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Flüchtling und minderjährig

Zahlreiche Flüchtlinge kommen nahezu täglich in Griechenland an - unter ihnen auch immer mehr Kinder. Solange sie minderjährig sind, ist die Abschiebung verboten, doch ihre Betreuung ist aufgrund der unsicheren Rechtslage alles andere als einfach.

Von Anna Koktsidou | 17.07.2009
    Ein helles, dreistöckiges Gebäude, umgeben von einem großen Garten und hohen Bäumen, mitten im Wald: das Heim für minderjährige Flüchtlinge auf Lesbos. Auf einer kleinen Mauer vor dem Haus sitzen ein paar Jungs, alles Afghanen, unterhalten sich oder träumen vor sich hin, so wie der 17-jährige Hamid:
    "Ich wünsche mir einfach nur Sicherheit. Ich will ein Land, wo ich leben kann, wo es Frieden gibt. Das, was in Afghanistan nicht möglich ist."
    Um diesen Traum zu verwirklichen, hat Hamid sein Leben riskiert: Er ist zu Fuß von Afghanistan in den Iran, dann mit 70 Menschen in einem Lkw zusammengepfercht durch die Türkei, und dann mit einem Schlauchboot über das Meer nach Lesbos:
    "Wir waren zu sechst und haben es vier Mal versucht. Jedes Mal, wenn wir es auf die griechische Seite geschafft hatten, hat uns die Küstenwache wieder in die Türkei zurückgedrängt."
    Eineinhalb Jahre dauerte Hamids Versuch, nach Griechenland zu gelangen. Es klappte schließlich deswegen, weil die Küstenwache ihn zusammen mit einer Familie aufgriff, die Babys bei sich hatte. Auf Lesbos wurde er, wie alle Flüchtlinge, zunächst in das einzige Aufnahmelager der Insel gebracht. Gerade in den Sommermonaten platzt es aus allen Nähten, und erst in letzter Zeit sind die hygienischen Bedingungen leicht verbessert worden.

    Speziell für die Jugendlichen gibt es nun seit einiger Zeit eine eigene Unterkunft: Ein leer stehendes ehemaliges Sanatorium in der Nähe der kleinen Stadt Ajassos, mitten auf der Insel. So sind die Minderjährigen besser geschützt, und das ist auch bitter nötig, meint die Deutsch-Griechin Salinia Stroux, die das Heim koordiniert:
    "Also meistens kommen sie einem sehr schweren Zustand hierher, traumatisiert durch die Gewalt, durch den Druck der Familien und dann zusätzlich gesundheitliche Probleme, Hautkrankheiten, Verletzungen, man erkennt die Spuren der Reise, der Flucht."
    Ein Team, zu dem auch eine Psychologin, eine Rechtsanwältin und zwei Übersetzer gehören, kümmert sich um die Jungs, versucht Ordnung in ihr Chaos zu bringen und eine Perspektive zu entwickeln. Das geht nur mit gehörigem Selbsteinsatz. Rund um die Uhr ist jemand da, aber nur, weil sich das Team freiwillig dafür aufteilt. Einige sind froh, hier zu sein, andere wiederum haben nur eines im Kopf: Sie wollen weiter. Der Aufenthalt im Heim ist freiwillig – und die Alternative zu einem Leben auf der Straße, denn es gibt in Griechenland kaum Plätze für minderjährige Flüchtlinge:
    "Wir sind verantwortlich sie zu schützen, wir sind aber auch keine Polizeibeamten und können sie nicht festbinden. Wir können nur versuchen, sie zu überzeugen, dass es gut ist solange zu bleiben, bis sie ein Bild davon haben, wie ihre Zukunft aussehen soll. Aber in der Regel ist es so: der größte Prozentsatz will weg."
    Weg, irgendwohin, wo sie mehr arbeiten können, um die Familien zu Hause zu unterstützen oder um das Geld für die Schlepper abzuzahlen. 1600 Minderjährige sind innerhalb des ersten Jahres in dem Heim gewesen, einige waren nur für ein paar Tage da, andere für Monate. Von manchen, die weiterziehen, hört man nie wieder etwas – doch es gibt auch Jugendliche, die sich von unterwegs noch mal melden. Im Heim sind sie zumindest sicher, bekommen einen Vormund, vielleicht eine Ausbildung – doch die Chance Asyl zu erhalten, ist denkbar gering, in Griechenland liegt sie bei unter einem Prozent:
    "Natürlich spitzt sich die Lage zu, wenn sie hier alle in diesem Griechenland ohne Rechte gefangen sind. Da muss eben Druck von außen kommen, von den anderen europäischen Ländern, nicht nur dahingehend, dass Flüchtlinge abgewehrt werden. Die anderen europäischen Länder, die nicht an den Außengrenzen sind, ruhen sich auf diesem Kissen aus, und das finde ich sehr brutal."
    Hamid hat sich vorgenommen, in Ajassos zu bleiben, lesen und schreiben zu lernen und vielleicht eine Lehre zu machen. Alles wird gut, erzählt er seinen Eltern, wenn er sie mal anruft. Der Glaube daran hält auch ihn aufrecht:
    "Wenn du enttäuscht bist und keine Hoffnung hast, hast du alles verloren. Und bei uns sagt man: Wer die Hoffnung verliert, verliert sein Leben."