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StartseiteGesichter EuropasFlexibilität für alle26.04.2008

Flexibilität für alle

Dänemarks Wohlfahrtsgesellschaft in Zeiten der Globalisierung

Anders als Deutschland haben die Dänen ihre Sozialsysteme bereits in den frühen 90er Jahren reformiert. Heute hat die Arbeitslosenquote eine beneidenswert niedrige Drei vor dem Komma, die öffentlichen Haushalte glänzen mit Überschüssen in Milliardenhöhe, und dank eines guten Netzes aus Krippen und Kindergärten, das auch den Frauen ermöglicht, ihren Beruf auszuüben, gilt Nachwuchs nicht als Problemthema. Ist also alles Gold, was glänzt?

Von Marc-Christoph Wagner; Redakteurin am Mikrofon: Barbara Schmidt-Mattern

Gut abgesichert lässt es sich in Kopenhagen angenehm leben - noch. (Stock.XCHNG / Daniele Codega)
Gut abgesichert lässt es sich in Kopenhagen angenehm leben - noch. (Stock.XCHNG / Daniele Codega)

Nein. Je reicher Dänemark wird, desto mehr wächst die Angst, etwas abgeben zu müssen. Die Einkommensschere zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst wird immer größer, und mit ihr auch der Unmut von Polizisten, Krankenschwestern, Lehrern und Erziehern. Das dänische Prinzip des Hire and Fire erlaubt größtmögliche Flexibilität für Unternehmen und fordert maximale Anpassung von Arbeitnehmern. Schwer Vermittelbare heißen auch "Multi-Problem-Fälle". Kündigungsschutz gilt vielen dänischen Personalchefs als deutscher Luxus. Dennoch leidet die dänische Wirtschaft unter einem akuten Arbeitskräftemangel, der die Politiker zwingt, ihre bisherige restriktive Ausländer- und Einwanderungspolitik zu überdenken.

"Gesichter Europas" mit Geschichten über Gewinn und Verlust im Wirtschaftswunderland Dänemark.

Ganze Busladungen mit Arbeitssuchenden aus Deutschland rollen inzwischen an, wenn in Dänemark mal wieder eine Jobmesse stattfindet. Das kleine Königreich im Norden hat sich in den letzten Jahren einen Spitzenplatz erarbeitet: Fast Vollbeschäftigung, ein hoher Lebensstandard und immer mehr Wohlstand. Auf ihrer "Weltkarte des Glücks" haben britische Wissenschaftler den Dänen letztes Jahr bescheinigt, das glücklichste Volk der Welt zu sein. So geben sich Politiker aus ganz Europa seit Jahren ein Stelldichein in Kopenhagen, um dem dänischen Wirtschaftswunder auf die Spur zu kommen. Die sogenannte "Flexicurity" soll der Schlüssel zum Erfolg sein, eine Wortschöpfung aus Flexibilität und Sicherheit. Das heißt wenig bis kein Kündigungsschutz, dafür aber eine hohe soziale Absicherung durch Arbeitslosengeld, Wohngeld und eine meist zügige Weitervermittlung. Job-Hopping, also das Springen von einer Stelle zur nächsten, gilt in Dänemark heute als Volkssport. So kommt es, dass inzwischen fast jeder vierte Däne einmal pro Jahr den Job wechselt. Ein wenig Amerika in Skandinavien, das doch immer als Wiege der Wohlfahrt galt. Doch Dänemark hat sich verändert: Der Wohlstand setzt viel Gelassenheit frei, aber auch einen stärker werdenden Materialismus. Die Tendenz, sich abzuschotten, nimmt zu, und so ist die rigide Ausländerpolitik nicht zuletzt auch eine Folge des Wirtschaftswunders.

Danish Crown ist ein Global Player in der internationalen Fleischindustrie. Was deutsche Unternehmer immer wieder ausschließen, löst der dänische Fleischriese mit Bravour: Danish Crown zahlt hohe Löhne und ist dennoch wettbewerbsfähig. Das hochmoderne Werk am Stadtrand von Horsens in Jütland wurde erst vor drei Jahren eröffnet. Die Mehrheit der 1600 Angestellten arbeitet in der Schlachterei. Und wie in so vielen dänischen Unternehmen sind alle von ihnen Mitglied in der Gewerkschaft, denn sie und nicht der Staat zahlt im Falle einer Kündigung das Arbeitslosengeld. Ein Treffen mit dem Betriebsrat, direkt am Fließband:


Der Gewerkschafter

Lars Mose zupft an seiner weißen Haube, zieht sich das blaue Haarnetz darunter über die Ohren. Hinter ihm zieht eine scheinbar endlose Reihe an Schweinehälften vorüber, über ihm rotieren unzählige leere Metallhaken zurück. 86.000 Schweine werden hier jede Woche geschlachtet - ein steriler Massenmord nach Akkord. In der Halle ist es feucht und warm. Ein undefinierbar süßlicher Geruch liegt in der Luft.

