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StartseiteUmwelt und VerbraucherFleißige Pollensammler30.08.2013

Fleißige Pollensammler

Hummeln sind so wichtig für die Landwirtschaft wie Bienen

Hummeln werden auch "Schlecht-Wetter-Bienen" genannt, denn sie fliegen auch - anders als die Bienen - wenn es regnet oder kalt ist. Doch die Hummel ist zunehmend gefährdet - manche Hummelarten sind in Deutschland bereits ausgestorben.

Von Alexander Budde

Wo sterile Rasenflächen ohne Blüten vorherrschen, ist kein Platz für Hummeln.  (Stock.XCHNG -Julius Haertl)
Wo sterile Rasenflächen ohne Blüten vorherrschen, ist kein Platz für Hummeln. (Stock.XCHNG -Julius Haertl)

"Jetzt mache ich mal den Kasten auf, lege den mal hin, dass wir mal sehen und hören. Sehen Sie: da kommt eine raus!"

Mit Feingefühl zupft Eberhard von Hagen an der Polsterwolle. Summend steigen die verschreckten Arbeiterinnen aus dem hölzernen Nistkasten. Unten in der Finsternis der Waben macht der Hummelforscher eine rund 4 Zentimeter lange Jungkönigin aus.

"Hier ist die Königin für nächstes Jahr. Darf nicht wegfliegen!"

Vom kleinen Volk mit seinen rund 50 Individuen wird nur die Königin den Winter überleben, tief in die Erde eingegraben wird sie selbst bitteren Frost überstehen. Die Wildbienen hören mit den Beinen, blicken aus hunderten Facettenaugen, werden von ihrem royalen Oberhaupt vermutlich durch Hormonsteuerung dirigiert. Besonders faszinierend findet der Hummelforscher...

"...dass die Hummel über Winter weiß, wo sie geboren ist. Dass sie im Frühjahr zurückkehrt. Dass sie in ihrem Erinnerungsvermögen speichern können, wo sie gelebt haben und wo sie geboren sind, in den Nistkästen."

Ein halbes Dutzend dieser Holzkästen als Nestersatz stehen am Rande einer Wiese. Im kleinen Ort Bovenden bei Göttingen, am Fuße einer mittelalterlichen Burgruine, muss von Hagen um jedes Wildkraut kämpfen. Auch in seinem Biotop sind Rotklee, Weißklee, Schwarznessel, Facelia und Lupinen kaum mehr auszumachen. Während der Nachbar fleißig die Parzelle zur Linken mäht, platziert von Hagen behutsam den Glaskolben mit der Zuckerlösung im Nest. Da gehen sie manchmal zu dritt, zu viert mit dem Rüssel rein.

Als gefragter Experte hat von Hagen ein Buch geschrieben. Ein langes Leben schon hat er mit den friedfertigen Nützlingen verbracht.

"Wir sind groß geworden in Pommern damit. Mein Bruder hat zuerst die veränderliche Hummel gefunden und hat die aus der Vegetation herausgeschnitten mit einer Schere. Und ich habe das gesehen und habe dann parallel dazu – ich war 6 und er 10 – eine Waldhummel gefunden. Man kann von einem Störer als Kind zum größten Naturschützer werden."

Wie ihre entfernten Verwandten, die Honigbienen, sind auch die Hummeln als fleißige Pollensammler eine volkswirtschaftliche Größe. Als Wildbiene können sie fast jede zweite unserer Kulturpflanzen bestäuben.

Die Hummel wird auch Schlechtwetter-Biene genannt, weil sie bei Regen und Wind und Sturm auch fliegt. Bei jedem Wetter. Wir haben es schon erlebt, dass die bei minus 2 Grad – die dunkle Erdhummel – Pollen getragen hat an Weidenkätzchen. Dunkle Erdhummel und Steinhummel seien in unseren Breiten noch zahlreich anzutreffen, doch viele andere Arten seien vielerorts verschwunden.

"Die veränderliche Hummel ist deswegen so gefährdet, weil sie fast ausschließlich oberirdisch nistet – in Grasbüschel und Mooskugel. Und wenn die mähen, da kontrolliert keiner vorher, da haben sie keine Zeit für. Und lieber lassen sie die Tiere sterben. Die Grashummel ist hier ausgestorben, weil sie total niedergemäht und gemetzelt wurde."

Mais-Plantagen, Raps-Wüsten, durch die intensive Landwirtschaft würden den Tieren ihre Lebensgrundlagen immer weiter entzogen. Auf abgemähten und umgepflügten Äckern finden die Hummeln ihre Nester nicht mehr. Hinzu kommen Insektizide, Herbizide und Fungizide – Substanzen, die sich - so vermutet die Wissenschaft - verheerend auf ihren Orientierungssinn auswirken.

Die Folgen des Hummel-Sterbens seien noch kaum zu erahnen, mahnt Eberhard von Hagen. Die einzige zulässige Antwort darauf sei die Rückkehr zu einer naturnahen Gestaltung von Kultur- und Agrarlandschaften. Ein jeder könne heute und sogleich damit anfangen – im eigenen Garten, sagt er - und schielt zum Nachbarn herüber, wo seit einigen Minuten der Rasenmäher schweigt.

"Die kennen nichts anderes als einen sterilen Rasen ohne Blütenvielfalt. Und der liebe Gott und die Engel wollen doch gerne, dass es duftet und blüht."

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