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StartseiteHintergrundFixpunkt in Zeiten der Globalisierung16.04.2010

Fixpunkt in Zeiten der Globalisierung

Die Dänen und ihr Königshaus

Dänemark ist die älteste Monarchie der Welt. Und auch wenn die amtierende Königin Margrethe II. keine politische Macht innehat, kommen nur wenige Dänen auf die Idee, die Monarchie abzuschaffen. Weit über 80 Prozent der Bevölkerung sind bekennende Royalisten.

Von Marc-Christoph Wagner

Die dänische Königin Margrethe II. feiert ihren 70. Geburtstag. (AP)
Die dänische Königin Margrethe II. feiert ihren 70. Geburtstag. (AP)
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Schloss Amalienborg heute Mittag: Zigtausend Menschen füllen den Platz vor dem Palast. Dänische Fahnen, wohin man nur schaut. Kindergärten, Rentner, aber auch ganz normale berufstätige Dänen sind gekommen, um ihrer Monarchin zum 70. Geburtstag zu gratulieren. Diese steht oben auf dem Balkon des Schlosses - winkend und umringt von ihrer engsten Familie.

"Ich glaube, auch wenn eine Revolution in Dänemark ausbrechen würde, dann wäre die Abschaffung der Monarchie das Letzte, was man tun würde."

Gerade in Dänemark wirkt die Aussage des Germanisten Per Øhrgaard anachronistisch. Immer wieder haben sich die Dänen in ihrer Geschichte Autoritäten widersetzt, was nicht alleine die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkrieges, sondern auch die Befürworter einer europäischen Integration des Landes zu spüren bekamen.

1992 votierten die Dänen bei der Volksabstimmung über den Vertrag von Maastricht mit Nein, ebenso zur Einführung des Euro acht Jahre später. Die Existenz der aus vergangenen Jahrhunderten überlieferten Monarchie aber stellt so gut wie niemand in Frage. Weit über 80 Prozent der Bevölkerung sind bekennende Royalisten. Gerade die amtierende Königin Margrethe II. erfreut sich großer Beliebtheit.

"Ob wir so antiautoritär sind, weiß ich eigentlich nicht, aber unterstellen wir das mal. Dann finden wir ja gerade, dass wir mit der Monarchie gut gefahren sind, nicht? Durch verschiedene Zeitläufe, und gerade auch im 20. Jahrhundert. Also, die Demokratien, die überlebt haben, waren eigentlich meistens die Monarchien. Und hier hat die Königin ja eigentlich von ihrer Geburt an eine symbolische Rolle gespielt. Sie ist genau eine Woche nach der deutschen Okkupation Dänemarks geboren und war schon damals, ohne es zu wissen, ein Hoffnungszeichen. Sie hat dann auch, wie gesagt … Sie hält ja natürlich selten größere Reden, aber sie hält immer eine Neujahrsansprache, genau wie ja auch der Bundespräsident das macht. Und da hat sie oft die Gelegenheit genutzt, natürlich immer in Abstimmung mit der jeweiligen Regierung, doch denen auch ins Gewissen zu reden. Ich will nicht sagen, die Leviten zu lesen, aber ins Gewissen zu reden."

Ähnlich sieht es der oberste Beamte des Königshauses, Hofmarschall Ove Ullerup. Auch er verweist auf die tiefen historischen Wurzeln der dänischen Monarchie.

"In Dänemark existiert das Königshaus seit 1000 Jahren. Das hinterlässt natürlich tiefe Wurzeln in der Kultur des Landes. Es ist ein integraler Bestandteil der dänischen Volksseele, den man nicht einfach ungeschehen machen kann. Hinzu kommt, das Königshaus ist ein Sammelpunkt und zwar für alle Dänen - egal, wo sie herkommen oder welchen Sozialstatus sie haben. Auch in Bezug auf den Zusammenhalt Dänemarks mit Grönland und den Faröern spielt das Königshaus eine wichtige Rolle. Mit anderen Worten: Gerade im globalen Zeitalter mit seiner rasanten Entwicklung ist es wichtig für eine Nation, einen solchen Fixpunkt zu haben - eine nationale, kulturelle und historische Identität. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Beitritt Dänemarks zur Europäischen Gemeinschaft 1972. Damals gab es viele Stimmen, die meinten, das Königshaus würde fortan an Bedeutung verlieren, denn im gemeinsamen Europa würden die nationalen Unterschiede verwischt werden. Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall. Die nationalen Identitäten und das europäische Projekt sind wunderbar miteinander vereinbar."

