Samstag, 23. September 2023

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Feuerkopf

Sind Sinfoniekonzerte und Oper Auslaufmodelle der musikalischen Unterhaltung? Das Klassik-Publikum wird älter, vielleicht ist es bald gar nicht mehr da. Dem gegenüber steht allerdings ein geradezu frühlingshaftes Aufblühen hochbegabter junger Talente. Einer dieser Feuerköpfe ist der Dirigent Andris Nelsons.

Moderation: Ludwig Rink | 04.04.2010

    Und dazu begrüßt Sie am Mikrofon Ludwig Rink. Sorgenvoll befassen sich Feuilleton-Artikel und ganze Bücher zunehmend mit der Frage, ob das klassische Sinfoniekonzert und auch die Oper bald am Ende seien. Zurückgehende Besucherzahlen, Überalterung und damit baldiges Wegsterben des Publikums, wenig Interesse bei der an andere Musikrichtungen gewöhnten Jugend, dramatische Veränderung dessen, was als Basis notwendiger Bildung betrachtet wird – das sind einige der Stichpunkte dieser Debatte.

    Dem gegenüber steht allerdings ein geradezu frühlingshaftes Aufblühen hochbegabter junger Talente in Folge verbesserter Förderung im Kindesalter, geöffneter Grenzen und weltweiter Vermarktung. Ob junge Geigerinnen, Pianisten oder Dirigenten – angesichts der Vielzahl nachwachsender Musikerinnen und Musiker muss einem für die Zukunft der Klassik nicht bange werden. Und vielleicht findet ja doch der eine oder andere jüngere Zuhörer den Weg in die Musentempel, wenn er weiß, dass dort ein Gleichaltriger mit etwas glänzen wird, was zumindest schon einmal vom technischen Können her als großartig erlebt werden kann.

    Einer dieser jungen Feuerköpfe ist der Dirigent Andris Nelsons, der jetzt mit seinem City of Birmingham Symphony Orchestra den "Feuervogel" und die "Psalmensinfonie" von Igor Strawinsky eingespielt hat.

    "'Igor Strawinsky
    aus: Der Feuervogel: Prinz Ivan fängt den Feuervogel
    Track <5>
    Dauer: 0'54
    City of Birmingham Symphony Orchestra
    CBSO Chorus
    Leitung: Andris Nelsons
    LC 08175 Orfeo
    C 803 091 A"

    Es war die 18 Jahre dauernde Leitung durch den anfangs erst 25-jährigen und noch weitgehend unbekannten Simon Rattle, die das Sinfonieorchester der britischen Stadt Birmingham in den 80er- und 90er-Jahren in den Rang eines internationalen Spitzenorchesters beförderte. Dieser Erfolg setzte sich, wenn auch weniger spektakulär, unter dem finnischen Dirigenten Sakari Oramo fort. Die inzwischen schon fast zur Tradition gewordene Ernennung sehr junger Dirigenten fand dann ihre Fortsetzung, als vor anderthalb Jahren der damals erst 30-jährige Andris Nelsons das Amt des Music Directors antrat.

    Nach einem Jahr gemeinsamer Arbeit in England stellten sich Orchester und Dirigent dann auch der deutschen Öffentlichkeit: Im letzten Herbst waren sie zu Konzerten in Bonn, Berlin und Wuppertal, jetzt im März standen Auftritte in Köln, Hannover, Regensburg, Stuttgart, Freiburg, Düsseldorf, Heidelberg, Frankfurt, Dortmund und Hamburg auf dem Tourneeplan. Dabei fiel erneut Nelsons gestenreicher, immer wieder den intensiven Kontakt zu seinen Musikern herstellender Dirigierstil auf. Für ihn scheint es in den Partituren keinen unwichtigen Takt zu geben, quasi jeder Note will er die volle Aufmerksamkeit der Spieler zuteil werden lassen.

    Immer auf der Suche nach dem Sinn des Komponierten, widmet er sich intensiv jedem Motiv, jeder Linie, sorgt mit suggestiven Gebärden für die richtige Klangbalance, die angemessene Lautstärke und für eine reichhaltige Farbpalette. So entführt er uns mit seinen vorzüglichen englischen Musikern hier bei Strawinskys Feuervogel mühelos in den Garten des unsterblichen Zauberers Katschei, der die unangenehme Angewohnheit hat, Menschen, und da insbesondere Prinzessinnen und Ritter, in Stein zu verwandeln.

