Angefangen hatte diese Festlegung der Rezeption mit "Die schöne Frau Seidenmann", jenem Roman, der Szczypiorski 1988 in Deutschland schlagartig bekannt machte, und für den ein Rezensent ihm später "psychohygienische Leistungsfähigkeit" bescheinigen sollte. 80.000 Exemplare wurden in den ersten sechs Monaten nach Erscheinen verkauft, sensationell, für ein Buch, das doch die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs, die Verbrechen der Deutschen thematisierte. Und möglich, weil Szczypiorski vielschichtige Schicksale erzählte, jenseits der verbreiteten Klischees. Die Tatsache, daß es gute Deutsche gab in diesem Buch, verräterische Juden, und nur auf Profit bedachte Polen, das machte den Deutschen das Lesen und den Zugang zur Geschichte einfacher. Das Buch stimmte versöhnlich. Man konnte sich der Geschichte nähern ohne schuldig zu sein. Szczypiorski hatte eine Tür aufgetan, nicht nur ins Leben der blonden blauäugigen Jüdin Irma Seidenmann sondern auch in das all der sie umgebenden Menschen, die wie in einem Kaleidoskop auffunkelten und schillerten, verrutschten und einfach nicht zu fassen waren, weil sie gnadenlos geschüttelt wurden von einer Macht, die eindeutig stärker war als sie, die Krieg hieß, Besatzung, Faschismus. Und unter der jeder litt, und wenn jeder litt, dann wirkte sich das irgendwie schuldmindernd aus, dann stimmte das eben versöhnlich.
Schon damals mahnten Szczypiorski-Kenner an, doch unbedingt auch noch sein Hauptwerk zu lesen: den Roman "Eine Messe für die Stadt Arras", wahrhaft ein Meisterwerk, und: von Versöhnung keine Spur. Ein hartes, ein intellektuelles Buch, von einem Autor, der weiß, daß es Ereignisse gibt, denen man mit diesem Wort einfach nicht mehr beikommt. Aber irgendwie hat er sich dem Wunsch der deutschen Öffentlichkeit gefügt - vielleicht, weil sie ihm geschmeichelt hat? Wir waren so froh ihn zu haben, er sagte strenge Worte, aber es waren doch irgendwie gerechte Worte, sie waren moralisch, aber das hieß, daß es Moral, nach allem was geschehen war, als Wert noch gab. Man konnte ihn befragen und er antwortete, und das hieß, daß nach allem was geschehen war, es noch Antworten gab.
Szczypiorski war ein Trost, das wunderte ihn vielleicht, vielleicht auch nicht, vielleicht war er nicht so moralisch wie wir immer dachten , vielleicht war sein Moralbegriff und das biblische "Versöhnung durch Wahrheit" ein vielschichtiges "Mehr". Fest steht, daß zu seinem Tod die ganze deutsche Rezeptionsgeschichte wiederholt wurde, und fest steht, daß Szczypiorski uns einen Roman hinterlassen hat, er heißt "Feuerspiele", der exakt in diese Einschätzung nicht paßt. Denn mag er auch von der Form her an den vielgestaltigen Aufbau von "Die schöne Frau Seidenmann" erinnern, von der Aussage her knüpft Szczypiorski an den Roman "Eine Messe für die Stadt Arras" an. Und was sagt da der Held in der im Mittelalter angesiedelten Handlung seinem Fürsten:
"Es ist kein gut Ding zu sagen, wie du gesagt hast: Was geschehen ist, ist nicht geschehen, und was gewesen war, ist nicht gewesen! Denn die Wahrheit ist, daß das Geschehene geschehen und das Gewesene gewesen ist. ... Ihr glaubt gut und verständnisvoll zu sein, Fürst, doch Ihr seid es nicht! Mangel an Barmherzigkeit tötet, aber ihr Überfluß gleichermaßen."
Jean hieß der Protagonist in dem Buch über die Verfolgung Andersgläubiger, Jan heißt der Held im neuen, im letzten Roman. Wer ist dieser Jan, in einem Roman, der heute spielt, jetzt, jeden Moment noch oder in der nahen Zukunft? Wie oft in Szczypiorskis Büchern bleibt der Hintergrund des Helden unausgeleuchtet, seine Herkunft, seine Arbeit – nicht wichtig. Allerdings wird er gleich als Pole vorgestellt und das sind bei Szczypiorski nunmal immer ganz besondere Menschen.