Lars Mose ist 41 Jahre alt, sein Körperbau sportlich - die sieben Kilometer von zu Hause bis zur Fabrik hier am Stadtrand läuft er jeden Tag hin und zurück. Bis 1993 verlegte er Fußböden. Als der Firma die Aufträge ausgingen, wurde er gefeuert und bekam Arbeit in der Schlachterei. Was als Vertretung begann, addiert sich mittlerweile auf 15 Jahre:

"Ich denke, wir Dänen sind pragmatisch. Wir werden dazu erzogen, flexibel zu sein. Stolz und Berufsehre kenne ich auch aus meinem früheren Job, aber was nützt der, wenn es keine Arbeit gibt? Den Job hier am Fließband habe ich mit dem gleichen Engagement gemacht, wie ich Fußböden verlegt habe. Ich finde es wichtig, eine Arbeit zu haben. Es gibt doch auch eine Familie, die versorgt werden muss.

Hier am Fließband stehen Ingenieure, Bankangestellte, Leute mit sehr unterschiedlichem Werdegang. Und egal, ob jemand den Job als Schlachter gelernt hat oder nicht, jeder bekommt das gleiche Geld. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - das ist eines unserer Grundprinzipien, das uns wichtig ist und auf das wir bestehen."

1995 ergriff Lars auf einer Betriebsversammlung das Wort, kurz darauf wählte ihn die Belegschaft in den Betriebsrat. 1998 wurde er stellvertretender Vorsitzender, seit 2001 ist er für die Interessenswahrung der nun 1600 Angestellten verantwortlich. Ein Vollzeitjob mit eigenem Büro. In die Produktionshalle kommt er nur noch, um nach dem Rechten zu schauen:

"Alle hier sind Mitglied der Gewerkschaft. Und glauben Sie mir, jeder weiß, dass es besser ist, der Gewerkschaft anzugehören, sonst zeigen ihm die Kollegen die kalte Schulter. Jeder bestimmt natürlich selbst, was er tut. Jeder hilft jedem, das gilt hier für uns alle. Aber wer sich selbst ausgrenzt, muss sehen, wo er bleibt. Das ist wie im Fußballverein - nur wer seinen Beitrag zahlt, kann spielen."

Ein Vorderteil nach dem anderen fällt aufs Produktionsband, mit einer kleinen Kreissäge werden die Kämme der Schweine durchtrennt, dahinter zerlegt eine ganze Kolonne von Arbeitern die Tierteile in kleine Stücke. Jeder Handgriff wird millionenfach wiederholt. Ein Kollektiv wie eine Maschine.

Lars Mose klopft einem Bekannten auf die Schulter, die Kollegen daneben grüßen ihn nickend. 170 Kronen die Stunde verdienen sie hier am Fließband, etwa 4000 Euro im Monat, hinzu kommen zwölf Prozent Pension - ein Gehalt, das dem vieler Akademiker entspricht. Außerdem unterstützt der Betrieb die Arbeit der Gewerkschaft, bezuschusst Freizeit- und Kulturangebote für die Mitarbeiter, bietet Massagen mehrmals die Woche. Lars handelt all das direkt mit dem Werksleiter aus:

"Wir streiten uns selten mit der Werksführung, die Atmosphäre ist sehr kooperativ. Natürlich sitzt jeder auf seiner Seite des Tisches, aber in den meisten Fällen wollen wir dasselbe - nämlich ein gesundes Unternehmen, das Geld verdient, für die Eigner, aber auch für die Angestellten.

Ich denke, uns allen hier, auch der Unternehmensleitung, ist bewusst, dass wir zusammenhalten müssen, dass unser wirklicher Feind die ausländischen Wettbewerber sind, nicht zuletzt die deutschen Schlachtbetriebe, die ihren Angestellten einen miserablen Lohn zahlen und die nur wettbewerbsfähig sind, weil sie ihre Angestellten schlecht behandeln."

Mit einem gewissen Stolz führt Lars durch die Produktion, der Fabrik fühlt er sich verbunden. Immer wieder lobt er die moderne Technik und die hohe Produktivität der Kollegen - wo früher 20 Leute an einem Fließband standen, würden heute 14 genügen. Ein gewöhnungsbedürftiger Satz aus dem Munde eines Gewerkschafters.

Mit dem Zeigefinger deutet Lars auf ein benachbartes Fließband - dort, sagt er, stehen die Polen, knapp 200 arbeiteten inzwischen im Werk. Er weiß, es wird immer schwieriger, offene Stellen mit dänischen Angestellten zu besetzen - trotz des guten Lohnes ist vielen die Arbeit zu eintönig. An die ausländischen Kollegen habe er sich gewöhnen müssen, räumt er offen ein. Heute aber funktioniere alles reibungslos. Die Kollegen belegten Sprachkurse, nähmen teil an den Aktivitäten der Belegschaft, vor allem verdienten sie das gleiche Geld und würden das Lohngefüge hierzulande nicht unterlaufen.

"Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft, befürchte aber, wenn andere Länder ihre Sozialstandards nicht verbessern, dann werden wir weitere Arbeitsplätze an das Ausland verlieren. Andererseits darf man nicht vergessen, dass wir bestimmte Jobs nur halten können, eben weil wir andere an das Ausland abgeben. Heute bezahlt es sich, beschädigte Tierdärme nach China zu schicken, um sie dort reparieren zu lassen. Wenn wir diese Arbeitsplätze aber nicht hätten ziehen lassen, dann hätten die 600 bis 700 Leute, die heute noch in Dänemark die Därme reinigen, ihre Jobs sicher nicht behalten."

Wer in Zeiten der Globalisierung zum Gewinner oder zum Verlierer wird, ist nicht nur in Deutschland eine Frage von Herkunft und Einkommen. Die Herausforderungen der Globalisierung nimmt der Deutschlandfunk in dieser Woche in einem Programmschwerpunkt unter die Lupe. Die Dänen versuchen es mit Pragmatismus. So werden eben ein paar Schweinedärme zur Behandlung nach China geliefert, um andere dafür weiterhin in Dänemark reinigen zu können. Die weltumspannende Ausbreitung von Produktion und Konsum wurde schon 1848 beschrieben. Manche Passage aus dem "Kommunistischen Manifest" von Karl Marx und Friedrich Engels taucht heute wieder in Essays und Zeitungsartikeln auf. Mal geht es um Betrachtungen der politischen Linken, mal um die Auswirkungen der Globalisierung. In vielem kam es anders, als von Marx beschrieben, doch einige seiner Überlegungen über Handel, Produktionsverhältnisse und nationale Industrien muten heute moderner an denn je.

"Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.
Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ’bare Zahlung’. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.
Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.
Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt."

Noch Anfang der 90er Jahre war Dänemark ein Agrarstaat mit einer beunruhigend hohen Zahl von Arbeitslosen. Heute ist das Gegenteil der Fall. Die Wirtschaft floriert in einem Maße, dass die Dänen vor allem eine Sorge umtreibt - dass sie ihren Wohlstand auch wieder verlieren könnten. Landauf, landab läuft deshalb die fieberhafte Suche nach Arbeitskräften. Umgekehrt steigt der Druck: Wer sich nicht aktiv um Arbeit bewirbt, muss mit finanziellen Sanktionen rechnen. Vier Stunden Fahrzeit zu einem neuen Job gelten als zumutbar. Der Kampf um Hände und Köpfe bewirkt aber auch Gutes: Dänische Personalchefs bemühen sich heute darum, ihre Besten unbedingt zu halten - mit hohen Gehältern und einem angenehmen Arbeitsklima. Von dieser Entwicklung profitieren besonders die Frauen. Der skandinavischen Tradition gemäß sind sie zwar sowieso viel selbstverständlicher in den Arbeitsmarkt eingebunden, aber man macht es ihnen eben auch leichter: Frei von ideologischem Ballast, wissen die Dänen um den Wert einer guten Kinderbetreuung: Das Netz aus Krippen, Kindergärten und Tagesmüttern ist flächendeckend und hoch angesehen. Öffnungszeiten von 7 bis 17 Uhr sind in dänischen Kindergärten eine Selbstverständlichkeit.

Viele Unternehmen erklären sich inzwischen freiwillig bereit, die Differenz zwischen dem staatlichen Elterngeld und dem früheren Gehalt zu zahlen. Mutter zu sein und begehrte Arbeitskraft - das ist in Dänemark kein Widerspruch. Was für viele deutsche Frauen unvorstellbar ist, erlebt Lene Sørensen gerade: Ihr Chef kann es kaum erwarten, dass sie zurückkommt:


Die Mutter

Das Haus der Sørensens liegt im Süden Kopenhagens. Ab und an ist ein aufsteigendes Flugzeug vom nahe liegenden Flughafen Kastrup zu hören. In den vergangenen Jahren hat Amager, der alte Arbeiterbezirk, viele junge Familien angezogen. Die Immobilienpreise sind explodiert. Kleine Krämer- wurden durch Feinkostläden ersetzt, verrauchte Kneipen durch blitzende Kaffeebars.

Es ist kurz nach sieben, ein sonniger Tag, durch das Fenster ist der blaue Himmel zu sehen. Im Flur zieht Lenes Manns Jesper Sohn Daniel Jacke und Schuhe an. Kurz darauf sind die beiden verschwunden - auf dem Weg zur Arbeit bringt Jesper den Dreijährigen in den Kindergarten.

