Samstag, 20. August 2022

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Flexible Fahrbahn-Erweiterung

Biologie. - Der Stau gehört offenbar untrennbar zum modernen Leben in den menschlichen Ballungsräumen. Ameisen kennen dieses Problem überhaupt nicht, obwohl ihre Bauten an Bevölkerungsdichte die menschlichen Siedlungen weit in den Schatten stellen.

Von Volker Mrasek | 17.10.2013

    Es vergeht kein Tag ohne ihn. Zuverlässig stellt er sich am Freitagnachmittag ein, wenn alle nur eines wollen – möglichst schnell ins Wochenende. Fast 600.000 Kilometer Stau gab es im vergangenen Jahr auf Deutschlands Straßen. Dabei kann man Staus auf Schnellstraßen ganz einfach vermeiden. Jedenfalls, wenn man eine Ameise ist und der Art Formica pratensis angehört.

    "Die findet man meist auf Wiesen, also weniger im Wald drinnen wie die klassische Rote Waldameise. Aber generell sieht sie so ähnlich aus wie die Rote Waldameise. Was am charakteristischsten ist an dieser Ameise, ist, daß sie ihre Straßen eingräbt, also so ungefähr zwei Zentimeter tief in die Erde versenkt. Man kann sie sicherlich daran erkennen."

    Die Biologin Christiane Hönicke hat an dieser Ameisen-Art Verkehrsforschung betrieben, wie sie es selbst formuliert. Und zwar auf einem Trockenrasen in der Nähe von Bitterfeld, im Rahmen von Studien an der Universität Halle. Dabei beobachtete die Nachwuchsforscherin, wie die Ameisen Tag für Tag durch ihre Laufrinnen flitzen. Seither frotzelt Hönicke schon mal:

    "Ameisen sind, was das Resultat angeht, tatsächlich schlauer als wir."

    Denn die Biologin, inzwischen an der Universität Potsdam, fand heraus: Egal, wie viel in den Laufrinnen der Ameisen auch los sein mag - Staus gibt es auf ihren Schnellstraßen nie:

    "Und zwar ist es so, daß die Ameisen ja ihre Straßen eingraben. Und wenn jetzt besonders viele Ameisen auf der Straße unterwegs sind, laufen die natürlich schon ein bisschen gequetscht so an der Seite. Und jede Ameise, die gequetscht an der Seite läuft, nimmt ein kleines Stückchen Pflanze mit oder auch ein kleines Stückchen Erde. Und transportiert das woanders hin. Und in dem Moment ist die Straße schon ein bisschen breiter geworden."

    Die flinken Laufinsekten räumen also praktisch den Randstreifen frei, wenn der Verkehr zu dicht wird.

    "Es in der Tat so, daß die Ameise dann ein Stückchen Schlamm nimmt oder ein Stückchen Erde und es an einer anderen Stelle, wo der Verkehr gerade nicht so dicht ist, dann wieder ablegt. Und so wird an dieser Stelle der Weg dann halt wieder ein bisschen schmaler. Und an der Stelle, wo sie es weggenommen haben, dann breiter. Wenn man es auf den Menschenverkehr übertragen würde, dann würde man sagen: OK, wenn jetzt zum Beispiel vor einer Großstadt viel Verkehr ist, dann braucht man eben noch eine Fahrbahn mehr. Die Ameisen haben natürlich keine solchen Spuren. Bei denen laufen alle durcheinander. Aber das Prinzip wäre ein vergleichbares."

    Christiane Hönicke hat irgendwann auch versucht, Stoßverkehr in den Hohlgassen der Insekten zu provozieren, …

    "... indem wir den Ameisen künstlich Futter gegeben haben. Also, stellen Sie sich vor: Es ist Freitagnachmittag. Alle wollen jetzt noch mal schnell zum Supermarkt, und da erzeugt man natürlich auch höhere Dichten in der Nähe des Supermarktes. Aber im Vergleich zu den Menschen konnten wir da bei den Ameisen keinen Stau finden. Also, die Ameisen sind nicht langsamer geworden, obwohl da mehr Ameisen auf der Straße jetzt unterwegs waren."

    Klar sind Ameisen nicht so intelligent wie der Mensch. Bei weitem nicht. Aber so etwas wie kollektiv schlaues Verhalten im Straßenverkehr kann man den Sozialstaat-Bewohnern gewiss nicht absprechen:

    "Bei denen funktioniert das über Selbstorganisation. Und bei Selbstorganisation trägt jede einzelne kleine Ameise eben ein Teil dazu bei, daß es als großes Ganzes dann einen tollen Effekt gibt."

    Doch natürlich können wir bei Bedarf nicht mal eben so neue Fahrbahnen freischaufeln und wieder zuschütten. Die Anti-Stau-Strategie der Ameisen – uns hilft sie bei der Lösung der Verkehrsprobleme leider nicht.

    "Aber in erster Linie geht es erst einmal darum, das Leben der Ameisen zu verstehen. Und das ist ja auch schon sehr interessant."