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Feldforschung am PC

Archäologie. - Luftbilder haben in der Archäologie eine lange Tradition, denn von oben hat man in der Regel einen besseren Überblick als vom Erdboden aus. Doch viele Gebiete sind aufgrund der politischen, infrastrukturellen oder topographischen Situation nicht per Flugzeug zugänglich. Mit frei zugänglichen Satellitenbilder und ebensolcher Software gehen immer mehr Archäologen daher auf die Suche nach alten Siedlungen und potentiellen Ausgrabungsgebieten.

Von Michael Stang | 13.05.2011

    "Mehr als 30 Jahre lang habe ich in Jordanien als Archäologe in der Luftbildprospektion gearbeitet. Aber an der Grenze zu Saudi-Arabien war immer Schluss. Und ich habe mich immer gefragt, was es wohl auf der anderen Seite zu finden gibt","

    sagt Professor David Kennedy von Universität von Westaustralien in Perth. Der britische Archäologe bekam trotz zahlreicher Versuche aus politischen Gründen nie eine Flugerlaubnis für Saudi-Arabien. Da er auf jordanischer Seite in all den Jahren Hunderte historischer und prähistorischer Stellen entdeckt hatte, mussten diese auch auf saudiarabischer Seite existieren. Und jetzt schaffte er es, diese Stätten aufzuspüren, ohne je das Land betreten zu haben.

    ""Heute haben wir Google Earth, wo es hoch aufgelöste Bilder von Regionen in Saudi Arabien gibt. Schon nach wenigen Klicks wurde mir klar, dass es dort zahlreiche archäologische Fundstätten gibt, genau wie ich es vermutet hatte. Da habe ich sofort beschlossen, diese Pilotstudie anzugehen."

    Für seine Studie entschied er sich für die Region mit den besten Bildern: eine Region östlich der Hafenstadt Djidda. Insgesamt konnte er fast 2000 archäologische Stellen ausmachen. Die jüngsten dürften wenige hundert, die ältesten mehr als 7000 Jahre alt sein. Ebenso gelang es ihm, seine Daten zumindest stichprobenartig zu überprüfen.

    "Glücklicherweise habe ich einen Kontaktmann in Djidda, keinen Archäologen, sondern einen Freund. Ich habe ihn gebeten, bei Picknicks am Wochenende doch mal ein paar Fotos von Stellen zu machen, deren GPS-Koordinaten ich ihm gegeben hatte. Solche Stellen kennen wir gut aus Saudi Arabien: vom Boden aus sieht man nichts, höchstens ein Stück Mauer. Aber von erhöhter Stelle aus fügt sich alles zu einem Bild zusammen."

    Zwar seien die Daten der Fundstellen nun veröffentlicht, ob es aber jemals zur Ausgrabung an einigen der Plätze komme, wisse er nicht. Ihm sei es ja auch nur um eine Art Machbarkeitsstudie gegangen, so David Kennedy. Auch der äthiopische Paläoanthropologe Berhane Asfaw aus Addis Abeba nutzt die Technik seit einiger Zeit. Bevor er und seine Kollegen jeden Winter aufbrechen, um in den Wüstenregionen Äthiopiens nach Frühmenschenfossilien zu suchen, werden potentielle Fundstellen auch mithilfe von Satellitenbildern vorab ausgewählt.

    "Unsere Arbeit hat sich in dieser Hinsicht schon ein wenig verändert, weil es eben diese neuen Techniken gibt. Um neue Ausgrabungsstellen zu finden, sind wir nicht mehr auf zum Teil 30 Jahre alte Luftfahrtbilder angewiesen, sondern können mithilfe solcher frei zugänglichen Satellitenbilder, die auch noch aktuell sind, ganz einfach neue Plätze finden."

    Egal ob winzige Bergketten, Plateaus, Höhlen oder Siedlungsreste – mittlerweile gibt es eine Reihe wichtiger archäologischer und prähistorischer Fundorte, die dank solcher Satellitenbilder entdeckt wurden, so David Kennedy.

    "Diese Technik wird immer wichtiger werden für Regionen, die nur schwer zugänglich sind, und wo es keine guten Karten oder Fotografien gibt. Mittlerweile wird etwa für Somalia, den Jemen oder auch Afghanistan diese Technik benutzt. Mithilfe der Software kann man ganz einfach gute Ausgrabungsstellen ausmachen und zwar mit realistischen Bildern. Denn Landkarten sind ja nur Interpretationen eines Gebiets, wohingegen man bei Google Earth einfach über die Landschaften scrollen kann."

    Die Bilder enthalten nicht nur viele Informationen, sondern sie sind auch höchstens nur ein paar Jahre alt. Ihr entscheidender Vorteil ist jedoch ein anderer: potentielle Ausgrabungsstätten lassen sich einfach am PC lange vor einer Grabungskampagne ausmachen – das spart Zeit, viel Geld und erhöht die Chancen deutlich, dass Forscher bei der Suche nach den Hinterlassenschaften unserer Vorfahren erfolgreich sein werden.