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StartseiteUmwelt und VerbraucherFehler der Vergangenheit25.04.2008

Fehler der Vergangenheit

Der rumänische Uranabbau und seine Folgen

Der EU-Neuling Rumänien setzt bei seiner Energieversorgung auf die Kernkraft. Über den nötigen Rohstoff verfügt das Land reichlich: Seit den 50er wird in Rumänien Uran abgebaut, für den Export in die Sowjetunion und später auch den eigenen Bedarf. Der Schutz der Minenarbeiter und der Umwelt spielte dabei kaum eine Rolle - die Folgen spürt das Land noch heute.

Von Thomas Wagner

Auf Druck der EU musste Rumänien nach seinem Beitritt zwei Uranminen schließen.  (AP)
Auf Druck der EU musste Rumänien nach seinem Beitritt zwei Uranminen schließen. (AP)

Das Auto rumpelt in Schrittgeschwindigkeit dahin. Die Straße zwischen der westrumänischen Kleinstadt Orawitza und dem Dörfchen Ciudanovita ist mit reichlich Schlaglöchern übersät. Am Straßenrand liegt ein toter Hund. Bei vielen Häusern fehlen Fenster und Türen, wie in einer Geisterstadt. Kurz vor dem verrosteten Ortsschild ein mit viel Unkraut verwitterter Grubeneingang - und ein alter Mann, der merkwürdige Geschichten erzählt. Von denen, die in den Minen gearbeitet haben, lebt kein einziger mehr, sagt Marinica Petru, 76 Jahre alt. Der Handwerker ist gebürtig in Ciudanovita und hat sein ganzes Leben in dem Dörfchen verbracht:

" Als die Ausbeutung der Gruben hier begann, war zunächst überhaupt nichts mehr zu spüren. Erst viel später haben wir die Folgen gesehen. Die Strahlung hat den Leuten nach und nach die roten Blutkörperchen zerstört. Und dann sind viele von ihnen gestorben, an Krebs. "

Marea Depatu erzählt in kurzen Worten die Geschichte der ältesten Urangrube Rumäniens. Die wurde in dem unscheinbaren Dörfchen Ciudanovita bereits Anfang der 50er Jahre angelegt. Das Uran, das die Rumänen hier förderten, war ausschließlich zum Export an den sozialistischen Bruderstaat Sowjetunion bestimmt. Erst viel später, in den 80er Jahren, nahm Rumänien den ersten Reaktorblock seines Kernkraftwerkes Cernavoda in Betrieb. Das notwendige Uran kam von da an unter anderem aus Ciudanovita. Von heute üblichen Sicherheitsstandards, von umweltgerechtem Abbau konnte damals keine Rede sein, weiß der junge Bergbau-Ingenieur Valentin Calen von der Nationalen Fördergesellschaft für Uran Rumäniens:

" Die Arbeiter hatten damals keinerlei Ahnung von der Gefährlichkeit ihres Jobs. Und gerade am Anfang wurde strahlendes Uran in äußerst hoher Konzentration abgebaut. Die Mitarbeiter haben das Uranerz ganz einfach auf dem Rücken getragen, wie eine Art Rucksack. Keiner hat ihnen gesagt, um was es überhaupt geht. "

Wie viele der ursprünglich 2000 Minenarbeiter von Ciudanovita verstrahlt wurden, erkrankten oder gar verstarben, ist in keiner Statistik erfasst. Der Uranabbau wurde im kommunistischen Rumänien als Staatsgeheimnis behandelt. Und auch danach ist das Thema tabu. Erst 1996 wurde die Grube geschlossen. Valentin Calen:

" Auf Druck der EU mussten nahezu alle Gruben Rumäniens geschlossen werden, nicht nur der Uranabbau. Dann gab es auch nach jahrzehntelanger Ausbeutung das Problem, dass die Rentabilität der Ausbeutung gesunken war. "