"Immer hegten sie in sich die hehre Überzeugung, daß das Böse, das ringsherum wucherte, nicht ihre Schuld war, sondern durch andere bereitet und aufgezwungen wurde. Das war recht angenehm, erforderte aber auch eine enorme geistige Anstrengung, um auf der Illusion der ewigen polnischen Unschuld beharren zu können. Jans Welt war also Teil dieser vom Vater an den Sohn weitergegebenen erhabenen und geheimnisvollen Überlieferung."
Szczypiorski wäre nicht Szczypiorski, würden die lieben Landsleute nicht gleich zu Beginn, salopp gesagt, eins drauf kriegen. Aber das ist auch schon alles, denn bei Jan hat es mit der Überlieferung nicht geklappt, weder in die polnische Unschuld kann er sich flüchten noch in die schnelle Mythenbildung. Jan hat andere Probleme.
"An jenem Abend, als Monika, seine Frau, gestorben war - mit der er viele und unbeschwerte Jahre verlebt hatte, um nun zum Schluß, wegen ihrer Krankheit großes Leid zu erfahren -, betrat Jan den dunklen Raum auf dem Dachboden des Hauses, wo sie seit langem wohnten, machte sorgfältig die Tür hinter sich zu, setzte sich in den abgewetzten Sessel und beschloß zu sterben."
Der erste Satz. Aber der Tod kommt nicht, und das sind all die anderen Sätze von diesem Buch. Jan kann nicht sterben, statt des Todes kommt "es". "Es" ist die Erinnerung, der Zwang, der Druck, "es" sind die Ereignisse, daß "... das Geschehene geschehen ist", Jan und der Autor, sie werden "es" nicht los. Denn "es" ist mächtig. Und "es" zwingt mehr als nur ein Buch ab, "es" will eine körperliche Erfahrung:
"Faß an!" sagte es. "Ich kann nicht", erwiderte er. "Ich sehe nichts. Ich fürchte mich vor jeder Bewegung." "Wenn du nicht anfaßt, wird es keinerlei Beweise geben", sagte es. "Wenn mehr Licht wäre", sagte er weinerlich.
Feuerspiele sind gefährlich, man verbrennt sich leicht die Finger und wenn man nicht aufpaßt, dann verbrennt man am Ende ganz. In Szczypiorskis letztem Roman spielen alle mit dem Feuer, erst am Ende merkt man, wer es entzündet hat. Zunächst sieht alles schlicht wie ein geplantes Verbrechen aus. Motiv: Gier und Profitsucht. Und Rache, die kommt auch schnell ins Spiel. Es spielen drei: Der Amerikaner Graham Wilson III, ein Millionär, der durch was auch immer reich geworden, jetzt gottähnlich im 30. Stock eines eleganten Glashochhauses residiert und ein weltbekannter Kunstsammler ist, sein Ratgeber und vom Autor als "falscher Freund" titulierter Ungar mit Namen Dr. Kovács, einarmig und mit einem "Indianergesicht" ausgestattet und in Paris der Exilrusse Fürst Kyrill, ebenfalls Kunstsammler, nicht so reich wie Wilson III., aber doch ausreichend reich, um vom Geld bereits gelangweilt zu sein. Die drei planen einen Versicherungsbetrug. In Bad Kranach wollen sie die wichtigsten Kunstsammler der Welt ihre Schätze zeigen lassen, mit dabei ihre eigenen, nur werden diese Fälschungen sein und einem Feuer zum Opfer fallen. Sie haben seit Jahren daran gearbeitet, die besten Pyrotechniker der Welt bestellt, die es für solche Jobs gibt, Sie haben schon "einst eine ganze Stadt in Flammen aufgehen lassen".
Und sollten ein paar wirklich wichtige Werke der anderen Sammler auch vom Feuer vernichtet werden so sind sie, nachdem die Bedenken bei Fürst Kyrill ausgeräumt wurden, auch dazu bereit. Wo in dieser Geschichte ist aber nun Jan?