Lene lacht, als sie vom deutschen Konzept der Herdprämie erfährt, und ist doch zugleich verunsichert, ob ernst gemeint ist, was sie gerade hört. Geld vom Staat fürs Daheimbleiben und Behüten der Kinder ist ihre Sache nicht:

"Ein Dasein als Hausfrau? Nein danke, jedenfalls nicht auf Dauer. Jetzt in der Babyzeit, in den kommenden acht, neun Monaten, ist das okay. Dann aber muss ich raus, will meinen Kopf stimulieren, brauche Herausforderungen. Das Hausfrauendasein ist mir zu eintönig - putzen, einkaufen, abwaschen. Das wäre mir auf Dauer nicht genug."

Lene Bach Sørensen ist 37 Jahre alt. Auf ihrem Arm hält sie Tochter Sarah, die vor neun Wochen zur Welt kam. Beruflich arbeitet Lene als Steuerberaterin in einem großen Unternehmen. Derzeit ist sie in der Elternzeit - mit vollem Gehalt. In den ersten 28 Wochen zahlt ihre Firma freiwillig die Differenz zwischen Muttergeld und dem normalen Gehalt. Das zweite Kind, sagt Lene, stand für sie nie in Frage:

"Um meine berufliche Laufbahn mache ich mir keine Sorgen. Ich könnte überall einen Job bekommen. Meine Karriere mag nicht so schnell voranschreiten wie bei kinderlosen Kollegen. Ich mache meinen Job, habe aber nicht die Zeit, nach dem Dienst Kontakte zu pflegen, ein Netzwerk aufzubauen. Aber diesen Preis zahle ich gerne, jetzt, solange die Kinder klein sind."

Die kleine Sarah ist müde, Lene will ein paar Schritte mit ihr gehen, zum Strand am Öresund ist es nicht weit. Lene genießt die Mutterpause, erzählt sie, jedenfalls auf Zeit. Ein Kontrast zum normalen Berufsalltag, in dem sie von 8 bis 15 Uhr arbeitet, vorher und nachher zum Kindergarten fährt, einkauft, Essen macht - Alltag eben einer Familie mit Kindern in Dänemark. Ehemann Jesper arbeitet 50 Kilometer entfernt, braucht jeden Tag zwei Stunden Fahrzeit. So sind die häuslichen Pflichten bei den Sørensens etwas ungleich verteilt - zumindest wochentags. Sollte es einmal eng werden, hat der Kindergarten von 7 bis 17 Uhr geöffnet:

"Dass meine Kinder in den Kindergarten gehen, damit habe ich kein Problem. Daniel kam mit elf Monaten zu einer Tagesmutter, und unsere Tochter wird mit acht Monaten in die Krippe gehen. Ich weiß, dass sie dort stimuliert werden, sie können mit den anderen Kindern spielen. Im Normalfall liefere ich sie morgens um halb acht ab und hole sie dann nachmittags gegen halb vier."

Lenes Kleidung ist sportlich-salopp, ihr langes dunkelbraunes Haar wird von einer Spange gehalten - eine Frau, die viel lacht und nicht viel Aufhebens um sich macht. Seit acht Jahren arbeitet sie für ihr Unternehmen. Nachdem Daniel auf die Welt kam, wollte sie ihre wöchentliche Arbeitszeit von 37 auf 32 Stunden reduzieren, was seitens der Chefetage zunächst verneint wurde. Doch Lene bestand darauf - und setzte sich durch, nach einigem Hin und Her:

"Generell herrscht im Unternehmen eine gute Atmosphäre, man kann über alles sprechen, es wird viel für uns Mitarbeiter getan, um uns zu halten und einen attraktiven Arbeitsplatz zu gestalten. Es gibt sehr gutes Essen in der Kantine, ein Fitnessstudio im Haus, wo wir im Laufe des Tages trainieren können, es gibt Physiotherapeuten, wir haben günstige Versicherungen, mit denen wir im Fall eines Falles schnell in Privatkrankenhäusern behandelt werden können. Und der Lohn entspricht auch dem, was in der Branche bezahlt wird."

Ein Umsorgen, das auch Lene am eigenen Leibe zu spüren bekam. Nachdem sie ihre Arbeitszeit reduziert hatte, wurde sie befördert, arbeitet nun als Managerin mit eigenem Portefeuille an Kunden und Beteiligung am Bonus. Kein Versuch vonseiten der Firma, Lene zur Mehrarbeit zu bewegen. Im Dialog mit ihren Vorgesetzten stimmte sie ab, welche Aufgaben innerhalb der 32 Stunden realistisch zu bewältigen sind. Früher, sagt Lene, haben viele Mütter dem Unternehmen einfach den Rücken gekehrt, weil sie Berufs- und Privatleben nicht miteinander vereinbaren konnten. Inzwischen habe die Chefetage daraus gelernt:

"Es war das erste Mal, dass eine Frau, die in Teilzeit arbeitet, zur Managerin befördert wurde. Ich denke, gerade als Frau muss man an den eigenen Wünschen und Prioritäten festhalten. Natürlich kommt mir die generelle Situation auf dem Arbeitsmarkt hierzulande zugute. Überall fehlt es an qualifizierten Mitarbeitern, gerade in meiner Branche. Und das führt eben dazu, dass immer mehr Unternehmen einsehen: Wenn wir die Leute behalten wollen, müssen auch wir uns bewegen."

Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen geht auseinander, seitdem Dänemark zum Wirtschaftswunderland geworden ist. Während die Privatwirtschaft wächst und gedeiht, hat der dänische Staat Milliarden Kronen in die Sanierung des Haushalts gesteckt, doch die Gehälter im öffentlichen Dienst stagnieren, trotz steigender Mieten und immer teurer werdender Lebensmittel. 100.000 Kindergärtner, Altenpfleger und Krankenschwestern haben gerade in Dänemark für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gestreikt, vor allem in den Kliniken. Ähnlich wie auch in staatlichen Kindergärten oder Pflegeheimen gilt eine Anstellung im kommunalen Krankenhaus, vor allem bei Ärzten, nicht mehr als besonders attraktiv. Zu wenig Gehalt, zu stressige Arbeitszeiten, zu wenig Prestige. Die Patienten bekommen diese Unzufriedenheit immer deutlicher zu spüren.
Früher galt der Gleichheitsgedanke - egal, ob Sozialhilfeempfänger oder Millionär, jeder bekam die gleiche Behandlung beim Arzt und in den Krankenhäusern. Das gilt zwar heute immer noch, aber die Konkurrenz der Privatkliniken schädigt das bewährte System. Wenn ein Krebspatient innerhalb eines Monats nicht in den öffentlichen Krankenhäusern behandelt wird, dann zahlt der Staat die Versorgung in einem Privatkrankenhaus. Das kommt inzwischen immer öfter vor, denn das fehlende Personal in den öffentlichen Kliniken verursacht immer längere Wartezeiten. Wer es sich leisten kann, geht direkt zur privaten Konkurrenz. Kritiker sehen darin den Beginn einer Zweiklassenmedizin, denn natürlich verbleiben die weniger lukrativen Patienten bei den öffentlichen Krankenhäusern, in denen aber immer weniger Ärzte arbeiten wollen.

Ein Besuch bei Erik Næhrs, einem Patienten, der viel Angst und wenig Zeit hatte:


Der Kranke

Die Kleinstadt Veksø, eine halbe Stunde mit der S-Bahn vom Kopenhagener Hauptbahnhof entfernt. Auf dem Bahnsteig wartet Erik Næhr auf den Besucher aus der Hauptstadt - dunkle Cordhose, roter Pullover, weißer Bart, die Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt. Der Bahnhof liege auf der Route seines täglichen Spaziergangs, hatte er am Telefon gesagt. Eines Spaziergangs, den er nicht allein der schönen Natur wegen macht.

"Es war ein enormer Schock. Eines Tages saß ich bei meinem Arzt, und er sprach von überhöhten Werten, die auf zweierlei hindeuteten - eine Infektion oder Krebs in der Prostata. Sobald das Wort Krebs fiel, hörte ich nicht mehr, was er sagte. Er redete weiter, aber ich war mit meinen Gedanken woanders. Ich war geschockt."

Das war vor zwei Jahren. Der Arzt versuchte, den heute 68-Jährigen zu beruhigen, sagte, wenn der Krebs sich auf die Prostata beschränke, stünden die Chancen gut. Dann überwies er Næhr an das lokale Krankenhaus, das eine genaue Diagnose erstellen sollte.

"Während dieser Wartezeit ist man natürlich nervös. Man denkt ständig: Wie weit ist der Krebs fortgeschritten? Immer wieder geht es einem durch den Kopf, wird sich der Krebs im Körper verstreuen, bevor die Bestrahlung beginnt? In dieser Situation kann es gar nicht schnell genug gehen - und eben hier versagt das System auf ganzer Linie."

Auf einer Anhöhe deutet Erik Næhr über Ort und Landschaft, in der Ferne eine Straße, die er seinerzeit geplant hat. Næhr selbst ist ein Kind des öffentlichen Dienstes. Mehr als zwei Jahrzehnte war der gelernte Ingenieur technischer Leiter der Kommune. Sein Vertrauen in den dänischen Staat aber hat er verloren. Sechs Wochen vergingen zwischen dem Verdacht des Arztes und dem Positivbefund der Gewebeprobe. Weitere vier Monate und 19 Tage bis zum Beginn der Behandlung.

"Man kann nichts tun, gar nichts. Man kann klagen, schreien, bitten, flehen - es hilft nichts. Das System ist ausgelastet, die Ressourcen sind einfach nicht vorhanden."

Erik Næhr wirkt äußerlich gefasst, während er all dies berichtet. Nur ab und an verliert sich sein Blick in der Ferne, zittern ihm die Lippen, ballt er seine Fäuste. Ob es Nachwirkungen der Angst sind oder erneut hochkochende Wut, bleibt ungewiss.