    "Igor Strawinsky
    aus: Der Feuervogel: Nacht. Der verzauberte Garten / Erscheinung des Feuervogels
    Tracks <2 und 3>
    Dauer: 4'17
    City of Birmingham Symphony Orchestra
    Leitung: Andris Nelsons
    LC 08175 Orfeo
    C 803 091 A"

    1978 in Riga geboren, wuchs Andris Nelsons als Kind einer Musikerfamilie auf und begann seine Karriere als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper; außerdem erhielt er diverse Preise als Sänger. 2001 wurde er mit dem renommierten Großen Lettischen Musikpreis für herausragende Leistungen ausgezeichnet. Im selben Jahr schloss er sein Studium in Riga ab und ging nach St. Petersburg, um dort bei Alexander Titov seine Ausbildung fortzusetzen. Er belegte Meisterkurse bei Neeme Järvi und Jorma Panula und studiert seit 2002 privat bei Mariss Jansons. Die Lettische Staatsoper, wo er früher als Trompeter gewirkt hatte, machte ihn ab 2003 für vier Jahre zu ihrem musikalischen Direktor.

    Hierher rühren seine Erfahrungen mit diesem speziellen Genre, die er dann auch bereits an so berühmten Bühnen wie der Wiener Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper Unter den Linden und der Londoner Covent Garden Opera international unter Beweis stellen konnte. Für diesen Sommer ist er als musikalischer Leiter von "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen engagiert, einer neuen Produktion des Regisseurs Hans Neuenfels.

    Ähnlich umtriebig ist Andris Nelsons auch als Konzertdirigent. Und in der Regel laden die Orchester ihn nach einem ersten Gastdirigat erneut wieder ein – ein untrügliches Zeichen dafür, dass auch altgediente, sehr erfahrene Musiker trotz seiner Jugend gern mit ihm zusammenarbeiten. So war das in Amsterdam und Zürich, in München und Paris, in Oslo, Stockholm und Pittsburgh. Fest geplant für dieses Jahr sind darüber hinaus erste Gastdirigate bei der Staatskapelle Dresden und bei den Berliner Philharmonikern. Angesprochen auf das Autoritäre am Beruf des Dirigenten, gibt Nelsons die Verantwortung dafür, dass Musik nicht demokratisch ist, weiter an den Komponisten. Der gebe die Anweisungen, der verlange den Musikern viel ab. Deshalb stellt er sich nie vor ein Orchester und sagt "Ich will ... ", sondern er sagt: "Die Musik braucht." Vielleicht ist es dieser unbedingte Einsatz für das Werk, diese nur der Komposition verpflichtete Haltung, die Andris Nelsons' Wirken so erfolgreich macht.

    "Igor Strawinsky
    Aus: Der Feuervogel: Tanz des Feuervogels
    Track <4>
    Dauer: 1'15
    City of Birmingham Symphony Orchestra
    CBSO Chorus
    Leitung: Andris Nelsons
    LC 08175 Orfeo
    C 803 091 A"

    Neben dieser inzwischen 100 Jahre alten Ballettmusik "Der Feuervogel" bietet die neue CD des Münchner Labels Orfeo noch ein Chor-Orchesterwerk Strawinskys, das 20 Jahre später entstanden ist und einen der Höhepunkte des musikalischen Neoklassizismus darstellt: Die Psalmensinfonie. Auch hier beweisen die Musiker aus Birmingham, die bei diesem Stück übrigens ohne die hohen Streicherstimmen antreten, ihre überlegene Qualität, während der CBSO-Chor daneben, was Stimmenqualität und Ausdrucksintensität angeht, etwas schwächer wirkt. Dennoch auch dies eine Aufführung von hohem Rang, die erneut Andris Nelsons Fähigkeit zeigt, den Apparat in bewegten Abschnitten äußerst präzise zusammenzuhalten und den ruhigen Teilen die nötige Zeit zur Klangentfaltung zu geben. "Laudate Dominum – Lobet den Herrn!" aus Strawinskys "Psalmensinfonie".

    "Igor Strawinsky
    A Symphony of Psalms
    Aus Track <27> von 4'25 bis Ende
    Dauer: 6'50
    City of Birmingham Symphony Orchestra
    CBSO Chorus
    Leitung: Andris Nelsons
    LC 08175 Orfeo
    C 803 091 A"

    Die Neue Platte – heute mit einer jüngst erschienenen CD des jungen Dirigenten Andris Nelsons und seines City of Birmingham Symphony Orchestra mit Musik von Igor Strawinsky. Sie hörten Ausschnitte aus dem Ballett "Der Feuervogel" und zuletzt aus der "Psalmensinfonie". Im Studio verabschiedet sich Ludwig Rink.