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StartseiteKultur heuteFehlender Mut zu politischen Statements22.07.2010

Fehlender Mut zu politischen Statements

Die französischen Regisseure beim Theaterfestival in Avignon

Es sind vor allem ausländische Produktionen, die beim Theater-Festival in Avignon in diesem Jahr überzeugen und mit stehenden Ovationen bedacht werden. Zurückhaltend und farblos hingegen bleiben die französischen Beiträge.

Von Eberhard Spreng

Bilanz des Theater-Festivals in Avignon (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Bilanz des Theater-Festivals in Avignon (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
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Theaterfestival Avignon

Ein Mann steht ganz allein in der Mitte einer ansonsten finsteren Bühne. Über ihm schweben in einer Bilderwolke Reminiszenzen, Bilder von Reliquien des vergangenen Lebens. Eine ausgeklügelte und äußerst kunstvolle Videoprojektion begleitet das von Meisterschauspieler Laurent Poitrenaux vorgetragene Solo: Ein Fluss suggestiver Assoziationen, ein freies literarische Spekulieren zwischen Alltagswahrnehmungen, Reflexionen, Erinnerungen.

Olivier Cadiot, einer der beiden "artistes associé" in diesem Jahr und Autor des Textes, kollagiert Reales und Irreales, Vergangenheit und Gegenwart, Triviales und Metaphysisches. In diesem freien Fabulieren wird man indessen eine kohärente Geschichte vergeblich suchen und stößt statt dessen auf überraschende Kontraste, humorvolle Gedankenblitze. Sein Erzähler, ein namenloses Wesen X, funktioniert dabei wie ein Welt-Ich, das zwischen sich und den Dingen, die es wahrnimmt, zwischen dem eigenen Subjekt und dem Kosmos mit all seinen Molekülen und Energien nicht unterscheidet.

Nach kurzweiligen eineinhalb Stunden kommt die letzte Uraufführung des Festival-Programms zu einem umjubelten Ende.

Einen ganz anderen Kosmos der Einsamkeit erkundet Shakespeares Richard der Zweite, der sein Reich mit riskanten politischen Entscheidungen verspielt und von einer Revolte des Henry Bolingbroke von Thron gefegt wird. Das Porträt des zuletzt machtmüden Königs spielt im Papstpalast der Film- und Theaterschauspieler Denis Podalydès als einen unentwegt über die weite Bühne tänzelnden, trippelnden, in seinem langen Königsmantel fast schwebenden Mann.

Dieser Richard der Zweite verfällt in einen beschwingten Walzer, wo es doch darum ginge, eine gefährliche Erosion seines Machtgefüges abzuwehren. Allzu früh schon ist dieser König als ein Narr in Amtswürden gebrandmarkt, allzu wenig Entwicklung wird der Figur zugestanden. Regisseur Jean-Baptiste Sastre zeigt zuwenig regielichen Zugriff und überlässt auf leerer, großer Bühne seinem Ensemble das mehr oder weniger gelungene Deklamieren des Textes. Ein Flop am Ende des diesjährigen Festivalprogramms. Bei einer Gesamtschau der gezeigten französischen Arbeiten scheint indessen zwischen Cadiots Erfolg und Sastre Scheitern ein geheimer Zusammenhang. Denn wenn es um das Ausloten privater Befindlichkeiten und persönlicher Mentalitätssysteme geht, dann lassen sich die Arbeiten sehen. Soll hingegen die weite Welt das klassischen Dramenrepertoires ausgelotet oder gar für das politische Debakel einer in Korruption versinkenden Sarkozy-Republik fruchtbar gemacht werden, scheitern die französischen Produktionen kläglich an der eigenen Mutlosigkeit. Der Ort des Politischen ist geradezu skandalös verwaist; den Ausländern überlässt man die Reflexion über die Verhältnisse zwischen zeitgenössischem Individuum und globalisierter Welt.

Dies lotete der Deutsche Falk Richter mit dem Gastspiel "Trust" und einer neuen Arbeit aus, die Spanische Performerin Angelica Lidell untersuchte in ihrer aggressiv provozierenden Show "El Año de Ricardo" an der Richard III.–Figur Shakespeares das Verhältnis von Despotie und Psychose und bemerkt, dass die Sprache der Macht die Sprache der Idiotie sei, der Flame Guy Cassiers erkundete in seinem "Mann ohne Eigenschaften" die Möglichkeiten, den großen Roman vom Ende einer Epoche für die Bühne beredt zu machen, und Christoph Marthaler stellt in seiner Wiener Arbeit "Schutz vor der Zukunft" zwischen der faschistischen Auslesepolitik und der modernen Biotechnik erschütternde Verbindungen her, für die sich das Publikum in Avignon mit Standing Ovations bedankte.

Wo aber ist der französische Beitrag zur Reflexion über die Lage des zeitgenössischen Individuums? Avignon müsste vor allem auch mit eigenen Produktionen starke politische Akzente setzen. Da sich das Festival immer wieder gerne auf seine Tradition beruft – Jean Vilars Rekonstruktion des republikanischen Theaters nach den Jahren von Faschismus und Kollaboration – muss es sich auch an diesem Erbe messen lassen. Zwar hat man in Flugblättern, einer Demonstration und Erklärungen vor der ersten Papstpalastpremiere auf bedrohliche Mittelkürzungen hingewiesen, auf eine Kulturpolitik der absichtlichen Verunsicherungen und Verängstigungen, zwar lösen mutwillige Besetzungsentscheidungen der Sarkozy-Administration in der Kulturszene Skandale aus, aber ästhetische, politische, dramaturgische Positionen des Widerstandes lässt das Festival in diesem Jahr nicht erkennen.

Theaterfestival Avignon

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