Heute arbeiten noch rund 60 Mann in den Urangruben. Ihre Aufgabe: Die umweltgerechte Sicherung und Versiegelung der Stollen - und die ständige Kontrolle der Strahlungswerte in der Umgebung. Die, sagt Bergbauingenieur Valentin Calen von der Nationalen Fördergesellschaft für Uran, sei seitdem stark gesunken:

" Wir haben 1997 unsere Strahlungsmessungen auch auf den zehn Kilometer entfernten Bahnhof von Oravita ausgedehnt. Nun, über zehn Jahre später, lässt sich dort überhaupt nichts mehr nachweisen, so dass wir auch keine Proben mehr entnehmen müssen. Wir beschränken uns nun mit den Messungen n auf den Kernbereich der Stollenanlage. "

Ciudanovita gilt deshalb auch landläufig als "gute Mine" nach bösem Spiel, weil die Strahlungsbelastung durch die Uranförderung kaum mehr messbar ist:

" Es gibt natürlich auch die "bösen Minen", auch wenn sie aufgelassen sind. Es gibt am Ufer des Donau-Stausees am Eisernen Tor alte Minen noch aus der Zeit, als dort Schürf- und Prospektionsarbeiten durchgeführt wurden, auch fündig wurden, aber nicht mehr in die Ausbeutungsphase getreten sind, weil das Wasser des Donau-Stausees teilweise die Galerien geflutet hat beim Steigen mit der Folge, dass an gewissen Stellen Grubenwasser in Form von kleinen Bächen oder Rinnsalen austritt, hochradioaktiv ist, so radioaktiv, dass die Gewässer, in der diese Grubenbäche fließen, verseucht werden, soweit, dass keine Lebewesen mehr existieren, "

so der rumänische Journalist Werner Kremm aus Resita im Banater Bergland. Das heißt: Bei der Anlage des Donau-Stausees für ein riesengroßes Wasserkraftwerk wurden die Urangruben im rumänischen Kreis Mehedinti nahe der Donau schon Anfang der 70er Jahre geflutet. Das Wasser drang in die Schächte ein, stieg immer höher und tritt bis heute an bestimmten Stellen wieder aus - ein Vorgang, über den die rumänischen Behörden gerne das Mäntelchen des Schweigens hüllten. Denn die Gruben von Mehedinti wurden nach der Überflutung schon 1989, also in der Endphase der Ceausescu-Diktatur, vollständig geschlossen. Alles, was damit im Zusammenhang stand, erklärten die Machthaber zum Staatsgeheimnis. Danach geriet der Fall in den Zeiten des postkommunistischen Wandels weitgehend in Vergessenheit - allerdings nicht bei den Menschen vor Ort. Werner Kremm:

" Also die Leute sagen, dass aus dem Bach, unterhalb der Stelle, wo das radioaktive Wasser einmündet, nicht einmal die Vögel zum Trinken können, und dass auch die Nutztiere, die die Bauern haben, also wenn die zufällig hinkommen und aus diesem Wasser trinken, krank werden. "

Ilisova heißt der in der Hauptsache betroffene Bach, der zwar real existierend dahinplätschert, aber auf den meisten Landkarten nicht zu finden ist. Auch er fiel unter das Staatsgeheimnis vor 1989 in Zusammenhang mit dem Uranabbau. Die für die Wasserversorgung zuständige Behörde "Apele Romane Banat" lässt in einem dürren Kommunique dazu verlauten, die Konzentration von Urankernen in den analytischen Proben liege "in den normalen Grenzen der wichtigsten Oberflächengewässer Rumäniens." Absolute Messwerte werden dabei allerdings nicht genannt. Zwar sollen auch die relativ kleinen Gruben von Mehidinti in absehbarer Zeit umweltgerecht versiegelt werden:

" Allerdings erscheint für diese Arbeiten, die eigentlich wenig umfangreich sind, auch erheblich weniger Geld vorhanden zu sein in dieser Phase. Und damit dauert es länger. Das heißt: Es verläuft viel schleppender. "

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