Dienstag, 02.03.2021
 
Seit 19:15 Uhr Das Feature
StartseiteDeutschland heuteDie Stimmung steht auf der Kippe15.12.2015

Flüchtlingsaufnahme in BrandenburgDie Stimmung steht auf der Kippe

Mindestens 30.000 Flüchtlinge muss das dünn besiedelte Brandenburg in diesem Jahr aufnehmen. Während die rot-rote Landesregierung sie willkommen heißt, suchen die Kommunen händeringend nach Unterkünften - und Rechtsextreme schüren Ressentiments. Die Stimmung droht zu kippen.

Von Vanja Budde

Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske steht hinter fünf Erstklässlern, die winken und tanzen - unter ihnen zwei syrische Mädchen. (dpa / Bernd Settnik)
Willkommenskultur: Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske besuchte im November eine Grundschule in Golzow, in der auch drei syrische Kinder unterrichtet werden. (dpa / Bernd Settnik)
Mehr zum Thema

Brandenburg Eine Kaserne für 800 Flüchtlinge

Flüchtlingsporträt Sheela, Kenia

Brandenburg Rassistischer Angriff auf Syrer

Berichterstattung Publizistische Kapitulation vor rechter Hetze

Die NPD hetzt seit Monaten gegen die Hilfsbedürftigen, Unterkünfte brennen nieder, bevor sie bezogen werden können. Bürgermeister werden bedroht, Flüchtlingshelfer attackiert. Noch sind es Einzelfälle, noch ist Brandenburg von Zuständen wie in Dresden weit entfernt, wo Tausende Pegida auf die Straße folgen. Doch in Brandenburgs zweitgrößter Stadt Cottbus hat es ein Trupp Neonazis nun erstmals geschafft, jede Woche mehrere hundert "Wutbürger" zu einer Demonstration gegen Asylbewerber zu mobilisieren. Manfred Stolpe, Nachwende-Ministerpräsident in Brandenburg von 1990 bis 2002, macht sich Sorgen.

"Wir haben jetzt eine Katastrophensituation, wo alle diese zarten Pflänzchen an Zivilgesellschaft, die wir haben, überrollt und zertrampelt werden können."

AfD-Fraktionschef Gauland schürt Ängste

Mit 12,2 Prozent ist die rechtspopulistische AfD in den Potsdamer Landtag eingezogen, auch weil sie im Wahlkampf auf das Thema Asylpolitik setzte. Während die Städte und Landkreise jeden Tag darum ringen, die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen, versucht der AfD-Fraktionsvorsitzende Gauland aus der Lage Honig zu saugen, indem er Ängste schürt.

"Herr Ministerpräsident, zu uns kommen nicht nur Frauen, Kinder und Heilige und auch nicht nur syrische Ärzte. Sicherheitsexperten sprechen auch von Extremisten und gewaltbereiten Tätern, die zu uns kommen. Wie wollen Sie die Brandenburger vor diesen Menschen glaubwürdig schützen?"

Die Flüchtlinge würden auf lange Zeit in Massenunterkünften hausen, behauptet Gauland.

"Und die werden sich zu Brutstätten der Gewalt und Kriminalität entwickeln."

Ist es Folge dieser Hetze oder ihre Ursache? Viele Anwohner von Flüchtlingsunterkünften verwechseln die Menschen, die vor Krieg und Terror in unser Land fliehen, mit Kriminellen.

"Meine Frau zum Beispiel, die geht viel wandern, an der Kaserne vorbei, da durch den Wald. Und ich hab sie vorhin gefragt, ob sie denn dann da oben immer noch lang geht, und sie hat klipp und klar gesagt Nein, dann geht sie in die Stadt." - "Und dann ist die Klauerei ganz groß, ganz groß."

Kein Beleg für vermeintliche Straftaten der Flüchtlinge

Andere Gerüchte verbreiten sich wie ein Steppenbrand über Facebook: Dass Flüchtlinge angeblich ungestraft Ladendiebstähle begehen, dass sie umsonst Bus und Bahn fahren, dass Deutsche für sie ihre Wohnungen räumen müssten.

"Man kann natürlich niemanden zwingen, die Wahrheit zu akzeptieren. Aber man kann dafür sorgen, dass Gerüchte so schnell nur irgend möglich widerlegt werden und die Tatsachen bekannt werden",

sagt Sozialministerin Diana Golze von der Linken. Die Märkische Oderzeitung ist dafür einmal allen Gerüchten nachgegangen und fand kein einziges bestätigt. Und auch CDU-Chef Ingo Senftleben setzt auf Aufklärung. Bleibt nur zu hoffen, dass die Kraft der Fakten ausreicht.

"Ich erwarte auch von den Bürgern, dass sie sich eben nicht mit den einfachen Antworten zufriedengeben, sondern dass sie sich auch besser darüber informieren. Die einfachen und schnellen Antworten, die haben Deutschland in der Geschichte sehr viel Schaden zugefügt."

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk