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StartseiteUmwelt und VerbraucherFeinstaub in Madrid13.08.2008

Feinstaub in Madrid

Umweltschützer werfen Behörden Untätigkeit vor

In kaum einer Stadt Europas belastet mehr Feinstaub die Lungen der Anwohner als in Madrid. Die Behörden registrieren die Belastung durchaus - an 25 Stellen in der Hauptstadt Spaniens wird die Feinstaubkonzentration gemessen. Doch Konsequenzen haben die Messergebnisse bisher kaum - auch wenn die Gesundheitsschädlichkeit des feinen Staubes bekannt ist.

Von Hans-Günther Kellner

Madrider Behören schieben die hohen Feinstaubwerte auf Sandwolken aus der Sahara.  (AP Archiv)
Madrider Behören schieben die hohen Feinstaubwerte auf Sandwolken aus der Sahara. (AP Archiv)

Wörtlich übersetzt wäre der "Paseo de las Delicias" die "Promenade der Köstlichkeiten". Doch der Name hat keine Bedeutung. So schlecht wie hier ist die Luft in der ganzen Stadt nicht. Die zulässigen Höchstwerte für Feinstaub wurden hier letztes Jahr an 125 Tagen überschritten. Erlaubt wären höchstens 35 Grenzwert-Verletzungen im Jahr. Die Organisation "Umweltschützer in Aktion" mahnt seit acht Jahren Maßnahmen dagegen an. Paco Segura ist ihr Sprecher:

" Einer von der EU-Kommission geförderten Studie zufolge ist die Feinstaubbelastung in Madrid so hoch wie in kaum einer anderen europäischen Stadt. Dieser Studie zufolge kommt es in Madrid jährlich zu 1.699 vorzeitigen Todesfällen jährlich. Das sollte also ein Problem allerersten Ranges sein, zumindest wenn den Kommunalpolitikern etwas an der Gesundheit der Bevölkerung liegt. "

Das Thema ist für die Behörden sichtlich unangenehm. Die zuständige Umweltdezernentin möchte sich nicht dazu äußern. Ihr Referatsleiter für Luftreinhaltung Salvador Castillo meldet sich schließlich am Telefon:

" Beim Feinstaub müssen wir die Sandwolken aus der Sahara berücksichtigen. Diese Tage verfälschen das Bild der tatsächlichen Belastung. Wenn wir diese Tage abziehen, erfüllen wir die EU-Norm. Es stimmt aber auch, an dieser einen Stelle wird der Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft auch so überschritten. "

Das Wetter wird oft bemüht, wenn die Luft in Madrid besonders schlecht ist. Ein städtisches Strategiepapier beklagt die geringen Niederschläge, die geringe Vegetation im trockenen Umland und sogar die Kornfelder bei der Suche nach Gründen für die hohen Feinstaubwerte. Umweltschützer Paco Segura sieht die tatsächliche Ursache hingegen im dichten Schnellstraßennetz. In und um Madrid gebe es vier mal mehr Autobahnkilometer als um London, sagt er:

" Wenn die Luft aus der Sahara kommt, sind die Werte tatsächlich sehr hoch. Aber auch außerhalb dieser Zeit ist die Luftverschmutzung enorm. Es stimmt, in Mitteleuropa mit mehr Regen und Wind wäre die Kontamination geringer. Aber wir haben nun mal diese Situation und können sie doch nicht ignorieren. Man könnte den Verkehr reduzieren, aber es wird nicht gemacht. "

Zumal auch Ärzte vor einer ständigen Belastung der Menschen durch schmutzige Luft warnen. Joaquín González arbeitet in einem der vielen staatlichen ambulanten Gesundheitszentren in Madrid. Der Mediziner beklagt nicht nur eine steigende Zahl an Atemwegserkrankten:

" Die Luftverschmutzung führt auch zu mehr Herz-Kreislauferkrankungen. Die Hälfte der Herzinfarkte sind nicht auf die bekannten Risikofaktoren Bluthochdruck oder hohe Blutfettwerte zurückzuführen. Die schmutzige Luft oxidiert die Arterien genauso wie das Cholesterin. Der Feinstaub ist hochtoxisch. Er schwächt das gesamte Immunsystem, und verursacht Krebs. Er ist die Pest des 21. Jahrhunderts. "

Schon zwei Mal haben die Behörden Maßnahmen gegen den Verkehr angekündigt. Aber nichts ist passiert. Nun soll bis Ende des Jahres ein entsprechender Plan vorgestellt werden. Die vielen Versuche zeigen: Das Thema ist nicht populär. Trotz der schlechten Luft und dem nach London zweitgrößten U-Bahn-Netz Europas sieht kaum einer der Hauptstadtbewohner ein, warum er auf sein Auto verzichten soll. Arzt Joaquín González meint:

" In den wachsenden Volkswirtschaften, in der Dritten Welt ist das Auto unantastbar. Davon hat sich Europa längst erholt. Wir in Spanien liegen auf diesem Weg dazwischen. Hier hat das Auto nicht mehr die Bedeutung wie vor 20 Jahren, aber gerade mit den gewachsenen Konsummöglichkeiten wird das Auto nicht nüchtern betrachtet, als das, was es auch ist: Eine Quelle von Luftverschmutzung. Aber das ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändert. "

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