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Fitnesstrend EMS
Elektronische Stimulierung statt Sport?

Die Trainingsmethode EMS verspricht, durch elektrische Muskelstimulation mit weniger zeitlichem Aufwand fit zu werden. Der Effekt sei durchaus da, bestätigen Experten. Es gibt aber auch einige medizinische Einschränkungen und ganz billig ist ein solches Training auch nicht.

Tim Schauenberg | 01.03.2017
    Eine Frau trainiert mit elektrischer Muskelstimulation vor einem Spiegel.
    Eine Frau trainiert mit elektrischer Muskelstimulation vor einem Spiegel. (imago / Westend61)
    "Ja und jetzt noch mal hoch und wieder runter…"
    Ich habe einen Ganzkörperanzug an und ich folge den Anweisungen meines Trainers. Erst in die Hocke, dann ziehe ich meine ausgestreckten Arme nach hinten. Meine Muskeln zittern und brennen, als würde ich ein unsichtbares Gewicht heben, das es unheimlich schwer macht die Bewegung richtig auszuführen. An meinen Armen, Beinen, am Bauch, Rücken und am Po sind Elektroden befestigt. Alle vier Sekunden jagen sie Stromstöße in meinen Körper. Vier Sekunden Anspannung, vier Sekunden Pause.
    Die Fitnessmethode, die ich im Selbstversuch teste, nennt sich EMS-Training. EMS ist die Abkürzung für Elektronische Muskelstimulation. Ein Training, das zurzeit in der Fitnessbranche einen kleinen Boom erlebt. 140.000 Menschen trainierten 2016 laut einer Statistik des Fitnessdienstleisters Fitogram mit EMS. Alleine in den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Anbieter von einigen wenigen auf über 1.500 bundesweit gestiegen, die Anzahl der einzelnen Studios beträgt ein Vielfaches.
    Das Versprechen: Fit in kurzer Zeit
    "Also unser Zielpublikum sind hauptsächlich Leute ab 40. Leute die fit bleiben wollen, wo aber einfach ein bisschen die Zeit fehlt", sagt EMS Trainer Kim Pusch. Viel Sport in wenig Zeit, das ist, verkürzt ausgedrückt, das Versprechen der EMS-Studios. Rank und schlank werden, ohne sich stundenlang auf Joggingstrecken, Trainingszirkeln oder im Fitnessstudio zu quälen. Fit werden in nur 20 Minuten pro Woche.
    Funktioniert das und wenn ja, wie?
    Prof. Doktor Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln: "Ich vergleiche es als Mediziner immer ein bisschen mit einem Defibrillator beim Herzen. Also das, was normalerweise im Muskel selbst passiert, das wird nun von außen gegeben. Man setzt einen Strom an, der bis tief in die Muskulatur hinein geht und so die Muskeln in eine Kontraktion versetzt, was ein Training ist."
    Ein durchaus effektives Training wie Prof. Bloch bestätigt. Denn durch die Stromstöße, in der Regel zwischen 50 und 90 Milliampere stark, werden in Kombination mit der Trainingsbewegung fast alle Fasern des jeweiligen Muskels aktiviert. Diese Belastungsstufe wird bei einem herkömmlichen Fitnesstraining erst bei einer besonders intensiven Beanspruchung erreicht. Den Vergleich vieler Anbieter, dass EMS pauschal 10 bis 20 Mal effektiver sei als herkömmliches Krafttraining, weißt Prof. Dr. Bloch zurück. Hier müsse deutlicher zwischen verschiedenen Trainingsmethoden unterschieden werden.
    Außerdem sei EMS längst nicht für jeden und jede geeignet. "Ich würde grundsätzlich sagen, Patienten mit Gefäßproblematiken, Blutungsrisiken und so weiter sollen EMS eher meiden und Patienten mit starken Einschränkungen der Herzfunktionen, sollten im Prinzip auch sehr vorsichtig damit sein."
    Nicht für jeden geeignet
    Dass der Körper beim EMS-Training erhöhter elektrischer Spannung ausgesetzt ist, habe bei gesunden Menschen und moderatem Training kurzfristig keine negativen Auswirkungen, so Prof. Bloch. Wie jedoch andere Zellen um das Muskelgewebe herum langfristig auf die elektrischen Impulse reagieren, kann die Wissenschaft bis heute kaum beantworten. Darüber hinaus müssen vor allem Nierenpatienten aufpassen. Zwar ist das Risiko sehr gering, doch käme es durch einen Unfall oder falsche Beratung zu einer deutlichen Überlastung der Muskeln, schüttet der Körper das Protein Creatinkinase aus, das die Nieren verstopfen kann. Bloch empfiehlt daher, die Stromstärke erst Schritt für Schritt zu erhöhen, damit sich der Körper langsam an die elektrische Anspannung gewöhnen kann.
    "Ein wichtiger Aspekt ist, nicht einfach mal ins Geschäft gehen und sich ein EMS Gerät holen und dann mal anfangen und gucken, wie es funktioniert. Ich sollte dann schon jemanden aufsuchen, der sich damit auskennt, der weiß, wie er so was steuern kann und weiß, wie man einen drauf trainiert. Das Wissen können Physiotherapeuten oder ausgebildete Trainer haben, keine Leute die nur das Gerät ein und abschalten können."
    Bleibt das Fazit: Zwar können auch Bewegungsmuffel Erfolge mit EMS erzielen, ein ausgeglichenes Training aus Kraft- und Ausdauereinheiten ersetzt die Methode aber nicht. Es ist ein pragmatisches Training, das ergänzend eingesetzt werden kann, für das ich meine Fußballschuhe jedoch nicht liegen lassen würde. Wer Zeit sparen will, muss außerdem etwas tiefer in den Geldbeutel greifen. Eine Sitzung kostet in der Regel zwischen 15 und 30 Euro. Auch in meinem Fall ist der Muskelkater am nächsten Tag dafür dann aber im Preis mit inbegriffen.