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StartseiteDeutschland heuteBerufsrisiko Krebs27.09.2019

FeuerwehrBerufsrisiko Krebs

Laut Studien sterben Feuerwehrleute überproportional oft an Krebs. In Kanada sind bestimmte Krebsarten schon als Berufskrankheit anerkannt, in Deutschland bisher nicht. Mecklenburg-Vorpommern will das ändern - und gibt eine Studie zur Erfassung von Krebsfällen bei Feuerwehrleuten in Auftrag.

Von Silke Hasselmann

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Ein Feuerwehrmann am 24.08.2018 beim Waldbrand in Brandenburg (Michael Kappeler/dpa )
Feuerwehrleute sind bei ihren Einsätzen vielen Giftstoffen ausgesetzt (Michael Kappeler/dpa )
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"Jetzt fahren die Einsatzkräfte, der Löschzug der Berufsfeuerwehr Neubrandenburg, zum Einsatzort."

Das ist Bernd Quetschke aus Neubrandenburg. Er hat sein gesamtes Berufsleben lang mit Brandbekämpfung und mit der Rettung von Mensch und Tier, Hab und Gut zu tun. Zum Jahresende geht der Brandoberinspektor in Rente. Dass er das schafft, ist keine Selbstverständlichkeit, denn vor elf Jahren stellten die Ärzte bei ihm Lymphdrüsenkrebs fest. Dem NDR erzählte er nun, dass er die Krankheitsursache in einem Einsatz im Jahr 1987 vermutet, als im damaligen Panzerreparaturwerk Neubrandenburg eine Druckmaschine Feuer gefangen hatte. 

"Ich habe mich dann bei der Brandursachenermittlung da an dieses Gerät herangemacht, den Kasten herausgeschoben und bin dann hin zum damaligen Sicherheitsinspektor. Ich habe gesagt: 'Genosse Sicherheitsinspektor, sagen Sie mir jetzt nicht, dass das ein PCB-Kondensator ist!' Ja, sagt er. 'Genosse Oberleutnant, das war ich damals, ich kann Ihnen hiermit bestätigen, es ist ein PCB-Kondensator.' Und PCB - polychlorierte Biphenyle - ist höchstgradig krebserregend."

Studie: 86 Prozent der Todesfälle durch Krebs

Allein bei der Berufsfeuerwehr der mecklenburgischen Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg sind in den letzten 15 Jahren gleich zwölf Kameraden am sogenannten "Feuerwehrkrebs" erkrankt. Sprich: an bösartigen Erkrankungen von Lunge, Lymphdrüsen, Hoden oder Prostata. Neun der Kameraden sind mittlerweile daran gestorben - ein im Vergleich zu anderen Berufsgruppen überdurchschnittlicher Wert, der damit zu tun haben könnte, dass Feuerwehrleute immer wieder mit Rauchgasen und den darin freigesetzten krebserregenden Substanzen in Berührung kommen.

Eine kanadische Studie von 2018 hatte ergeben, dass in 86 Prozent der Todesfälle unter hauptamtlichen wie freiwilligen Feuerwehrleuten Krebs die Ursache war. Daraufhin wurde der Workmen's Compensation Act auf Feuerwehrleute ausgedehnt. Nun gelten 17 Arten von Krebs unter bestimmten Bedingungen als Berufskrankheit, Verdienstausfälle werden erstattet. 

Davon sind deutsche Einsatzkräfte noch weit entfernt. Doch CDU-Landtagsfraktionschef Vincent Kokert wiederum kündigte in dieser Woche am Rande seines Neubrandenburg-Besuchs an, 40.000 Euro für eine Studie locker machen zu wollen. 

"Wo wir mal genau untersuchen, und zwar nicht nur in Neubrandenburg, sondern im ganzen Land: Haben wir auch tatsächlich eine Häufung von Krebs bei aktiven Kameradinnen und Kameraden? Derzeit haben wir in Deutschland überhaupt keine valide Studie. Es gibt zwar drei Berufsfeuerwehren, die untersucht werden. Da stehen die Ergebnisse aber noch aus. Aber natürlich bräuchten wir für eine Anerkennung als Berufskrankheit valide wissenschaftliche Daten. Da wären wir dann jedenfalls einen Schritt weiter und lassen die Stadt Neubrandenburg nicht mit ihrem Problem, das sie zweifellos hat mit ihren Feuerwehrleuten, allein."

Giftstoffe noch wochenlang in Kleidung und Einsatzwagen

Laut Vincent Kokert soll Prof. Wolfgang Hoffmann von der Universität Greifswald die Studie durchführen. Der Gefahren-Epidemiologe hatte erst zu Jahresbeginn den Zuschlag bekommen, um die Häufigkeit von Krebserkrankungen rund um Norddeutschlands größte Sondermülldeponie Schönberg in Westmecklenburg zu erfassen. Doch Studien sind das eine, konkreter Gesundheitsschutz das andere. Stichwort: Kontaminationsverschleppung.

Die kanadische Studie konnte nachweisen, dass krebserregende Gase und Partikel noch wochenlang in der Feuerwehrkleidung und in den Einsatzwagen verbleiben, wenn diese nach einem Brandeinsatz nicht sofort gewaschen wird. Die Feuerwehrleute können deshalb die Giftstoffe über ihre Haut oder Lunge auch verzögert aufnehmen. In der Neubrandenburger Berufsfeuerwehr wisse man darüber Bescheid, sagt Lars Granzin aus der Einsatzleitung. Nach dem sogenannten "Schwarz-Weiß-Prinzip" stecken die Männer ihre Kleidung unmittelbar nach dem Brandeinsatz in luftdichte Säcke.

"Die Säcke machen wir auch nicht wieder auf. Die kommen sofort in die Waschmaschine. Auch auf dem kürzesten Weg. Das wird nicht durch die ganze Wache getragen. Dann wird das gewaschen, die Säcke lösen sich auf und wir haben diese giftigen Stoffe nicht mehr in den Fahrzeugen und die Kollegen müssen die nicht mehr einatmen."

Noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten

Das wurde leider nicht schon immer so gehandhabt. Die hohe Krebsrate in der Neubrandenburger Wache sei auch ein Weckruf, der sich vor allem an die vielen freiwilligen Männer und Frauen richtet, sagt der CDU-Landespolitiker Vincent Kokert, der sich selbst in einer Freiwilligen Feuerwehr engagiert.

"Leute, wenn ihr aus dem Brandeinsatz kommt, dann zieht bitte die Einsatzkleidung aus, packt sie in Plastiksäcke und zieht euch solange einen Trainingsanzug an. Aber nicht mit dem Zeug zurück in den Einsatzwagen und zurück in die Feuerwache! Ich glaube, das müssen wir noch viel Aufklärung leisten, denn gerade das scheint ja die Ursache dafür zu sein, dass wir gehäufte Krebsfälle haben. Insbesondere bei der Berufsfeuerwehr." 

Auch die 65.000-Einwohner-Stadt Neubrandenburg reagiert auf die Nachricht von den zahlreichen Krebsfällen innerhalb ihrer Berufsfeuerwehr. In den Haushalt des nächsten Jahres stellte der Oberbürgermeister nun 200.000 Euro zusätzlich ein - ausdrücklich gedacht für einen verbesserten Gesundheitsschutz der Feuerwehrleute.

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