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StartseiteCorso"Je weiter man vom Meer weggeht, desto enger wird das Herz"24.04.2018

Flüchlingsfilm "Eldorado""Je weiter man vom Meer weggeht, desto enger wird das Herz"

Markus Imhoof verknüpft in seinem Dokumentarfilm "Eldorado" das Schicksal heutiger Mittelmeerflüchtlinge mit der eigenen Familiengeschichte. Er erlebte viele empathische Helfer, aber auch viel Zynismus, sagte Imhoof im Dlf. Dabei liege die Verantwortung für Afrika bei den Europäern.

Markus Imhoof im Corsogespräch mit Fabian Elsäßer

Eldorado-Protagonist Akhet Téwendé (v.l.n.r.), Regisseur Markus Imhoof und Eldorado-Protagonist Raffaele Falcone.  (Maurizio Gambarini/dpa)
Regisseur Markus Imhoof zeigt in "Eldorado" die Lebensrealität vieler Geflüchteter (Maurizio Gambarini/dpa)
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Fabian Elsäßer: Unter der prallen Sonne laufen Menschen zwischen Baracken aus Sperrholz und Plastik umher, die Männer arbeiten für einen Hungerlohn auf Plantagen, die Frauen prostituieren sich, wenn die Nacht anbricht. Das sind keine Bilder aus der Dritten Welt, sondern aus Italien. Sie zeigen, wie Flüchtlinge aus Afrika leben, wenn sie nicht anerkannt sind – und trotzdem irgendwie Geld für ihre Familien verdienen wollen. Markus Imhoof, einer der bedeutendsten Schweizer Filmemacher der Gegenwart, hat das mit versteckter Kamera dokumentiert für seinen Film "Eldorado", der diese Woche in die Kinos kommt. Er hat dafür auch auf Rettungsschiffen im Mittelmeer gedreht, an der Schweizer Grenze, in Behörden und Flüchtlingsunterkünften. Und er verknüpft diese Bilder der Gegenwart mit seiner eigenen Geschichte, denn seine Familie nahm im Zweiten Weltkrieg ein italienisches Flüchtlingsmädchen bei sich auf, mit 14 musste es wieder zurück nach Italien, damit – so damals das Rote Kreuz – keine "zu tiefe Gefühlsbindung" entstehe. Sie starb an medizinischer Unterversorgung, diese Giovanna. Das macht "Eldorado" so eindringlich. Markus Imhoof ist jetzt aus Frankfurt zugeschaltet. Willkommen zum Corsogespräch.

Markus Imhoof: Danke, willkommen.

"Das sind Kinder"

Elsäßer: Herr Imhoof, Sie haben auch in früheren Filmen schon einmal eigene Erfahrungen oder Bezüge zu Ihrer Familien- und Lebensgeschichte eingebracht, aber dieser Rückgriff auf das eigene Erleben war diesmal noch intimer. Warum haben Sie sich dem ausgesetzt?

Imhoof: Das war immer der Kern, der Ausgangspunkt meines Interesses an dem Thema "Flüchtlinge". Aber es dann zuzulassen, brauchte ein bisschen Überredungskunst meiner Produzenten und der Cutterin, weil ja diese Gefühle innen sind. Und das hat dann während des Schneidens … ist es immer weiter in den Film hineingewachsen.

Elsäßer: Und gleichzeitig kann man sagen, zeigen Sie ja auch die Motive von Flucht durch diese beiden Ebenen über Jahrzehnte hinweg – und sie sind nicht so unterschiedlich, nicht wahr?

Imhoof: Giovannas Vater ist umgekommen im Krieg, die Mutter war krank in einem bombardierten Haus – das ist eigentlich wie heute. Niemand kommt auf die Idee, Kinder aus Aleppo ein bisschen nach Deutschland zu holen zum Auffüttern. Ich wundere mich eigentlich. Und natürlich ist es einfacher vielleicht, Italienisch zu lernen als Arabisch. Und die waren keine Muslime – vielleicht kommt da die Angst her. Aber das sind Kinder. Und niemand spricht von der Möglichkeit, dass man das eigentlich machen könnte.

"Ökonomischer Kolonialismus"

Elsäßer: Das wäre etwas, was Sie anregen wollen?

Imhoof: Ich sehe einfach den Unterschied. Also es gibt Klassenunterschiede zwischen "guten", "mittelguten" und "ganz schlechten" Flüchtlingen. Und das zeigt eigentlich, wie wir mit Menschlichkeit umgehen.

Elsäßer: Viele Flüchtlinge, die man in Ihrem Film sieht, sind aber offenbar nicht aus Syrien, sondern da kommen ganz viele auch aus Afrika. Und ich entsinne mich an eine Stelle, wo ein Fallentscheider einer Schweizer Behörde sagt, eigentlich hätte er nie einen Asylantrag aus Afrika schon mal positiv beschieden. Das sind dann die "ganz schlechten" Flüchtlinge?

Imhoof: Ja – die sollen "da unten"bleiben. Und keiner denkt daran, dass unsere Verantwortung für den Zustand von Afrika, dass das bei uns liegt. Jetzt kommen dann noch die Klimaflüchtlinge und da ist die Verantwortung eigentlich dann eindeutig. Aber man sieht ja bei dieser Tomaten-Geschichte: Diese Tomaten, die die "Sklaven", muss man sagen, in Italien pflücken, die werden angepflanzt mit EU-Subventionen, werden verarbeitet und dann als Büchsen in Europa verkauft, aber auch in Afrika. Und das heißt, die subventionierten europäischen Tomaten sind billiger als die, die in Afrika wachsen. Und die bezahlen die Angehörigen sogar mit dem Geld, was diese Sklaven zurückgeschickt haben.