"Die Ärzte und Krankenschwestern waren sehr kompetent. Ich habe nie eine Schwester getroffen, die nicht gelächelt hat. Ich würde so weit gehen zu sagen, ihre Freundlichkeit hat zu meiner Heilung beigetragen. Nicht die Krankenhäuser tragen Schuld, Schuld haben unsere Politiker. Das Krankenhauspersonal ist prima."

Erik Næhr hatte Glück. Nach 35 Strahlenbehandlungen war der Krebs gebannt, noch heute sind seine Werte weit unter dem kritischen Niveau. Næhr aber ist ein gezeichneter Mann, er hat sich verändert. Sechs Mal hat er den Wasalauf absolviert, eines der längsten Skilanglaufrennen der Welt. Heute bringt ihn der kleine Hügel hinter seinem Haus beim Spazierengehen ins Schwitzen.

Erik Næhr hat einen großen Wunsch - dass anderen die Ängste, die er durchlebt hat, erspart bleiben. Kürzere Wartezeiten für die Patienten aber kämen nicht von alleine. Wer ein effektives Gesundheitswesen wolle, dürfe sich nicht mit haltlosen Behandlungsgarantien begnügen, sondern müsse die entsprechenden Mittel bereitstellen. Auch für die Gehälter der Beschäftigten:

"Vor 30 Jahren - da war das dänische Gesundheitssystem wirklich spitze. Wir waren in vielen Bereichen ganz weit vorne. Das ist heute nicht mehr der Fall, wir hinken hinterher, setzen falsche Prioritäten. Die Bestrahlungsgeräte, die es hier im Lande gibt, sind veraltet, überall fehlt Personal - und das verzögert natürlich alles die Behandlung. Das ist schlicht und ergreifend eine Frage des Geldes. Unsere Politiker aber verwenden es lieber auf andere Dinge."

Die Uniklinik in Kiel, erzählt Næhr beim Abschied, hätte ihn etwas eher behandeln können, aber eben kein dänisches Krankenhaus und auch keine Privatklinik. Doch 35 Bestrahlungen in einem fremden Land, hunderte Kilometer von daheim und der Familie entfernt? Selbst wenn sein Staat die Rechnung bezahlt hätte - Erik Næhr schüttelt den Kopf. Er kann selbst nicht glauben, dass es so weit gekommen ist.


"Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.

Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.

An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.

Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde."

Bei gerade einmal zwei Prozent lag die dänische Arbeitslosenquote im Februar. Beschönigt wird diese Zahl allerdings durch das Heer an Frührentnern. In den Büros und Fabriken ist kaum ein 60-Jähriger mehr zu finden. Zwar gilt auch in Dänemark, dass man, je früher man geht, desto weniger Rente erhält, doch die meisten Senioren haben finanziell vorgesorgt. Dennoch wollen Staat und Wirtschaft auf sie nicht länger verzichten, denn den Unternehmen fehlen Arbeitskräfte und dem Staat die Steuern, wenn allzu viele Alte zu Hause bleiben. Der Grund ist simpel. Ohne sprudelnde Steuereinnahmen ist der dänische Wohlfahrtsstaat nicht finanzierbar. Anders als in Deutschland, wo im Wesentlichen die Familie für Kinderbetreuung, Studium oder Pflege aufkommt, macht in Dänemark alles der Staat. Um das weiter zu gewährleisten, sollen die großzügigen Vorruhestandsregelungen langsam auslaufen. Wer heute unter 40 ist, wird dieses Privileg nicht mehr haben. Und die Rente mit 67 ist auch in Dänemark beschlossene Sache. Die Unternehmen suchen derweil nach eigenen Lösungen.

Weil gerade für einfache, schlecht bezahlte Tätigkeiten die Leute fehlen, hat eine große Supermarktkette in Kopenhagen ein sogenanntes Seniorprogramm entwickelt. Es ist für Menschen wie Bente Jensen gedacht:


Die Rentnerin

Ein junger Mann schiebt einen leeren Bierkasten vor sich her, eine ältere Dame sucht nach Remoulade. Es geht gemächlich zu am späten Vormittag. Die Zahl der Kunden kann an zwei Händen gezählt werden. Mitarbeiter in blauen Hemden sortieren die angelieferten Waren in die Regale. Auf den ersten Blick gleicht die Filiale jeder anderen der Discounter.

Doch der erste Eindruck täuscht. In der Haarfarbe der Angestellten überwiegt das Grau. Die meisten hier sind über 50.

Am Regal mit den Sonderangeboten der Woche steht Bente Jensen - schlank, kurzes Haar, hageres Gesicht. 59 Jahre ist sie alt. Drei Jahrzehnte arbeitete sie als Sekretärin. Dann ging die Firma pleite, Bente fand keinen neuen Job. Mit ihrer Arbeitslosenversicherung wäre sie bis zur Frührente gekommen. Eines Tages aber hörte sie von dieser Filiale - ältere Kollegen, Arbeitszeiten nach eigenem Belieben. Für das Altenteil war es auf einmal zu früh:

"Auch die Kunden finden das toll, zu den meisten haben wir ein nahezu familiäres Verhältnis. Viele kommen täglich vorbei, fragen: Wie geht es, Bente? Und dann plaudern wir ein bisschen über dies uns das. Es ist eine sehr angenehme Atmosphäre."

