Samstag, 25. Juni 2022

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Filmkritik: "The Tribe"
Strenge Rangordnung

Mit "The Tribe" legt der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy seinen ersten Langfilm vor. Darin erzählt er die Geschichte eines Kinderheims, indem sich düstere Geschichten abspielen. Dabei schafft er atemberaubende Spannung – obwohl im ganzen Film kein Wort geredet wird.

Von Rüdiger Suchsland | 15.10.2015

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Der ukrainische Filmregisseur Myroslav Slaboshpytskiy während der European Film Awards in Riga. (dpa/ picture-alliance/ Valda Kalnina)
Es beginnt mit einer Idylle. Ein Kinderheim. Man kümmert sich hier um taubstumme Kinder und Jugendliche. Diese Heiminsassen, wie die Lehrer und Erzieher kommunizieren miteinander durch Gebärdensprache. Insofern bietet dieser Film von Anfang an eine außerordentlich ungewöhnliche, zugleich faszinierende Erfahrung: Es wird viel passieren, aber bis zum Ende wird kein einziges Wort gesprochen werden.
Das ist kein Grund, vor diesem Film zurückzuschrecken. Sehr schnell findet man sich zurecht. Man hört Geräusche, Atmosphärisches, und schnell wird man sensibel für die kleinsten Nuancen. Man wird umso aufmerksamer für andere Sinneswahrnehmungen, für das, was doch zu hören ist, und vor allem für das, was man sieht. Gewissermaßen lernt der Zuschauer hier Hören und Sehen neu.
Die Welt dieses Kinderheims ist ein in sich geschlossenes Universum, ein Kosmos mit vollkommen eigenen Gesetzen, Ritualen, und natürlich auch mit Geheimnissen.
Wir lernen sie - wie fast immer im Genre des Institutionenfilms, des Internats- oder Schulfilms, wie auch noch bei "Harry Potter" - durch einen Neuankömmling kennen.
Es ist Sergej, der sein neues Schuljahr beginnt. Ziemlich schnell wird klar, dass er etwas Besonderes ist, anders als die anderen. Denn er wird von seinen Mitschülern gezwungen sich komplett auszuziehen. Sie beschnuppern ihn regelrecht, befühlen ihn, suchen seinen hellhäutigen Körper nach Tätowierungen ab - dem Identitätscode des postsowjetischen Lagersystems.
Sehr schnell ist klar: Dieses Kinderheim ist kein Ort des friedlichen Rückzugs vor der Welt, des Zusammenhalts. Es ist vielmehr ein Spiegel der Welt da draußen und somit ein Platz der Gewalt. Sergej ist in einer Hölle gelandet und für ihn beginnt ein Kampf ums nackte Überleben.
"The Tribe" ist der erste Langfilm des Regisseurs Myroslav Slaboshpytskiy. Der 1974 in Kiew geborene Regisseur machte in den letzten Jahren bereits durch einige preisgekrönte Kurzfilme auf sich aufmerksam.
Menschenhandel und Missbrauch im Kinderheim
Mit seinem ersten Spielfilm, ausgerechnet einem Film, in dem kein einziges Wort gesprochen wird, ist er jetzt zur Stimme seines jungen Landes geworden.
Slaboshpytskiy präsentiert uns in "The Tribe" ein Dante'sches Inferno, den Rückfall einer Menschengruppe, die mit ihrer Sprache auch vieler zivilisatorischer Minima beraubt scheint, in archaische Zustände.
Denn das Kinderheim ist vollkommen kriminell, Menschenhandel und Missbrauch verschiedenster Ausprägung sind an der Tagesordnung. Brutalität und Anarchie sind hier allgegenwärtig. Umgekehrt gibt es kaum einmal Liebe oder Zärtlichkeit zwischen den Figuren - die übrigens durchweg von Laien gespielt werden, die tatsächlich taubstumm sind.
Auch Film-Held Sergej bleibt auf Distanz. Wie der "reine Tor" mittelalterlicher Mythologien durchläuft Sergej eine Heldenreise durch verschiedene Stadien. Es ist ein Passionsweg, in dessen Verlauf er zahlreiche Prüfungen und Kämpfe zu bestehen hat, durch die er reift und sich bewährt. Doch Erleichterung bleibt aus. Hinter jeder überwundenen Herausforderung lauert nur noch eine neue, noch härtere Prüfung.
Verstärkt wird dieser Eindruck eines Stationendramas noch dadurch, dass der Film in überaus minimalistischer Ästhetik, und in nur etwas mehr als zwei Dutzend Kamera-Einstellungen erzählt wird.
Man kann "The Tribe" mit guten Argumenten einiges vorwerfen. Man kann anmerken, dass er die Behinderung seiner Figuren ausstellt. Man kann es prätentiös finden, wie hier auf jedes Wort verzichtet wird, dass auch die sprechenden Personen keinen Laut von sich geben, und dass die Gebärdensprache von den Filmemachern nicht untertitelt wird, wie dies bei jeder anderen Fremdsprache der Fall wäre.
Doch zugleich ist "The Tribe" auch im guten Sinne eine Herausforderung: Beängstigend und grausam, dabei elegisch erzählt ist dies ein überaus ungewöhnliches, jederzeit faszinierendes Stück Kino - das uns im Übrigen daran erinnert, dass es sich originär um ein visuelles Medium handelt. Ein Bild sagt hier tatsächlich mehr als tausend Worte, Sprache ist Schall und Rauch.