Elsäßer: Also die illegalen Flüchtlinge quasi nur, damit sie die Familien ernähren können?

Imhoof: Genau.

Wir haben noch länger mit Markus Imhoof gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Elsäßer: Das hat vor Ihnen offenbar noch niemand thematisiert. Wie kann das sein, dass da bisher so wenig Aufmerksamkeit drauf fällt?

Imhoof: Darum werden die falschen Leute gewählt, die dann solche Gesetze erlassen und solche Handelsabkommen machen. Also ich glaube, der Konsument muss sich wehren – für eine verantwortungsvolle Wirtschaft.

Elsäßer: Also geht es gar nicht so sehr um Kriege als Ursache von Flucht, sondern es geht um Wirtschaftsmacht?

Imhoof: Es geht um Kohle, es geht um Geld, es geht um unseren Vorteil. Unsere Privilegien wollen wir nicht hergeben. Wenn weltweit Demokratie wäre, dann würden wir überstimmt.

Elsäßer: Was wäre denn wichtiger? Europäische Rüstungsexporte in Krisenregionen einzustellen – da wären wir dann sicherlich auch im Nahen Osten – oder Handelsabkommen zurückzunehmen?

Imhoof: Es geht um beides. Unsere ganze Vormachthaltung gegenüber der Dritten Welt müssen wir korrigieren. Es ist eigentlich eine Form von Ökonomischem Kolonialismus. Früher war es die Armee und heute sind es die Firmen. Wenn der eine aus der Elfenbeinküste sagt, das ist eigentlich das kakaoreichste Land, aber es gibt keine Kakao-Fabrik in der Elfenbeinküste. Das zeigt natürlich, als Schweizer kann ich das sagen, die Schokolade gehört uns – aber sie wächst eigentlich in Afrika.

"Wer in diesen Gesetzen arbeitet, muss absurde Entscheidungen treffen"

Elsäßer: Stichwort Empathie – wie viel davon haben Sie erlebt bei den Menschen, die für den Staat arbeiten?

Imhoof: Je weiter man vom Meer weggeht, desto enger wird eigentlich das Herz. Das ist erstaunlich. Ich habe bei diesen Soldaten und Matrosen auf dem Meer keinen bösen Spruch gegen Flüchtlinge gehört, obwohl die ja wirklich schwer arbeiten, mit vielen Alarmen mitten in der Nacht und so weiter. Und je weiter es geht, desto abstrakter werden die Flüchtlinge für sie – und desto despektierlicher wird auch geredet. Also dieser Befrager sagt ja lachend: "Ich erinnere mich nicht, dass ich in 14 Jahren einem Afrikaner Asyl gegeben habe." Aber sein Beruf wäre eigentlich, die wirklichen Flüchtlinge zu erkennen. Aber die Gesetze sind halt so gemacht, dass wer in diesen engen Gesetzen arbeitet, muss eigentlich absurde Entscheidungen treffen.

Elsäßer: Wie haben Sie das eigentlich alles gefilmt? Also teilweise mit versteckter Kamera, aber auf Booten, Kriegsschiffen, ja nicht.

Imhoof: Auf diesen Alarm-Einsätzen war es wichtig, dass man nicht stört. Wir konnten ja körperlich nicht selber mithelfen. Aber es war wichtig, dass man die Helfer nicht stört, und dass man aber beim Filmen auch den genügenden Respekt wahrt, in dieser Ausnahmesituation die Leute nicht auszustellen, aber trotzdem den Zuschauern zu zeigen, was da wirklich abgeht: dass da wirklich Leute um ihr Leben kämpfen.

"Eine unmögliche Situation"

Elsäßer: Ich war auch überrascht, dass Sie schweizer Grenzpolizisten dabei filmen konnten oder durften, wie sie Afrikaner, die keinen Pass haben, aus Regionalzügen holen. 

Imhoof: Das ist wirklich eine "ethnische Säuberung", kann man fast sagen. Wer kein weißes Gesicht hat, wird einfach aus den Zügen geholt.

Elsäßer: Aber wieso hat man Sie das drehen lassen? Das wundert mich. Kein Unrechtsbewusstsein?

Imhoof: Ja, sie sind stolz darauf, dass sie "Dublin" vollziehen, dass sie verhindern, dass diese Flüchtlinge in die Schweiz kommen. Ein hoher Beamter des BAMF in der Schweiz, das SEM heißt, hat mir gesagt: Wenn die Linken und die Rechten gleichermaßen unzufrieden sind mit uns, dann haben wir einen guten Job gemacht. Das heißt, sie sind unter Druck von beiden Seiten. Sie müssen zeigen, dass sie hart sind. Und sie dürfen dann aber auch nicht zu menschlich sein. Und das ist eigentlich eine unmögliche Situation – sie dürfen auch keine eigene Meinung haben.

Elsäßer: "Eldorado" von Markus Imhoof kommt Donnerstag in die Kinos, ein Film, der die Ursachen von Flucht heute und früher gegenüberstellt: menschlich, privat, aber nie platt. Herr Imhoof, herzlichen Dank für das Gespräch.

Imhoof: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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