20 Stunden arbeitet Bente in der Woche. Wenn Not am Mann ist, auch mal mehr. Das Auffüllen der Regale sei anstrengend, erzählt sie. Doch man sei unter Leuten, habe eine Aufgabe - und verdiene ein paar Kronen extra. Zudem könne man den jungen Kollegen noch etwas beibringen:

"Kraft unseres Alters haben wir natürlich eine gewisse Lebenserfahrung, gehen vielleicht pflichtbewusster ans Werk. Ich sage nicht, dass junge Leute schlampig sind, aber wenn Sie in eine andere Filiale gehen, wo nur junge Leute arbeiten - na, da sieht es aber anders aus, das ist mitunter ein großes Tohuwabohu.

Ein anderer Punkt ist die Höflichkeit - das ist heutzutage ein enormes Problem, überall. An der Kasse kein Hallo, kein Danke - einfach bezahlen und weiter. Für viele junge Menschen ist Freundlichkeit heutzutage ein Fremdwort."

Bente geht zur Mittagspause. Neben dem kleinen Aufenthaltsraum hat Filialleiter Søren Frimann sein Büro - ein agiler 62-Jähriger, mit hochgekrempelten Ärmeln und schütterem Haar. Er war es, der das Konzept der Senior-Filialen 1998 mit anregte. Als Filialleiter hatte er damals Probleme, zuverlässige Mitarbeiter zu finden, die sich nicht nach wenigen Wochen einen anderen Job suchten. Gleichzeitig sah er unter seinen Kunden viele Rentner und Vorruheständler, denen der Tag in den eigenen vier Wänden zu lang wurde:

"Mit diesem Senior-Modell ist die Kontinuität unter den Mitarbeitern gestiegen und der Krankenstand gesunken. Im Gegensatz zu Filialen mit ausschließlich jungen Angestellten haben wir keine Probleme an Montagen und Freitagen - dann also, wenn junge Leute gerne um die Häuser ziehen. Die Arbeitsmoral älterer Menschen ist sehr viel höher."

Søren Frimann verschränkt die Arme hinter dem Nacken, lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück. Es kommt darauf an, auf die Wünsche der Mitarbeiter einzugehen, sagt er - wenn jemand nur zehn Stunden die Woche arbeiten wolle, sei das besser als gar nichts. Aber auch er, gesteht Frimann, habe in den Jahren hinzulernen müssen. Eine Filiale ausschließlich mit älteren Mitarbeitern funktioniere eben auch nicht:

"Mit der Zeit mussten wir einsehen, dass es ganz ohne die Jungen nicht geht - wir bekommen viel zu viele Waren, und die physische Beanspruchung ist zu groß. Ein weiterer Aspekt ist die Flexibilität - junge Leute fangen lieber später an, die Älteren gehen gerne etwas früher nach Hause, sie schätzen einen normalen Arbeitstag."

Noch Mitte der 90er Jahre galt Dänemarks heutiger Ministerpräsident Rasmussen als neoliberaler Hardliner. Sein damals erschienenes Buch Vom Sozialstaat zum Minimalstaat ist bei den Dänen bis heute umstritten. Also rückte Rasmussen in den letzten Jahren immer weiter in die politische Mitte und gewann 2001 die Parlamentswahlen. Zwei Mal wurde er seitdem im Amt bestätigt - wobei ihm die florierende Wirtschaft durchaus eine große Hilfe war. Doch viele Dänen fragen sich: Was passiert, wenn das Wachstum einbricht? Schon jetzt löst die vermeintliche Begeisterung, die der Regierungschef für den Sozialstaat demonstriert, in Teilen der Bevölkerung Misstrauen aus. Die Privatisierungstendenzen in der Gesundheitspolitik rufen viele Kritiker auf den Plan. Doch es gibt auch ein paar heiße Eisen, an die die Regierung sich nicht herantraut - zumindest noch nicht. Dem Vorschlag, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes zu verkürzen, um den Druck auf Arbeitslose weiter zu erhöhen, folgte die Regierung nicht. Und noch können Sozialhilfeempfänger und chronisch Kranke auf eine soziale Grundsicherung hoffen.

"Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nur noch die Geschichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen.

(…) Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. - Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung der alten Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.

Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst.

Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden - die modernen Arbeiter, die Proletarier."

Karl Marx hoffte auf den Klassenkampf und die Überwindung der alten Herrschaftsverhältnisse. Doch im hohen Norden Europas setzte sich ein anderes Modell durch: der skandinavische Wohlfahrtsstaat. Seine Grundidee, die Solidarität der Mehrheit mit den Schwachen, hat bis heute Gültigkeit.