Genau zwei Wochen nach dem Beitritt Dänemarks zur Europäischen Gemeinschaft am 1. Januar 1972 wurde die damals 31-jährige Margrethe zur Regentin ihres Landes ernannt. Zu jener Zeit noch ein schüchternes, nahezu verunsichertes Mädchen, hat sich die Königin im Laufe der Jahre den Respekt ihrer Landsleute erarbeitet.

Insbesondere ihre Ansprachen am Silvesterabend pünktlich um 18:00 Uhr, bei denen die Nation geschlossen vor den Fernsehschirmen sitzt, nutzt die Regentin immer wieder, um Botschaften unter das Volk zu bringen. Meist sehr deutliche Botschaften, wenn auch selten so scharf wie hier im Jahr 1984, als sie die scheinbar grenzenlose Jagd auf materielle Güter anprangerte.

"Sollen wir uns einmal mehr ein noch besseres Jahr wünschen, als das, was gerade zu Ende gegangen ist? Ist das nicht verwöhnt in einer Welt, die so viel Not leidet, so viel Grauen kennt und Unglück? Dort, wo Naturkatastrophen ihre zerstörerische Kraft entfalten und wo Hunger herrscht, da spricht man nicht von einem guten oder noch besseren Neujahr. Da geht es lediglich darum, ein weiteres Jahr zu überleben."

Die Königin als moralische Instanz? Als Gewissen einer orientierungslosen Gesellschaft im globalen Zeitalter? Danach gefragt muss Margrethe II. schmunzeln und antwortet mit königlichem Unterstatement:

"Moralische Instanz? Das möchte ich so nicht unterschreiben, diese Rolle liegt mir nicht. Richtig ist aber gewiss, dass ich als Oberhaupt einer erblichen Monarchie einen gewissen Sammlungspunkt verkörpere, eine gewisse Kontinuität, weil ich die Aufgabe meines Vaters, Großvaters und von vielen Generationen vor ihnen weiterführe. Als königliche Familie sind wir unserem Land in besonderer Weise verbunden. Der Unterschied zum deutschen Bundespräsidenten, der auch über keine exekutive Macht verfügt, ist, dass er gewählt wird und oftmals eine politische Vergangenheit hat. Wir sind nicht gewählt, aber haben eben auch keine politische Bindung. In uns sollte sich jedermann wiederfinden können. Wir sind nicht die Stimme nur einer bestimmten Gruppe."

Fragt man die Dänen selbst, was sie so sehr an ihrem Königshaus schätzen, variieren die Antworten das gleiche Thema. In einer sich fragmentierenden Gesellschaft symbolisiere das Königshaus Stabilität und Zusammenhalt. In Zeiten der Globalisierung stifte es nationale Identität. Faktoren, so die Soziologin Emilia van Hauen, die sich auch wissenschaftlich belegen ließen.

"Untersuchungen zeigen, dass die Bevölkerungen von Monarchien größeres Vertrauen untereinander haben als andere. Insofern hat das Königshaus eine wichtige Bedeutung. Es mischt sich nicht ein in die politischen Prozesse des Landes, aber trägt bei zu dem, was ich als den sozialen Leim zwischen den Bürgern bezeichnen möchte. Alle haben einen Bezug zum Königshaus, alle reden darüber, selbst die Kritiker. Das Königshaus sammelt die Menschen und schafft einen gemeinsamen Rahmen. Davon profitieren wir als Gesellschaft."

Der Traum von gesellschaftlichem Miteinander und nationaler Einheit aber dürfte kaum ausreichen, um das enorme öffentliche Interesse am Königshaus zu erklären. Jeder Auftritt der Royals wird auch im bodenständigen Dänemark von einer Fotografen- und Reporterschar begleitet, die den heimatlichen, aber auch internationalen Markt bedienen. Denn auch in Deutschland, so Heike Kruse, die für das ZDF regelmäßig über die skandinavischen Königshäuser berichtet, sei das Interesse enorm.

"Weil immer die Quote stimmt. Also, sobald man irgendetwas aus Königshäusern berichtet, schalten die Leute den Fernseher ein und sind sehr interessiert. Das ist eigentlich der wichtigste Grund."

