hat bisher noch keine Publikation für geheim erklärt. Trotzdem sind die Wissenschaftler vorsichtiger als früher. Die Zeitschrift "New Scientist" konnte vor einiger Zeit noch gefährliche Gensequenzen einfach übers Internet bestellen. Heute überprüfen die Firmen nicht nur, von wem genau sie den Auftrag erhalten, sondern auch, ob das Gen selbst problematisch ist, erläutert Professor Ralf Wagner von dem deutschen Unternehmen Genart, das auf Bestellung Gene liefert.

    "Erst dann, wenn wir alle diese Fragen klar mit Nein beantworten können, erst dann starten wir überhaupt die Synthese und setzen uns überhaupt mit dem Kunden auseinander."

    Gerade ist Genart dabei, sich mit anderen Unternehmen abzustimmen, damit niemand die Gene eines Krankheitserregers sozusagen Stück für Stück bestellen kann. Die Forschung versucht sich selbst zu regulieren. Das ist vielen Politikern, gerade in den USA, zuwenig. Auf der anderen Seite sind Terroristen aber nicht auf High-Tech-Forschung angewiesen, meint Stefan Kaufmann.

    "Biowaffen, das heißt nichts anderes als ein biologisches Agens, sprich ein Erreger wird missbraucht. Und Erreger findet man in jedem Krankenhaus die findet man in der Umgebung, und die kann man direkt nutzen wenn man also Hysterie auslösen will, dann kann man das auf sehr viel einfachere Weise."

    Schwierig ist es allerdings, Viren oder Bakterien so zu verarbeiten, dass sie auch wirklich Tausende von Menschen infizieren können. Diese Schritt kann wohl nach wie vor nur ein Staat und keine kleine Terrorgruppe leisten. Deshalb ist die Biowaffenkonvention so wichtig, die jede offensive B-Waffen-Forschung verbietet. Kontrollmöglichkeiten sind allerdings nicht vorgesehen. Gerade wird in Genf wieder über diesen Punkt verhandelt, verändern wird sich aber nichts, fürchtet Doktor Oliver Meier von der Arms Control Association. Vor allem die USA sperren sich. Dabei haben sie nach den Anthrax Briefen ein massives Biosicherheitsprogramm aufgelegt, in das bislang 36 Milliarden Dollar geflossen sind.

    "Das gibt Anlass zur Sorge natürlich, denn viele dieser Aktivitäten sind geheim, wir wissen nicht was da vorgeht. Es ist eben schlecht für ein Verbot wenn hier sehr viele, Tausende von Leuten an Aktivitäten beteiligt sind, die sehr schnell für militärische Aktivitäten missbraucht werden könnten. Und hier sind die USA in der Pflicht natürlich auch, für mehr Offenheit zu sorgen."

    Grundsätzlich ist auch Professor David Franz vom Midwest Research Institute für Offenheit. Er betont, dass diese Arbeiten nicht nur der Abwehr von Terroristen dienen.

    "Die Grundlagenforschung lässt sich bei allen neu auftretenden Krankheiten verwenden, ganz gleich ob sie aus der Natur oder von Menschen kommen. Was die Befürchtungen andere Nationen betrifft, sollten wir so offen wie möglich sein. Wir sollten zumindest sagen, was wir machen, aber vielleicht nicht alle Ergebnisse offen legen."

    Damit vertritt David Franz wohl eher nicht die Position der amerikanischen Regierung. Auf der Berliner Tagung lautete die zentrale Botschaft Offenheit. Terroristen könnten das Wissen über die Erreger missbrauchen, aber diese Gefahr ist nach Überzeugung der Forscher klein, gemessen an den Vorteilen, die die Infektionsbiologie für die Gesundheit bringt.