Szczypiorski erzählt zweistrangig, zunächst. Das in 20 Kapiteln aufgeteilte Buch ist auf der einen Seite das Erinnerungsbuch des Jan, der auf dem Dachboden sitzend leibhaftig in die Vergangenheit, nicht die eigene, die sucht in sowieso heim, sondern die fremder Menschen gezogen wird, auf der anderen Seite ist es das geplante Verbrechen der drei Verschwörer. Und man muß es bereits an dieser Stelle sagen, das wirkt anfangs ungelenk.
Man weiß nicht so recht, wo man dran ist. Will Szczypiorski eine Kriminalgeschichte erzählen? Warum verrät er dann das Ende gleich zu Beginn? Sollen wir Spuren suchen, Verbindungen herstellen, zwischen den Kapitalisten einerseits und den armen Geplagten, Geschundenen, Verfolgten, derer sich Jan erinnert, andererseits?
Und wem in diesem Buch sollen wir folgen? Und wohin? Nach Bad Kranach? Das wird es sein, dort werden sie zusammentreffen, alle werden sich erkennen und dann geht alles in Feuer auf? Soll es darauf hinauslaufen? Es läuft darauf hinaus. Genau so ist es. Es ist aber auch so, daß bei aller anfänglicher Konstruiertheit dieses Romans, man dennoch schon von Beginn an etwas anderes mitliest, ja sogar mitfühlt. Eine Art Unwohlsein. Um was geht es hier eigentlich?
"Wir sind nicht Herr unserer Taten",
Das ist der Schlüsselsatz. Szczypiorski schreibt ihn genau der Person in die Geschichte, die das Feuer plant: Dr. Kovács, dem Mann, der alles im Griff zu haben scheint. Aber der Satz gilt für alle.
Niemand in diesem Buch ist Herr seiner Taten. Es sind vielmehr die Taten selbst, die auferstehen. Und man braucht nur einen Buchstaben zu verändern, dann ist man auch schon bei den Toten,die auferstehen.
Szczypiorski hat ein Totenbuch geschrieben. Kein Requiem. Ein Totenbuch, über das was passiert, wenn man sterben will und nicht sterben kann, weil die Taten einen nicht gehen lassen. Die Taten sind unerhört. Und zögert Jan anfangs noch, indem er sich wehrt:
"Das ist nicht die Wahrheit, denn er erzählte es anders, als er es gesehen hatte. Und ich sehe es anders,als ich es damals beim Zuhören sah, als er es erzählte. Es ist also nicht die ganze Wahrheit, nicht die reine Wahheit..."
So gerät er doch dann schnell in die Geschichten einfach hinein, z. B. die der beiden Warschauer Möbelpacker Mäuserich und Känguruh, beide Juden, riesige Kerle, vom Körperausmaß her weder zum Spitznamen noch zum Bild des Juden passend. Doch als sie in Auschwitz ankommen, sind sie schon schwach und Mäuserich muß den sterbenden Bruder bereits tragen.
"Wir sterben", sagte Känguruh flüsternd. "wir alle sterben, und das darf nicht ungesühnt bleiben." "Das darf es nicht", sagte auch Mäuserich leise. Er beugte sich zu seinem Bruder hinunter, um zu hören, ob dieser noch atmete. Er wollte die einzige, ungewöhnliche Sekunde des Todes erkennen, um sie würdig im Namen des Sterbenden zu bewahren." Sanft hat Mäuserich seinen Bruder nach dem Aussteigen aus dem Viehwaggon auf den Boden gelegt, da taucht auch schon ein Schatten auf, brüllt ‚Aufstehen!', und da dies nicht gleich geschieht, schießt er. Känguruhs Blut und Hirn spritzen dem Bruder um den Kopf und was nun folgt,eine lange Passage im Buch, das erzählt Szczypiorski auf der Höhe seiner Kunst. Mäuserich der zurückbleibende Bruder, geht ins Paradies und zwar just in dem Moment, als er an Rache denkt. Das heißt nicht, daß er nun auch einfach stirbt. Das sind die Geschichten,die wir kennen. Nein. Mäuserich packt vielmehr den Soldaten beim Hals, schlägt ihm die Pistole weg, läßt ihn in der Luft baumeln und bricht ihm das Genick.
"Das ist der Anfang der großen Rache!"
