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StartseiteKultur heuteFlucht aus der Leere des Lebens20.11.2011

Flucht aus der Leere des Lebens

Jan Gehler inszeniert Wolfgang Herrndorfs "Tschick" am Staatsschauspiel Dresden

Der Dresdner Chefdramaturge Robert Koall hat Herrndorfs Roadmovie- und Coming-0f-Age-Geschichte zu einer linearen Erlebnisgeschichte gestrafft. Regisseur Jan Gehler präsentiert ein bewegtes Präsentierstück, bei dem sich Erzählung und Schauspieler-Vorspiel-Szenen wunderbar ineinanderfügen.

Von Hartmut Krug

Bühne frei für Jan Gehler Inszenierung von Herrndorfs Roman am Staatsschauspiel Dresden. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Bühne frei für Jan Gehler Inszenierung von Herrndorfs Roman am Staatsschauspiel Dresden. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Die Bühne ist bedeckt von einem breiten, dunklen Asphaltstreifen, der sich nach hinten hochwölbt. Und obendrauf sitzt Maik. Maik Klingenberg. Obwohl sein erster Satz ist:

"Am besten ist Klappe halten, hat Tschick gesagt"

tut er das Gegenteil. Maik erzählt unentwegt. Wie im Buch, so auch auf der Bühne. Er erklärt, berichtet, schaut auf sich und seine Erlebnisse und spricht frontal ins Publikum. Dabei bewegt sich der 27-jährige Schauspieler Benjamin Pauquet auf den einfach konkreten Sätzen des Autors Wolfgang Herrndorf so locker und selbstverständlich dahin, dass man keinen Augenblick daran zweifelt, dass hier ein Vierzehnjähriger spricht.

Herrndorfs Roadmovie- und Coming-0f-Age-Geschichte ist vom Dresdner Chefdramaturgen Robert Koall, indem er deren erstes Viertel weitgehend weggekürzt hat, zu einer linearen Erlebnisgeschichte gestrafft worden. Das hat nichts Entscheidendes an Struktur und Gehalt des Romans geändert. Gegen die schludrige Lässigkeit, mit der an manchen Berliner Bühnen große Romane zu kleinen Theaterspielereien verarbeitet werden, hebt sich Koalls Dramatisierung wohltuend ab. Denn ihm gelingt es, Inhalt, Form und Geist von Herrndorfs Roman wunderbar auf die Bühne zu übersetzen. Natürlich werden nicht alle Episoden gezeigt, aber Kapitel für Kapitel wird der Bühnenraum Herrndorfs gestischer Sprache geöffnet, dieser nicht mit ausgedachtem oder abgehörtem Jugendslang aufgemotzten, sondern sinnlich nüchternen, lakonisch witzigen und ehrlichen Sprache.

"Wenn man keinen Spitznamen hat, dann kann das zwei Gründe haben: Entweder, man ist wahnsinnig langweilig und kriegt deshalb keinen, oder man hat keinen Freund. Wenn ich mich jetzt für eins von beiden entscheiden müsste, wäre es mir ehrlicherweise lieber, keine Freunde zu haben als wahnsinnig langweilig zu sein. Weil, wenn man langweilig ist, hat man automatisch keine Freunde. Oder Freunde, die noch langweiliger sind als man selbst. Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit: Es kann sein, dass man langweilig ist und keine Freunde hat. Und ich fürchte, das ist mein Problem."

Regisseur Jan Gehler präsentiert Figuren, ohne deren Erlebnisse szenisch auszumalen oder gar realistisch zu bebildern. Kein Auto, keine Häuser, keine Landschaft. Nur ein bewegtes Präsentierstück, bei dem sich Erzählung und Schauspieler-Vorspiel-Szenen, die zugleich von spielerisch genauer Körperlichkeit und lakonischem Witz sind, wunderbar ineinanderfügen. Wie zum Beispiel die Logopädin, die nach ihrem Unfall die Jungen ins Krankenhaus fährt, dabei mit den beiden Atem- und Sprechübungen macht, während Maik zugleich die Situation, die gespielt wird, erzählt, ist großes Theater in einer kleinen Szene. In einer Inszenierung, die genau austariert ist zwischen vorwärtsdrängenden und retardierenden Momenten, zwischen Erzählung und körperlichem Spiel.

Maik und Tschick, die mit einem gestohlenen, oder, wie Tschick sagt, ausgeliehenen Lada in den Sommerferien aus Berlin-Marzahn zu Tschicks Großvater in die Weiten der Walachei aufbrechen, kommen nicht weiter als in ostdeutsche Einsamkeit. Doch dabei finden sie einander und sich selbst, - Maik, der einsame Junge aus besseren Verhältnissen, mit einer Trinkerin als Mutter und einem autoritären Vater, der mit seiner jungen Assistentin auf eine sogenannte Geschäftstour geht, - und Tschick, der eigentlich Andrej Tschichatschow heißt und neu in Maiks Klasse ist.

Sebastian Wendelin gibt ihn nicht einfach nur als coolen Typen, sondern auch als einen wortkarg sensiblen Sinnsucher. Doch hier wird nicht moralisiert, und die beiden Jungen klagen nicht, sondern sie flüchten einfach aus der Leere ihres Lebens. Dabei treffen sie auf lauter skurrile, aber nette Menschen, die von Holger Hübner und Anna-Katharina Muck mit zarter Überzeichnung ausgestellt werden. Während Maik und Tschick in herrlichen Dialogen unentwegt diskutieren und spintisieren. Und da sie im geklauten Lada nur eine Richard-Clayderman-Kassette finden, müssen sie eben mit deren Sound vorlieb nehmen, auch, wenn sie die junge Isa mitnehmen, der Lea Ruckpaul zugleich Zartheit wie Schnoddrigkeit gibt:

"Maik: "Irgendwann bogen wir wieder ab und fahren Landstraßen und der Sonne nach. Dann tauchte eine riesige Bergkette auf, ungeheuer hoch und mit Steinzacken oben drauf."
Isa: "Ich hab keine Ahnung, was das für Berge sind."
Maik: "Stand ja auch kein Schild dran."
Isa: "Die Alpen sind das aber sicher nicht."
Tschick: "Eh, in Ostdeutschland gibt es keine Berge, ich schwör´s.
Isa: "Doch, natürlich, aber ...""

Bei Herrndorf und Gehler werden Menschen beschrieben, nicht beurteilt. Das schafft Seh- und Denkvergnügen. Es gibt nur ganz kleine Längen in dieser zweistündigen Uraufführung, insgesamt aber ist in Dresden ein wunderbares Sprach-und Spiel-Theater zu erleben.

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