Francesco gehört zu denen, die am Rande leben, ohne zu klagen, aber auch ohne etwas zu fordern:


Der Arme

Das mondäne Christianshavn an einem Samstagmittag. Die Straßencafés sind gefüllt, ebenso die Bänke entlang des Kanals, auf denen verliebte Pärchen schmusen. Auf den vertauten Booten sitzen kleine Grüppchen - essen Pizza, trinken Weißwein. Der ein oder andere schrubbt sein Deck, mit einer Bierflasche in Reichweite. Der Himmel über Kopenhagen ist blau. Die Sonne zurückgekehrt - auch in die Gemüter der Menschen.

An der Kreuzung vor der teuersten Bäckerei am Platze steht Francesco - 31 Jahre, etwa 1,85 groß, braune Augen, dunkelbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, ein sympathisches Lächeln. Ein Künstlertyp, könnte man meinen - schwarze Kleidung, das Tattoo am Hals. Nur die Zeitungen in der einen und der Pappbecher mit den Münzen in der anderen Hand passen nicht ins Bild.

Auch Francesco stand einst auf der Sonnenseite des Lebens. Der Sohn eines italienischen Vaters und einer dänischen Mutter wuchs auf in einem wohlhabenden Vorort Kopenhagens. Später ging er auf das teuerste Internat des Landes - 8000 Euro pro Jahr ohne Verpflegung. Eines Tages aber geriet Francesco auf die schiefe Bahn. Die falschen Freunde, die mit Drogen experimentierten. Kurze Zeit später war er abhängig.

"Viele Passanten fragen mich: Wieso suchst du dir nicht einfach einen Job, die Geschäfte nehmen doch jeden mit Kusshand? Ich habe das mehrmals versucht, aber jedes Mal bekomme ich einen Rückfall, fange wieder an mit den Drogen - dieses geregelte Leben ist wie eine Zwangsjacke. Die Behörden haben das inzwischen begriffen, ich muss mich jetzt nicht mehr ständig bewerben. Ich selbst bedauere das alles sehr, muss mich aber damit abfinden."

Francesco bekommt 3400 Kronen im Monat, umgerechnet 450 Euro - für die Miete, das Essen, Kleidung, alles. Als Zubrot verkauft er die Kopenhagener Obdachlosenzeitung - wie und wann, bestimmt er selbst:

"Natürlich wird man von einigen Leuten schräg angeguckt, aber das sind die wenigsten - vielleicht fünf von 100. Aber so ist das doch immer. Egal, ob man Krawatte und Anzug trägt oder langes Haar und eine Lederweste, es wird immer Menschen geben, die lästern."

Francesco nickt dem ein oder anderen entgegen. Seit einem halben Jahr steht er regelmäßig an der Ecke, er ist ein vertrautes Gesicht. Es ist meine eigene Schuld, sagt er leise und abgeklärt. Wehmut, ja Selbstmitleid scheinen ihm fremd. Vielleicht hat er einfach verdrängt, welchen hohen Preis er für seinen jugendlichen Leichtsinn zahlt.

"Ich habe selbst einmal ein normales Leben geführt. Früher bin ich auch zum Bäcker gegangen und habe 200 Kronen, rund 27 Euro, für Brot und Kuchen ausgegeben. Ich kann nichts daran finden, dass einige Leute mehr Geld haben als andere. Ich komme zurecht, wenn auch auf einem niedrigen Niveau. Selbst wenn ich zehn Millionen hätte, dann wird es immer einen geben mit zwölf Millionen."

Francesco hat zwölf Zeitungen verkauft, zählt sein Geld - knapp 500 Kronen in dreieinhalb Stunden, 67 Euro mit Trinkgeld. Ein guter Tag, lächelt er, und steckt die Münzen sowie die restlichen drei Zeitungen in seine Tasche. Gewiss, sagt Francesco, in Dänemark hat sich viel verändert in den vergangenen Jahren. Und ja, er sei nicht mehr als eine Nummer im System. Ausgestoßen aus der Gesellschaft fühle er sich aber nicht.

"In Kopenhagen geht es uns, verglichen mit anderen Großstädten, noch verhältnismäßig gut. Drogenabhängige, Alkoholiker, Obdachlose - niemand bleibt völlig sich selbst überlassen. Wer Hilfe braucht, kann sie kriegen. Egal, welche Regierung wir gehabt haben, ob bürgerlich oder sozialdemokratisch, man hat sich stets auch um uns Randexistenzen gekümmert, da hat sich nichts geändert. In einer so reichen Gesellschaft wie unserer sollte es aber auch Platz geben für Menschen wie uns."

Literatur: Karl Marx: Das Manifest der kommunistischen Partei, gelesen von Christian Brückner, ersch. auf Audio-CD im Jahr 2000: Parlando Politik, Edition Christian Brückner

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