Sagt Mäuserich. Es folgt ein grandioser Dialog zwischen dem herbeigeeilten SS-Mann Kugler, dem jüdischen Übersetzer Grynszpan und Mäuserich, stattfindend in Auschwitz an der Rampe, in dem der Jude Mäuserich mittels des jüdischen Übersetzers dem Deutschen erklärt, daß er im Paradies zwar den Messias gesehen habe, aber nicht ihn den Deutschen, und daß der Messias geweint habe, über alle, über uns alle.
Ab hier nun werden Aufbau und Motive des Buches klar. Die Geschichte steht, Jan hat angefaßt, er geht hinein in die Welt, die ihm auf dem Dachboden erscheint, die er dort findet.
Die Geschichte wird durchlässig, für Zeit, Personal, für Realität und Vorstellung. So erscheint Jan nun z. B. einem Polen namens Edek Laski zur Zeit der Okkupation im Traum, der später Wirklichkeit wird und sagt ihm, daß er mit will nach Bad Kranach. Jan ist jetzt im Besitz einer Liste. Er hat sie auf dem Dachboden entdeckt. Auf dieser stehen Namen einer ist Kugler, der SS-Mann aus eben beschriebener Szene, Baron Kugler heißt er heute, er ist Kunstsammler. Und weitere Namen stehen darauf, Kassner und Halberstamm, ebenfalls bei der SS, Semjaschkin, der russische Kriegsverbrecher, Kovács und immer wieder Kugler und Westermann, der arme Kamerad Westermann, der schon zu Kriegszeiten lieber Kunstschätze gesammelt hätte, aber leider Juden erschießen mußte, sein Leben war deshalb Zitat: "beschissen".
Sie alle leben, und sie alle zieht es nach Bad Kranach aus unterschiedlichen Motiven. So auch Jan mit der Liste. Und das obwohl Edek Laski ihn warnt. Er kann nicht anders.
Als alle im Luxushotel Astoria in Bad Kranach eintreffen, brennt es bereits, fern am Horizont kann man das Feuer erahnen, es ist kein Hotelbrand, es ist ein Flächenbrand, entfacht und nicht mehr einzudämmen. Sie treffen sich alle noch, jeder will seine Rechnungen begleichen Fürst Kyrill, Baron Kugler, Dr. Kovács, Westermann und Halberstamm, Edek Laski und Joel Weiss, sogar Eure Eminenz, der Kardinal, ist da, interessiert sich allerdings für nichts und telefoniert lieber, mit dem Pabst? Sie geben ihre Kommentare ab, freilich bedrängter und immer bedrängter, vom Feuer, das auf das Hotel zurückt und von den Evakuierten, die im Hotel einquartiert werden. Sie sind seltsam warm angezogen, im Vergleich zu den mit Bikini und Badehosen bekleideten Gästen, seltsam still sind sie und dem Schicksal ergeben und ein sehr, sehr großer ist dabei, der trägt einen anderen Mann über der Schulter und legt ihn behutsam auf dem Boden ab.
Im Ghetto hatte es auch gebrannt, z. B. als zwei Fuhrunternehmen angesteckt wurden und man einen einarmigen Mann mit Indianergesicht weggehen sah. Und natürlich später beim Aufstand. Im Ghetto passierte auch manchmal erstaunliches, daß z.B. ein SS-Mann, er hieß Halberstamm, plötzlich an Gott dachte, und eine Jüdin rettete, eine schöne Jüdin, eine blonde mit blauen Augen, unfaßbar schön, sie hieß Rita. Er zeigte ihr einen Weg raus aus dem Ghetto an einer ganz schmalen Stelle über den Dachboden in einem angrenzenden Haus. Bald wird etwas sehr wichtiges passieren, sagt der berühmte Kunstsammler Joel Weiss zu Jan:
"Das habe ich immer geahnt, Herr Weiss. Aber ich habe auch immer gehofft, an diesem Tag nicht mehr da zu sein. Das ist ein so großer Traum, Herr Weiss, nicht mehr zu existieren, wenn wir uns in die Erinnerung vertiefen und sie uns ins Gedächtnis zurückrufen." "Dafür ist es zu spät", entgegnete Joel Weiss. "Und wir müssen uns allem stellen, was kommt."
