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Fleischesser wider Willen

Wer sich vegetarisch oder vegan ernährt und Eier, Milch oder Käse meiden will, muss beim Einkaufen besonders aufpassen. Denn viele Produkte enthalten Bestandteile vom Tier, obwohl nicht einmal das Kleingedruckte auf der Verpackung darauf hindeutet. Vegetarier und Verbraucherschützer fordern mehr Klarheit.

Von Philip Banse | 09.08.2012

Der Supermarkt "Veganz" im Prenzlauerberg verkauft vegane und vegetarische Lebensmittel - und zwar garantiert vegan und vegetarisch, das verspricht Geschäftsführer Jan Bredack. Doch ist eine Tomatensuppe wirklich rein pflanzlich? Enthält die Nugatcreme wirklich keine Milchbestandteile? Das können Verbraucher mit Blick auf die Verpackung heute nicht herausfinden, sagt Jan Bredack:

"Wir haben jetzt circa drei Jahre lang recherchiert und festgestellt, dass die Vertriebsabteilungen oft selber nicht genau Bescheid wissen über ihre Produkte, sondern dass man zum Teil sehr tief in die Produktion, in die Entwicklungsabteilung vordringen muss, um wirklich herauszufinden, wie die Produkte hergestellt werden und welche Inhaltsstoffe verwendet werden."

Zwei seiner Mitarbeiter recherchieren bei Herstellern, ob in den Produkten wirklich keine tierischen Stoffe enthalten sind. Sie erleben immer wieder Überraschungen: Läuseblut in Lippenstiften, Speck in Tomatensuppen - vor allem Gelatine taucht überall auf, ein geschmacksneutraler Stoff aus tierischem Eiweiß:

"Wenn ich jetzt das Beispiel, wo die meisten Leute immer erschrocken aufgucken, der Fruchtsäfte nehme, die meistens geklärt sind mit Gelatine, dann ist die Überraschung doch recht groß. Denn das erwartet keiner. Ein Fruchtsaft, das ist Frucht, kommt vom Baum und fertig. Aber weit gefehlt. Im industriellen Prozess, in der Fertigung wird da viel auf tierische Produkte zurückgegriffen."

Tier im Saft - Verbraucherschützer können Dutzende Produkte nennen, die jeder intuitiv als rein pflanzlich bezeichnen würde, die aber tierische Stoffe enthalten. Martin Rücker von der Verbraucherschutz-Organisation FoodWatch nennt das Beispiel Kartoffelchips:

"Da ist die ganze Palette von Tieren, die für Lebensmittel verarbeitet werden, dabei. Von Wild über Fisch, Schwein, Geflügel, Rind - finden sie alles in Kartoffel-Chips. Wobei es in der Regel nicht im Zutatenverzeichnis angeben wird."

Und auch nicht angeben werden muss. Tierische Stoffe in eigentlich rein pflanzlichen Produkten - das ist nicht illegal, sondern Ergebnis einer Gesetzeslücke, klagt FoodWatch. In der Zutatenliste auf der Verpackung müssen zwar alle Zutaten aufgeführt werden, nicht aber Trägerstoffe, auf denen diese Zutaten in das Produkt gelangen. So werden Aromen und Vitamine oft auf Gelatine in Säfte gemischt. Die Vitamine müssen in der Zutatenliste auftauchen, die Gelatine nicht, obwohl auch die Gelatine im Saft ist. Diese Regelungslücke müsse geschlossen werden, fordert FoodWatch: Wo Tier drin ist, müsse auch Tier draufstehen:

"Wir wollen eine Kennzeichnung, dass überall dort, wo tierische Bestandteile enthalten sind, oder bei der Produktion als technischer Hilfsstoff eingesetzt wurden, dass auch angegeben werden muss im Rahmen der Zutatenliste, und zwar konkret mit der Bezeichnung welches Tier ist an welcher Stelle eingesetzt worden. Dann können sich die Verbraucher informieren. Und wir brauchen zusätzliche eine klare rechtliche Definition der Begriffe vegetarisch und vegan, damit klar ist, was damit verbunden ist, wenn ein Hersteller mit diesen Begriffen Werbung macht."

Das zuständige Bundesverbraucherschutzministerium wollte Fragen dazu nicht beantworten. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es aus Ilse Aigners Haus, Lebensmittelkennzeichnung sei EU-Recht, Deutschland bliebe "nur geringer Spielraum". Ob Brüssel etwa mal rechtlich bindend definiert, was "vegetarisch" und "vegan" bedeutet, so das Ministerium, bliebe "abzuwarten". Damit will sich Martin Rücker von FoodWatch nicht zufriedengeben:

"Bei der Europäischen Union handelt es sich ja nicht um irgendwelche Außerirdischen, auf die man keinen Einfluss hat. Die Bundesverbraucherschutzministerin kann ihren Einfluss geltend machen, wenn sie das nur möchte. Wir kennen bisher aber keine Initiative von Frau Aigner, die die bekannte Gesetzeslücke schließen könnte."

Bis auf Weiteres können Veganer und Vegetarier, die auf keinen Fall tierische Stoffe zu sich nehmen wollen, nur auf wenige Labels achten, sagt Andreas Schneider vom Vegetarierbund, etwa das V-Label seines Verbands, ein grünes V in Pflanzenform auf gelbem Grund:

"Hier kann der Verbraucher sicher sein, dass er ein Produkt kauft, das frei ist von Bestandteilen eines toten Tieres, dann ist es vegetarisch, wenn das nicht mir drin ist. Oder eben dass völlig frei ist von Inhaltsstoffen tierischer Quelle, dann ist es halt vegan."