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StartseiteKultur heuteNetflix muss draußen bleiben26.03.2018

Filmfestspiele in CannesNetflix muss draußen bleiben

Das Filmfestival von Cannes bekennt sich zum guten alten Kino. Ein Kinostart in Frankreich ist Bedingung für die Teilnahme am glamourösen Wettbewerb. Ausgeschlossen werden Produktionen, die den zahlenden Kunden von Streamingdiensten vorbehalten sind.

Von Maja Ellmenreich

Filmwerbung für die Netflix-Produktion "Okja" beim Filmfestival in Cannes 2017. (Deutschlandradio / Maja Ellmenreich)
Filmwerbung für die Netflix-Produktion "Okja" beim Filmfestival in Cannes 2017. (Deutschlandradio / Maja Ellmenreich)
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Eine Riesensau war im vergangenen Jahr das Gesicht von Netflix in Cannes. Wuchtig wie ein Elefant, tapsig und putzig wie ein Hundewelpe, grinste das gigantische Schwein von unzähligen Werbeflächen herab auf die Filmbranche an der Croisette: "Okja" - so der Name des Tieres und des Filmes, mit dem Netflix im Frühjahr 2017 über den Roten Teppich von Cannes trampelte.

In "Okja" erzählt der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho ausgerechnet vom Kampf gegen einen weltweit agierenden Lebensmittelkonzern namens Mirando. Der frisst ohne Rücksicht auf Verluste jeden, der sich ihm in den Weg stellt, trägt dabei aber nach außen ein possierliches Ferkelgesicht zur Schau.

In der Filmwelt gewinnen natürlich die Guten: die Tierschützer und Naturliebhaber; diejenigen, die dem schnellen Geld widerstehen und für den Erhalt des Hehren und Wahren kämpfen.

Film gilt in Frankreich als Kulturgut

Für solch einen hält sich auch Thierry Frémaux, Leiter des Filmfestivals von Cannes. Er sieht es als seine Aufgabe an, das altehrwürdige Kino zu beschützen - und zwar insbesondere das in Frankreich, wo der Film als gemeinschaftliches Kulturgut gilt und nicht als individualisierte Einwegunterhaltung für den Samstagabend, und wo das Fach "Filmanalyse" sogar auf dem Lehrplan steht.

Was für die Tierschützer im Film der Riesenkonzern Mirando, sind für Frémaux und seine Mitstreiter Netflix & Co. Überlebensgroß und mächtig, undurchschaubar und alles andere als berechenbar. Angsteinflößend, keine Frage. Doch so dunkel es auch im Kinosaal werden mag, Netflix ist und bleibt sichtbar, ist und bleibt in der Welt.

Wie also umgehen mit diesem ungeliebten Konkurrenten? Diese Frage stellt sich nicht nur Frémaux und seinen Festspielkollegen in Venedig und Berlin. Diese Frage treibt die gesamte Branche um, denn die Streaminganbieter stellen mit ihren Diensten und insbesondere mit ihren Eigenproduktionen die Branche auf den Kopf.

Den Netflix-Feind umarmen

Im vergangenen Jahr - dem "Okja "-Jahr - hielt es Frémaux noch mit Machiavelli: Wenn sich der Feind nicht besiegen lässt, dann muss man ihn wohl oder übel umarmen. Also wurden zwei Netflix-Produktionen in den Wettbewerb geladen, und das wiederum löste eine Diskussion in der Fachwelt aus, auf die Thierry Frémaux sicher gut und gerne verzichtet hätte.

Ein Netflix-kontaminiertes Jahr in der 70jährigen Festivalgeschichte war offensichtlich ein Jahr zu viel: Die Statuten von Cannes wurden geändert, ein Kinostart in Frankreich wurde zur Bedingung gemacht - ab dem Jahr 2018.

Insgeheim hatte man in Cannes - während der halbherzigen Netflix-Umarmung im vergangenen Jahr - doch noch auf einen Sieg gehofft. Dem US-Fachblatt "The Hollywood Reporter" gegenüber gestand Thierry Frémaux nun nämlich, er habe gedacht, Netflix überzeugen zu können, die Filme auch in die Kinos zu bringen. Aber, so die bittere Wahrheit: Netflix lehnte ab!

Frémaux bleibt nun nichts anderes übrig, als konsequent zu sein und den neuen Statuten gemäß nur die Filme zuzulassen, für die man - ganz traditionell - an der Kinokasse Karten kauft. Die übrige Filmwelt, die man sich per Bankeinzug aufs heimische Sofa kommen lässt, die muss draußen bleiben.

Bekenntnis zum guten alten Kino

Damit mag insbesondere die mächtige französische Filmbranche vorläufig zufrieden sein: Cannes bekennt sich zum guten alten Kino. Alles andere wäre auch überraschend gewesen.

Netflix wiederum wird das wohl kaum jucken: Auf anderthalb Wochen Riviera-Trubel im Mai kann der Streamingdienst gut und gerne verzichten. Seine Abonnenten sind ihm schließlich sicher.

Das "Okja"-Riesenschwein vom vergangenen Mai passte schon ganz gut zu Netflix: durchaus drollig anzusehen, aber unmöglich, es aus dem Weg zu räumen.

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