Die große Kraft dieses Romans liegt darin, daß sich Andrzej Szczypiorksi noch einmal allem stellt was kommt, der ganzen Wucht der Erinnerung. Und es ist auch der große Schrecken dieses Buches, denn es kennt keine Gnade. Mag man auch manchmal wegen der erwähnten Konstruiertheit zuviel denken müssen, und gibt es auch sprachlich wirkliche Schwächen, man wird Scszcypiorskis Werk nach "Feuerspiele" anders lesen müssen. Und dann erst erkennt man seine wahre Größe, die sich eben nicht auf zwei Behauptungen subsumieren läßt.
Am Ende wird Jan eine Frau sehen, nicht seine, sondern Rita. Sie wird ihn an der Hand nehmen und rausführen, durch das Feuer, über das Dach. Der Tod ist der Weg in die Freiheit.
Schon damals mahnten Szczypiorski-Kenner an, doch unbedingt auch noch sein Hauptwerk zu lesen: den Roman "Eine Messe für die Stadt Arras", wahrhaft ein Meisterwerk, und: von Versöhnung keine Spur. Ein hartes, ein intellektuelles Buch, von einem Autor, der weiß, daß es Ereignisse gibt, denen man mit diesem Wort einfach nicht mehr beikommt. Aber irgendwie hat er sich dem Wunsch der deutschen Öffentlichkeit gefügt - vielleicht, weil sie ihm geschmeichelt hat? Wir waren so froh ihn zu haben, er sagte strenge Worte, aber es waren doch irgendwie gerechte Worte, sie waren moralisch, aber das hieß, daß es Moral, nach allem was geschehen war, als Wert noch gab. Man konnte ihn befragen und er antwortete, und das hieß, daß nach allem was geschehen war, es noch Antworten gab.
Szczypiorski war ein Trost, das wunderte ihn vielleicht, vielleicht auch nicht, vielleicht war er nicht so moralisch wie wir immer dachten , vielleicht war sein Moralbegriff und das biblische "Versöhnung durch Wahrheit" ein vielschichtiges "Mehr". Fest steht, daß zu seinem Tod die ganze deutsche Rezeptionsgeschichte wiederholt wurde, und fest steht, daß Szczypiorski uns einen Roman hinterlassen hat, er heißt "Feuerspiele", der exakt in diese Einschätzung nicht paßt. Denn mag er auch von der Form her an den vielgestaltigen Aufbau von "Die schöne Frau Seidenmann" erinnern, von der Aussage her knüpft Szczypiorski an den Roman "Eine Messe für die Stadt Arras" an. Und was sagt da der Held in der im Mittelalter angesiedelten Handlung seinem Fürsten:
"Es ist kein gut Ding zu sagen, wie du gesagt hast: Was geschehen ist, ist nicht geschehen, und was gewesen war, ist nicht gewesen! Denn die Wahrheit ist, daß das Geschehene geschehen und das Gewesene gewesen ist. ... Ihr glaubt gut und verständnisvoll zu sein, Fürst, doch Ihr seid es nicht! Mangel an Barmherzigkeit tötet, aber ihr Überfluß gleichermaßen."
Jean hieß der Protagonist in dem Buch über die Verfolgung Andersgläubiger, Jan heißt der Held im neuen, im letzten Roman. Wer ist dieser Jan, in einem Roman, der heute spielt, jetzt, jeden Moment noch oder in der nahen Zukunft? Wie oft in Szczypiorskis Büchern bleibt der Hintergrund des Helden unausgeleuchtet, seine Herkunft, seine Arbeit – nicht wichtig. Allerdings wird er gleich als Pole vorgestellt und das sind bei Szczypiorski nunmal immer ganz besondere Menschen.
"Immer hegten sie in sich die hehre Überzeugung, daß das Böse, das ringsherum wucherte, nicht ihre Schuld war, sondern durch andere bereitet und aufgezwungen wurde. Das war recht angenehm, erforderte aber auch eine enorme geistige Anstrengung, um auf der Illusion der ewigen polnischen Unschuld beharren zu können. Jans Welt war also Teil dieser vom Vater an den Sohn weitergegebenen erhabenen und geheimnisvollen Überlieferung."
