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Film "Steine für die Barrikade"
Märtyrer des polnischen Untergrunds

Pfadfinder gingen in der NS-Zeit in den polnischen Untergrund und kämpften gegen die deutschen Besatzer. Der Film "Steine für die Barrikade" sorgt derzeit in Polen für eine kontroverse Diskussion.

Von Martin Sander | 18.03.2014

SS-Mann: "Was sind Szare Szeregi? Zweite Frage: Wie ist die Organisationsstruktur eurer Bande? Letzte Frage: Wie kann man mit deinen Kollegen Kontakt aufnehmen? Die Namen!"
Mit dem Spielfilm "Steine für die Barrikade" hat der polnische Regisseur Robert Gliński ein zentrales Kapitel im polnischen Untergrundkampf gegen die Nationalsozialisten verfilmt. Jugendliche aus bürgerlichem Hause, sozialisiert in der Pfadfinderbewegung, verüben Sabotage im besetzten Warschau. Einer von ihnen, Rudy, wird geschnappt. Die Gestapo foltert Rudy brutal, aber er gibt nichts preis.
SS-Mann: "Also fangen wir noch einmal an! Eins, zwei ..."
In einer spektakulären, historisch verbürgten Aktion gelingt es Rudys Kameraden, ihn und weitere Häftlinge im März 1943 freizukämpfen. Rudy stirbt gleichwohl an den Folgen der Folter und gilt fortan als Märtyrer.
Die Tragödie von Rudy und seinen Kampfgefährten erschien bereits zu Kriegszeiten im Warschauer Untergrund als Buch und wurde sofort populär. Der Autor war Aleksander Kamiński, in der Vorkriegszeit eine legendäre Gestalt der polnischen Pfadfinderbewegung, im Krieg für Presse und Propaganda im von der Heimatarmee AK angeführten Untergrundstaat<ins cite="mailto:Fischer,%20Karin" datetime="2014-03-18T12:22"> </ins>verantwortlich. Politisch galt er als linksliberal und nicht nationalistisch. Im kommunistischen Nachkriegs-Polen stellte man Kamiński kalt. Für seine Pfadfinderideen gab es kaum mehr Raum. Vor allem aber war im sozialistischen Polen das Thema Untergrundstaat tabu, da dieser Staat nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die Sowjets Krieg geführt hatte.
"Die Pfadfinderorganisation war mit der Londoner Exilregierung verbunden, deshalb ist das während des Stalinismus verboten, natürlicherweise."
Erklärt Wojciech Feleszko, Enkel des Buchautors Kamiński. Feleszko begeisterte sich anfangs für Glińskis Filmprojekt, diente als Berater, zog sich dann aber zurück. Die Aussage des fertigen Films behagte ihm nicht.
"Aus meiner Sicht war das sehr wichtig, nicht nur die Märtyrologie der Kriegszeit aus diesem Buch herauszufinden, sondern auch die friedliche Erziehung der Pfadfinder. Die gehörten eigentlich zu den Eliten der polnischen Intelligenz in 20er- oder 30er-Jahren. Und sie haben auch während des Krieges nicht vom Militär geträumt, sondern auch von ihrer Bildung nach der Kriegszeit. Sie wollten Architekten werden und Künstler, Ärzte und so weiter. Ich leide sehr daran, dass die Chance nicht ausgenutzt worden ist, die friedliche, die friedliche Anstellung der Pfadfinder zu zeigen."
Andere gehen in ihrer Kritik an Robert Glińskis Film viel weiter. Der Regisseur habe das Ethos des polnischen Freiheitskampfes gegen die deutschen und sowjetischen Okkupanten mit Füßen getreten, die jungen Akteure erschienen als politisch verantwortungslose Gestalten, heißt es in einer Erklärung des Pfadfinderverbands.
Auch unter Filmkritikern kommt "Steine für die Barrikade" nicht immer gut weg. Wojciech Kałużynski, einflussreicher Vertreter des Fachs:
"Mir kommt es so vor, als ob hier eine Gruppe von Hipstern Sabotage betreibt und Kriegsspiele spielt. Mir fehlt da der emotionale Bezug."
Andererseits stößt Robert Glińskis Film in Polen auf Zustimmung, weil die kämpfenden Pfadfinder weltoffen und keinesfalls nationalistisch borniert wirken. Eine Rolle in der ganzen Debatte spielt auch die deutsche Fernsehreihe "Unsere Mütter – unsere Väter". Sie wurde vor einigen Monaten im polnischen Fernsehen gezeigt und löste einen Proteststurm aus, weil sie Soldaten der Heimatarmee als Antisemiten vorstellte. Glińskis "Steine für die Barrikade" zeigt ein ganz anderes Bild. Piotr Zaremba, Kommentator der nationalkonservativen Wochenzeitung "W sieci":
"Vor dem Hintergrund dessen, was heute so passiert, denken wir nur an die deutsche Serie "Unsere Mütter – Unsere Väter", ist dieser Film doch nun wirklich eine Apotheose dessen, was für alle Polen – jung und alt – von Wert sein sollte."