Aber was ist das Faszinierende, über Einschaltquoten hinaus?

"Man muss da ein bisschen spekulieren. Ich glaube, dass es daran liegt, dass es eine Balance ist, zwischen: Sie sind so natürlich heutzutage die Monarchien, und: Sie sind aber so weit weg. Und bei dem So-weit-weg ist es einfach ein Glanz, ein Glamour alter Zeit, alter Herrlichkeit, den es heute nicht so gibt. Und ist vielleicht auch eine Flucht in Unterhaltung vor den eigenen Problemen. Und das Interesse ist ja in Deutschland, denke ich, besonders groß für skandinavische Königshäuser, weil die nicht so abgehoben sind, wie zum Beispiel die Engländer."

Glanz und Glamour, Pomp and Circumstances - selbst die sozialdemokratisch geprägten Länder des europäischen Nordens wollen darauf offenbar nicht ganz verzichten. Zwar schätzen die Dänen, dass ihr Königshaus mit der Zeit geht, es mit ähnlichen Problemen kämpft, wie der Normalbürger auch - etwa mit Scheidung und einem Alltag als Patchworkfamilie. Dennoch, so diese Passantin, sei ein gewisser Abstand zwischen Königshaus und Volk legitim, ja wünschenswert.

"Ich würde sagen, abgesehen von den Menschen, die wirklich am Rande der Gesellschaft leben, sind wir alle so erzogen, dass wir machen und erreichen können, was immer wir wollen. Eines der wenigen Dinge, wo dies nicht der Fall ist, ist das Königshaus. Die Mitglieder werden geboren mit eigenen Rechten. Sie sind und bleiben etwas Besonderes. Hier gibt es etwas, auf das wir nicht einfach hinarbeiten, das wir nicht studieren oder aus eigener Kraft erreichen können. Die Königsfamilie verbleibt auf einer Säule."

Doch eben diese Tatsache ist manchem auch ein Dorn im Auge. Denn bei aller Beliebtheit im Volke, auch in Dänemark finden sich Stimmen mit Kritik an Monarchie und Königshaus, mit dem Vorwurf, dies sei unzeitgemäß. Einer der einflussreichsten Kritiker ist Lars Trier Mogensen, Leiter der Leitartikel-Redaktion der überregionalen Tageszeitung "Politiken":

"Das Königshaus ist ein Erbe aus dem feudalen Zeitalter. Es ist die Antithese zur Demokratie und all den Dingen, für die die Französische Revolution gekämpft hat. Gut, es ist uns gelungen, dem Königshaus seinen politischen Einfluss zu nehmen, aber in den vergangenen Jahren beobachte ich eine Tendenz, dass Medien, aber auch die Politiker erneut wie Untertanen auftreten."

Unterstützung erhält Mogensen von seinem Kollegen Kim Bach, der vor allem die unkritische, ja staatstragende Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kritisiert.

"Betrachtet man sich das Programm von Danmarks Radio, dann ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Monarchie schlichtweg nicht vorhanden. In den vergangen zehn, 15 Jahren hat die Quantität der royalen Berichterstattung immer weiter zugenommen, noch nie war deren Umfang so groß. Seinerzeit berichtete man anlässlich von Hochzeiten oder Todesfällen, heute aber vergeht keine Woche, in der man nicht irgendeinen Bericht über das Königshaus sieht - und jedes einzige Mal steht im voraus fest, er ist unkritisch."

Sind die Dänen also dabei, die Uhren zurückzudrehen? Hat das laut Verfassung apolitische Königshaus eine soziale Macht, die die Demokratie des Landes schrittweise untergräbt? Und könnte dies am Ende Gegenreaktionen hervorrufen und so vielleicht sogar die Monarchie selbst gefährden?

Noch ist es so weit nicht gekommen, sagt der Historiker Steffen Heiberg, Forschungschef am Nationalhistorischen Museum Dänemarks und Autor preisgekrönter Bücher über die dänische Monarchie und europäische Kulturgeschichte. Tatsache sei jedoch, so Heiberg, dass es gerade den Ministern und Volksvertretern in den frühen Jahren der Demokratie sehr viel wichtiger gewesen sei als heute, gleichberechtigt und nicht devot gegenüber dem Königshaus aufzutreten.