Szczypiorski wäre nicht Szczypiorski, würden die lieben Landsleute nicht gleich zu Beginn, salopp gesagt, eins drauf kriegen. Aber das ist auch schon alles, denn bei Jan hat es mit der Überlieferung nicht geklappt, weder in die polnische Unschuld kann er sich flüchten noch in die schnelle Mythenbildung. Jan hat andere Probleme.
"An jenem Abend, als Monika, seine Frau, gestorben war - mit der er viele und unbeschwerte Jahre verlebt hatte, um nun zum Schluß, wegen ihrer Krankheit großes Leid zu erfahren -, betrat Jan den dunklen Raum auf dem Dachboden des Hauses, wo sie seit langem wohnten, machte sorgfältig die Tür hinter sich zu, setzte sich in den abgewetzten Sessel und beschloß zu sterben."
Der erste Satz. Aber der Tod kommt nicht, und das sind all die anderen Sätze von diesem Buch. Jan kann nicht sterben, statt des Todes kommt "es". "Es" ist die Erinnerung, der Zwang, der Druck, "es" sind die Ereignisse, daß "... das Geschehene geschehen ist", Jan und der Autor, sie werden "es" nicht los. Denn "es" ist mächtig. Und "es" zwingt mehr als nur ein Buch ab, "es" will eine körperliche Erfahrung:
"Faß an!" sagte es. "Ich kann nicht", erwiderte er. "Ich sehe nichts. Ich fürchte mich vor jeder Bewegung." "Wenn du nicht anfaßt, wird es keinerlei Beweise geben", sagte es. "Wenn mehr Licht wäre", sagte er weinerlich.
Feuerspiele sind gefährlich, man verbrennt sich leicht die Finger und wenn man nicht aufpaßt, dann verbrennt man am Ende ganz. In Szczypiorskis letztem Roman spielen alle mit dem Feuer, erst am Ende merkt man, wer es entzündet hat. Zunächst sieht alles schlicht wie ein geplantes Verbrechen aus. Motiv: Gier und Profitsucht. Und Rache, die kommt auch schnell ins Spiel. Es spielen drei: Der Amerikaner Graham Wilson III, ein Millionär, der durch was auch immer reich geworden, jetzt gottähnlich im 30. Stock eines eleganten Glashochhauses residiert und ein weltbekannter Kunstsammler ist, sein Ratgeber und vom Autor als "falscher Freund" titulierter Ungar mit Namen Dr. Kovács, einarmig und mit einem "Indianergesicht" ausgestattet und in Paris der Exilrusse Fürst Kyrill, ebenfalls Kunstsammler, nicht so reich wie Wilson III., aber doch ausreichend reich, um vom Geld bereits gelangweilt zu sein. Die drei planen einen Versicherungsbetrug. In Bad Kranach wollen sie die wichtigsten Kunstsammler der Welt ihre Schätze zeigen lassen, mit dabei ihre eigenen, nur werden diese Fälschungen sein und einem Feuer zum Opfer fallen. Sie haben seit Jahren daran gearbeitet, die besten Pyrotechniker der Welt bestellt, die es für solche Jobs gibt, Sie haben schon "einst eine ganze Stadt in Flammen aufgehen lassen".
Und sollten ein paar wirklich wichtige Werke der anderen Sammler auch vom Feuer vernichtet werden so sind sie, nachdem die Bedenken bei Fürst Kyrill ausgeräumt wurden, auch dazu bereit. Wo in dieser Geschichte ist aber nun Jan?
Szczypiorski erzählt zweistrangig, zunächst. Das in 20 Kapiteln aufgeteilte Buch ist auf der einen Seite das Erinnerungsbuch des Jan, der auf dem Dachboden sitzend leibhaftig in die Vergangenheit, nicht die eigene, die sucht in sowieso heim, sondern die fremder Menschen gezogen wird, auf der anderen Seite ist es das geplante Verbrechen der drei Verschwörer. Und man muß es bereits an dieser Stelle sagen, das wirkt anfangs ungelenk.
Man weiß nicht so recht, wo man dran ist. Will Szczypiorski eine Kriminalgeschichte erzählen? Warum verrät er dann das Ende gleich zu Beginn? Sollen wir Spuren suchen, Verbindungen herstellen, zwischen den Kapitalisten einerseits und den armen Geplagten, Geschundenen, Verfolgten, derer sich Jan erinnert, andererseits?
