Dienstag, 24.11.2020
 
StartseiteForschung aktuellWie Luftverschmutzung die Sterblichkeit durch COVID-19 erhöht05.11.2020

FeinstaubbelastungWie Luftverschmutzung die Sterblichkeit durch COVID-19 erhöht

Zu Beginn der Corona-Pandemie verstarben auffällig viele Infizierte in Regionen mit hoher Luftverschmutzung, zum Beispiel in Norditalien oder New York. Schon früh spekulierten Fachleute deshalb, ob es da einen Zusammenhang gibt. Eine neue Studie liefert nun Zahlen.

Von Arndt Reuning

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Luftverschmutzung über der Stadt Bakersfield im US-Bundesstaat Kalifornien (imago/Cavan images)
Dicke Luft, wie hier über der Stadt Bakersfield im US-Bundesstaat Kalifornien, begünstigt schwere Verläufe von COVID-19 (imago/Cavan images)
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Das Forschungsteam der Harvard University hat systematisch untersucht, ob der Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung in Form von Feinstaub und der Sterblichkeit durch COVID-19 tatsächlich statistisch zu belegen ist.

Zu welchem Ergebnis kamen die Forscher?

In Gegenden, wo Menschen über längere Zeit hohen Feinstaubmengen in der Luft ausgesetzt waren, war tatsächlich auch die Sterblichkeit durch COVID-19 erhöht. In Zahlen: Wenn der Langzeit-Mittelwert der lungengägigen Feinststaub-Partikel um ein Mikrogramm pro Kubikmeter Luft ansteigt, erhöht sich die COVID-19-Sterblichkeit um elf Prozent.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Forschenden haben sich dazu Daten aus den USA von etwa 3.000 einzelnen Countys, also Landkreisen, angesehen. Hier lagen einerseits Messwerte zur Luftverschmutzung und andererseits die Sterbezahlen vor, die die Johns Hopkins University zusammengetragen hatte. Das Team der Harvard Universität hat nun nach einer Korrelation zwischen diesen beiden Werten geschaut.

Die Herausforderung bestand darin, dass die Sterblichkeit auch von vielen anderen Variablen mitbeeinflusst wird, deren Einfluss herausgerechnet werden muss. Dazu gehören etwa die Altersstruktur der Bevölkerung in einem Landkreis, die soziale Struktur, die Qualität des Gesundheitswesens, Wetterdaten, Gesundheitsdaten, usw. Über zwanzig verschiedene Einflussgrößen wurden berücksichtigt. Die Ergebnisse decken sich außerdem auch mit ähnlichen Studien aus China und Italien, die bereits veröffentlicht worden sind.

22.02.2018, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Abgas kommt aus einem Auto im morgendlichen Berufsverkehr auf der Corneliusstraße. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt und entscheidet über mögliche Dieselfahrverbote. Die vierspurige Corneliusstraße, eine der wichtigsten Verkehrsadern durch die Innenstadt, steht im Mittelpunkt der Diskussion um Diesel-Verbote in Düsseldorf Foto: Marcel Kusch/dpa | Verwendung weltweit (dpa/Marcel Kusch) (dpa/Marcel Kusch)Mehr Fehler beim Schach durch Feinstaub
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Trotzdem ergibt sich dadurch nur ein relativ grobes Bild – eben auf Ebene der Landkreise. Könnte  man die Daten auf individueller Ebene, von einzelnen Personen erheben, wären sehr viel genauere Aussagen möglich.

Warum erhöht Feinstaub das Risiko erhöhen, an COVID-19 zu sterben?

Für den Kardiologen Prof. Thomas Münzel von der Universität Mainz ist es vollkommen plausibel, dass die Luftqualität beeinflusst, wie schwer Menschen an COVID-19 erkranken. Denn Feinstaub greift zum einen die Lunge an und sorgt dort für Entzündungsreaktionen. Doch die besonders feinen Partikel wandern weiter und gelangen ins Blutsystem. Dort attackieren sie vor allem das Endothel - die Zellschicht, die die Adern im Inneren auskleidet. Damit schädigt Feinstaub die Lungen und das Herz-Kreislauf-System - also genau die Ziele im Körper, die SARS-CoV-2 angreift. Das Virus trifft damit auf Menschen, die anfälliger sind für eine Infektion mit SARS-CoV-2.

Außerdem erhöht Feinstaub im Körper die Aktivität des ACE-2-Rezeptors. Und der ist eine Art "Türklinke", die das Virus nutzt, um sich Einlass in die Körperzellen zu verschaffen. Auch auf physiologischer Ebene scheint der Zusammenhang somit plausibel.

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Wieviele Coronatote sind Feinstaub-bedingt?

Thomas Münzel hat versucht, die Zahl der Coronatoten durch Feinstaubbelastung abzuschätzen, zusammen mit Kollegen vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Deren Veröffentlichung erschien vergangene Woche im Fachblatt Cardiovascular Research. Und sie stützen sich dabei auf die Ergebnisse des Harvard-Teams. Die Resultate haben die Mainzer Wissenschaftler dann mit Satellitendaten zur weltweiten Feinstaub-Belastung kombiniert.

Das Ergebnis ihrer Schätzung: Etwa 15 Prozent der weltweiten COVID-19-Todesfälle sind darauf zurückzuführen, dass die Menschen über längere Zeit diesen lungengängigen Feinststaub eingeatmet haben. In Europa liegt die Quote bei 19 Prozent, in Ostasien sogar bei 27 Prozent. Niedrige einstellige Werte geben sie für Australien und Neuseeland an. Die Forscher betonen: Diese Werte sind mit einer gewissen Unsicherheit behaftet, aber die Tendenz sei korrekt.

Welche Empfehlungen lassen sich daraus ableiten?

Die Ergebnisse unterstrichen, wie wichtig eine gute Luftqualität für unsere Gesundheit ist, auch unabhängig von der aktuellen Pandemie, betont der Mainzer Kardiologe Thomas Münzel. Er sieht in der globalen Feinstaubbelastung eine noch weitaus größere Pandemie. Zusammen mit Max-Planck-Forschern hatte er erst im März 2020 eine Studie vorgelegt, die beziffert, wieviele vorzeitige Todesfälle der Luftverschmutzung generell anzulasten sind. Darin kommt er auf eine Größenordnung von 8.8 Millionen Todesfällen weltweit. Die Menschheit wäre also gut beraten, den Feinstaubgehalt in der Luft noch weiter senken, besonders den Anteil, der durch Verbrennungsprozesse entsteht, ob in Automotoren oder in Heizungen.

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