"Meines Erachtens kann man sich eine Abschaffung der Monarchie überhaupt nur in Verbindung mit einer politischen Krise im Lande vorstellen. Im Augenblick können wir lediglich konstatieren, dass es eine Infragestellung der Monarchie nicht gibt - weder seitens des Volkes noch der Politik. Diese Fragen wurden vor 100 Jahren sehr viel intensiver diskutiert als heute. Das ist ein Fakt."

Doch ist das Königshaus, das die Regentin auch beim Klimagipfel zu präsentieren weiß, wirklich so apolitisch, wie es immer wieder versichert wird? Hat es rein repräsentative Funktionen - vom Besuch in Altenheimen bis zum Engagement für die sozial Schwachen?

Gewiss, die Königin unterschreibt, aber macht keine Gesetze, ihre Rolle in Zusammenhang mit der Regierungsbildung und der Ernennung oder Abdankung von Ministern ist eher symbolisch. Und selbst ihre Neujahresansprachen beziehen selten Stellung zu aktuellen politischen Themen und werden vor ihrer Ausstrahlung vom Büro des Ministerpräsidenten gegengelesen und gutgeheißen. Und dennoch weiß auch die dänische Regierung das Königshaus als politisches Instrument zu nutzen. Bei einem Bankett am Vorabend des letzten und entscheidenden Tages des Klimagipfels im Dezember appellierte Margrethe II. an die versammelten Staats- und Regierungschefs einen Kompromiss zu finden - und am Tisch der Königin saß: Angela Merkel.

So mischen sich die Dinge, und das Königshaus selbst weiß um die politische Instrumentalisierung, ja nimmt entsprechende Aufgaben bereitwillig wahr. Hofmarschall Ove Ullerup:

"Wenn wir ins Ausland reisen auf Staatsbesuche, dann gibt es dafür ein erhebliches Interesse - seitens der dänischen Wirtschaft, des dänischen Kulturlebens, vonseiten vieler staatlicher Institutionen. Viele wollen an diesen Reisen teilnehmen. Um nur ein Beispiel zu nennen. Im Herbst besuchte das Regentenpaar Vietnam, und etwa 70 dänische Unternehmen scheuten selbst in Zeiten der Finanzkrise nicht den Aufwand, sich an diesem Staatsbesuch zu beteiligen. Das zeigt doch, dass die Firmenreisen dieser Art als Added Value, als eine gute Investition ansehen, dass das Königshaus Türen öffnen kann, die ansonsten verschlossen bleiben."

So ist das Königshaus nicht allein Bindeglied für die Dänen und Symbol nationaler Identität. Es spielt auch eine gewichtige Rolle, was Dänemarks Ansehen in der Welt betrifft. Ein Trumpf, so die Soziologin Emilia van Hauen, den man in Zeiten des globalen Wettbewerbes um Aufmerksamkeit, Arbeitskräfte, Investitionen nicht unterschätzen sollte.

"Das Königshaus macht Dänemark zu etwas Besonderem auch auf der globalen Bühne. Wir sind ein klitzekleines Land, und eines der Dinge, die man außerhalb unserer Grenzen registriert, ist die Tatsache, dass wir die älteste Monarchie der Welt sind. Schauen Sie, wie viel über unser Königshaus berichtet wird. Das bedeutet nicht direkten politischen Einfluss, wohl aber ist da ein irrationaler, abenteuerlicher, märchenhafter Faktor, der zu internationaler Beachtung führt und den man für Geld nicht kaufen kann."

So hatte heute nicht nur Königin Margrethe II. Anlass zum Feiern. Auch die Dänen selbst, die Jahr für Jahr in Scharen auf den Schlossplatz kommen, um ihrer Königsfamilie zuzujubeln. Und die ohne Protest Jahr für Jahr mehrere 100 Millionen Kronen an Steuergeldern aufbringen, um ihre Monarchie zu finanzieren.

Leistet sich also das Königshaus ein Volk, oder leisten sich die Dänen ihre Königin, mit der sie im globalen Wettbewerb ganz gut fahren? Der Germanist Per Øhrgaard sagt, mit Blick auf die verbliebenen Monarchien in Europa:

"Logisch haben sie natürlich keine Berechtigung. In der Praxis aber haben sie sich ja sehr oft bewährt."

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