Und wem in diesem Buch sollen wir folgen? Und wohin? Nach Bad Kranach? Das wird es sein, dort werden sie zusammentreffen, alle werden sich erkennen und dann geht alles in Feuer auf? Soll es darauf hinauslaufen? Es läuft darauf hinaus. Genau so ist es. Es ist aber auch so, daß bei aller anfänglicher Konstruiertheit dieses Romans, man dennoch schon von Beginn an etwas anderes mitliest, ja sogar mitfühlt. Eine Art Unwohlsein. Um was geht es hier eigentlich?
"Wir sind nicht Herr unserer Taten",
Das ist der Schlüsselsatz. Szczypiorski schreibt ihn genau der Person in die Geschichte, die das Feuer plant: Dr. Kovács, dem Mann, der alles im Griff zu haben scheint. Aber der Satz gilt für alle.
Niemand in diesem Buch ist Herr seiner Taten. Es sind vielmehr die Taten selbst, die auferstehen. Und man braucht nur einen Buchstaben zu verändern, dann ist man auch schon bei den Toten,die auferstehen.
Szczypiorski hat ein Totenbuch geschrieben. Kein Requiem. Ein Totenbuch, über das was passiert, wenn man sterben will und nicht sterben kann, weil die Taten einen nicht gehen lassen. Die Taten sind unerhört. Und zögert Jan anfangs noch, indem er sich wehrt:
"Das ist nicht die Wahrheit, denn er erzählte es anders, als er es gesehen hatte. Und ich sehe es anders,als ich es damals beim Zuhören sah, als er es erzählte. Es ist also nicht die ganze Wahrheit, nicht die reine Wahheit..."
So gerät er doch dann schnell in die Geschichten einfach hinein, z. B. die der beiden Warschauer Möbelpacker Mäuserich und Känguruh, beide Juden, riesige Kerle, vom Körperausmaß her weder zum Spitznamen noch zum Bild des Juden passend. Doch als sie in Auschwitz ankommen, sind sie schon schwach und Mäuserich muß den sterbenden Bruder bereits tragen.
"Wir sterben", sagte Känguruh flüsternd. "wir alle sterben, und das darf nicht ungesühnt bleiben." "Das darf es nicht", sagte auch Mäuserich leise. Er beugte sich zu seinem Bruder hinunter, um zu hören, ob dieser noch atmete. Er wollte die einzige, ungewöhnliche Sekunde des Todes erkennen, um sie würdig im Namen des Sterbenden zu bewahren." Sanft hat Mäuserich seinen Bruder nach dem Aussteigen aus dem Viehwaggon auf den Boden gelegt, da taucht auch schon ein Schatten auf, brüllt ‚Aufstehen!', und da dies nicht gleich geschieht, schießt er. Känguruhs Blut und Hirn spritzen dem Bruder um den Kopf und was nun folgt,eine lange Passage im Buch, das erzählt Szczypiorski auf der Höhe seiner Kunst. Mäuserich der zurückbleibende Bruder, geht ins Paradies und zwar just in dem Moment, als er an Rache denkt. Das heißt nicht, daß er nun auch einfach stirbt. Das sind die Geschichten,die wir kennen. Nein. Mäuserich packt vielmehr den Soldaten beim Hals, schlägt ihm die Pistole weg, läßt ihn in der Luft baumeln und bricht ihm das Genick.
"Das ist der Anfang der großen Rache!"
Sagt Mäuserich. Es folgt ein grandioser Dialog zwischen dem herbeigeeilten SS-Mann Kugler, dem jüdischen Übersetzer Grynszpan und Mäuserich, stattfindend in Auschwitz an der Rampe, in dem der Jude Mäuserich mittels des jüdischen Übersetzers dem Deutschen erklärt, daß er im Paradies zwar den Messias gesehen habe, aber nicht ihn den Deutschen, und daß der Messias geweint habe, über alle, über uns alle.
Ab hier nun werden Aufbau und Motive des Buches klar. Die Geschichte steht, Jan hat angefaßt, er geht hinein in die Welt, die ihm auf dem Dachboden erscheint, die er dort findet.
