Mittwoch, 18. Mai 2022

Krieg in der Ukraine
"Freunde und Familie müssen gerade kämpfen"

Der ehemalige Fechter Mark Perelmann ist in Kiew geboren und hat Freunde und Familie in dier Ukraine. Die Berichte aus seiner Heimat hätten ihn "sehr erschüttert", sagte er im Dlf. Ehemalige Fechtkollegen würden nun "fechten im Real Life, aber auf einen Treffer".

Mark Perelmann im Gespräch mit Matthias Friebe | 26.02.2022

Ukrainische Soldaten stehen an einem Kontrollpunkt in der Hauptstadt Kiew.
Ukrainische Soldaten an einem Kontrollpunkt in der Hauptstadt Kiew (dpa)
Mark Perelmann ist ein ehemaliger Weltklasse-Fechter. Weil es nicht für eine Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio gereicht hat, beendete er 2021 im Alter von 27 Jahren seine Karriere und ist nun als Trainer aktiv. Fechten ist für Perelmann aktuell aber ganz weit weg. Geboren ist er nämlich in Kiew. Bis zu seinem siebten Lebensjahr hat er in der Ukraine gewohnt und hat noch immer Familie und Freunde in dem Land, das aktuell von Russland unter Beschuss genommen wird.
"Ich bin persönlich sehr erschüttert", sagte Perelmann im Deutschlandfunk-Interview. "Ich habe in der Zeit sehr wenig geschlafen. Ich bin immer in Alarmbereitschaft. Vor allem bei dem was man von Freunden hört, mit denen man jahrelang gefochten hat, da kann man nur in Alarmbereitschaft sein."

"Man hört die ganze Zeit Schüsse"

Seine Familie sei teilweise auf das Land gezogen, der andere Teil sei in der Stadt geblieben, sagte er. "Die erzählen mir, die verstecken sich entweder in der U-Bahn, verstecken sich im Keller oder liegen fast den ganzen Tag in der Badewanne, weil sie hoffen, dort nicht von Splittern getroffen zu werden, wenn eine Granate einschlägt. Man hört die ganze Zeit Schüsse. Teile meiner Familie und meiner Freunde müssen gerade kämpfen."
Familie und Freunde aus dem Land zu holen, sei unmöglich, so Perelmann: "Wenn sie nicht an die Grenze kommen, habe ich keine Chance. Alle Männer zwischen 18 und 60 kommen nicht aus dem Land. Und in die Ukraine kommt man auch nicht rein. In die Ukraine reinzufahren, ist lebensgefährlich."

"Das ist purer Krieg"

Diese Eskalation, vor allem in dem Tempo, habe Perelmann nicht für möglich gehalten. "Am Freitag ist es komplett eskaliert. Man hört nur noch Schussgeräusche, Hubschrauber sind über Kiew, das ist purer Krieg. Und wir reden hier von Leuten, die gestern noch auf der Fechtbahn waren und heute machen sie Fechten im Real Life, aber auf einen Treffer. Und dann ist es nicht: Ich habe verloren, ziehe die Maske ab und mache es beim nächsten Mal besser. Nein, ein nächstes Mal gibt es leider nicht."
Kiew: Blick auf ein nach einem Raketenangriff beschädigtes Wohnhaus.
Kiew: Blick auf ein nach einem Raketenangriff beschädigtes Wohnhaus.
Hilferufe und Flucht-Berichte
Russland führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Mehrere Sportlerinnen und Sportler aus Russland und der Ukraine haben sich über die sozialen Netzwerke zu Wort gemeldet. Neben Aufrufen zum Frieden gibt es auch Hilferufe. Tennisspielerin Dajana Jastremska berichtet von ihrer Flucht.
Ein Teil der ukrainischen Fechter ist am Donnerstag noch bei einem Weltcup im Kairo angetreten. "Die sind dort gestartet, aber haben mir erzählt, sie hätten in jeder Pause auf das Handy geschaut, die Familie angerufen. Die sind zwar dort gestartet, aber das hätte man sich ehrlich gesagt auch sparen können. Ich weiß nicht, woher sie die Kraft hatten, auf die Fechtbahn zu gehen und zu fechten." Noch würden diese Fechter in Ägypten festsitzen, berichtet Perelmann.

"Sie verteidigen ihre Gemeinde"

Die Fechter, die noch nicht zum Weltcup geflogen waren, hätten nun zu den Waffen gegriffen. Perelmann: "Ich kenne zumindest zwei Leute, die zu den Waffen gegriffen haben. Die haben Teile ihrer Ersparnisse komplett dem Militär gespendet, damit die Benzin kaufen können. Die verteidigen gerade Kiew mit einer Kalaschnikow gegen ein übermächtiges Russland mit Militärtechnik. Wir reden hier von einer der stärksten Militärmächten der Welt und die verteidigen ihren Bezirk, ihre Gemeinde. Sie sind nicht in der regulären Armee. Sie hätten das nicht machen müssen. Die machen das freiwillig."
Im Sommer sei Perelmann noch selbst in Kiew gewesen. "Es war eine feucht-fröhliche Stimmung, wie in einer typischen europäischen Stadt im Sommer. Das kann keiner fassen, was da passiert ist. Also wir reden davon, dass die Ukraine überfallen wird, wie Polen 1939", sagte er. "In meiner Familie sind mehr als die Hälfte russischsprachig. Und viele sind auch russisch-stämmig. Das interessiert niemanden. Die wollen in dem Land Ukraine leben, wo man als Russe leben kann, wo man als Ukrainer leben kann. Sie wollen nicht zu Russland gehören, sie wollen nicht annektiert werden. Die kämpfen für ihre Heimat. Die kämpfen mit einer Kalaschnikow und wenn ein russischer Panzer kommt, haben die keine Chance. Wir reden hier von Leuten, die 20, 25, 30 Jahre alt sind, die ausgebildet sind, die eigentlich die Wirtschaft aufbauen können. Diese Leute werden sterben, wenn der Krieg nicht aufhört."
Hoffnung habe Perelmann keine. "Das einzige, was ich hoffe ist, dass diese Leute da heraus kommen und dass sie es schaffen, die Ukraine zu verteidigen."