Die Geschichte wird durchlässig, für Zeit, Personal, für Realität und Vorstellung. So erscheint Jan nun z. B. einem Polen namens Edek Laski zur Zeit der Okkupation im Traum, der später Wirklichkeit wird und sagt ihm, daß er mit will nach Bad Kranach. Jan ist jetzt im Besitz einer Liste. Er hat sie auf dem Dachboden entdeckt. Auf dieser stehen Namen einer ist Kugler, der SS-Mann aus eben beschriebener Szene, Baron Kugler heißt er heute, er ist Kunstsammler. Und weitere Namen stehen darauf, Kassner und Halberstamm, ebenfalls bei der SS, Semjaschkin, der russische Kriegsverbrecher, Kovács und immer wieder Kugler und Westermann, der arme Kamerad Westermann, der schon zu Kriegszeiten lieber Kunstschätze gesammelt hätte, aber leider Juden erschießen mußte, sein Leben war deshalb Zitat: "beschissen".
Sie alle leben, und sie alle zieht es nach Bad Kranach aus unterschiedlichen Motiven. So auch Jan mit der Liste. Und das obwohl Edek Laski ihn warnt. Er kann nicht anders.
Als alle im Luxushotel Astoria in Bad Kranach eintreffen, brennt es bereits, fern am Horizont kann man das Feuer erahnen, es ist kein Hotelbrand, es ist ein Flächenbrand, entfacht und nicht mehr einzudämmen. Sie treffen sich alle noch, jeder will seine Rechnungen begleichen Fürst Kyrill, Baron Kugler, Dr. Kovács, Westermann und Halberstamm, Edek Laski und Joel Weiss, sogar Eure Eminenz, der Kardinal, ist da, interessiert sich allerdings für nichts und telefoniert lieber, mit dem Pabst? Sie geben ihre Kommentare ab, freilich bedrängter und immer bedrängter, vom Feuer, das auf das Hotel zurückt und von den Evakuierten, die im Hotel einquartiert werden. Sie sind seltsam warm angezogen, im Vergleich zu den mit Bikini und Badehosen bekleideten Gästen, seltsam still sind sie und dem Schicksal ergeben und ein sehr, sehr großer ist dabei, der trägt einen anderen Mann über der Schulter und legt ihn behutsam auf dem Boden ab.
Im Ghetto hatte es auch gebrannt, z. B. als zwei Fuhrunternehmen angesteckt wurden und man einen einarmigen Mann mit Indianergesicht weggehen sah. Und natürlich später beim Aufstand. Im Ghetto passierte auch manchmal erstaunliches, daß z.B. ein SS-Mann, er hieß Halberstamm, plötzlich an Gott dachte, und eine Jüdin rettete, eine schöne Jüdin, eine blonde mit blauen Augen, unfaßbar schön, sie hieß Rita. Er zeigte ihr einen Weg raus aus dem Ghetto an einer ganz schmalen Stelle über den Dachboden in einem angrenzenden Haus. Bald wird etwas sehr wichtiges passieren, sagt der berühmte Kunstsammler Joel Weiss zu Jan:
"Das habe ich immer geahnt, Herr Weiss. Aber ich habe auch immer gehofft, an diesem Tag nicht mehr da zu sein. Das ist ein so großer Traum, Herr Weiss, nicht mehr zu existieren, wenn wir uns in die Erinnerung vertiefen und sie uns ins Gedächtnis zurückrufen." "Dafür ist es zu spät", entgegnete Joel Weiss. "Und wir müssen uns allem stellen, was kommt."
Die große Kraft dieses Romans liegt darin, daß sich Andrzej Szczypiorksi noch einmal allem stellt was kommt, der ganzen Wucht der Erinnerung. Und es ist auch der große Schrecken dieses Buches, denn es kennt keine Gnade. Mag man auch manchmal wegen der erwähnten Konstruiertheit zuviel denken müssen, und gibt es auch sprachlich wirkliche Schwächen, man wird Scszcypiorskis Werk nach "Feuerspiele" anders lesen müssen. Und dann erst erkennt man seine wahre Größe, die sich eben nicht auf zwei Behauptungen subsumieren läßt.
Am Ende wird Jan eine Frau sehen, nicht seine, sondern Rita. Sie wird ihn an der Hand nehmen und rausführen, durch das Feuer, über das Dach. Der Tod ist der Weg in die Freiheit.