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StartseiteInterviewHass im Netz21.08.2015

FlüchtlingsdebatteHass im Netz

Fotomontagen von Flüchtlingsunterkünften als KZ. Parolen wie "Gas rein bis Ruhe ist!" Der Blick in die Sozialen Medien verursacht manchmal Übelkeit. Und klar, gerade geht es besonders gegen Flüchtlinge. Wie Deutschlandfunk-Nachrichtenredakteur Thorsten-Gerald Schneiders berichtet, ist der Hass im Netz aber keine Neuigkeit.

Thorsten Gerald Schneiders im Gespräch mit Christoph Heinemann

Ein Smartphone liegt auf einer PC-Tastatur (Foto: Jan-Martin Altgeld )
Computer und Smartphones werden immer häufiger Instrumente für Hetze in den Sozialen medien. (Foto: Jan-Martin Altgeld )
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Christoph Heinemann: Im Studio ist Thorsten Gerald Schneiders, unser Kollege aus der Nachrichtenredaktion. Herr Schneiders, wie wird im Netz über die Menschen geschrieben, die in Deutschland Sicherheit oder ein besseres Leben zu finden hoffen?

Thorsten Gerald Schneiders: Um es gleich vorweg zu sagen: Es wird nicht nur gehetzt. Es wird auch viel Positives im Internet über Flüchtlinge geschrieben. Aber es gibt eben auch unfassbare Kommentare, und da kennt das Spektrum im Grunde keine Grenzen. Ich darf mal einige Sachen zitieren. Zum Beispiel schreibt einer: "Sachsen macht's richtig. Raus mit diesem Schweinepack." Oder: "Jagen und in die Zelle das Pack."

Es geht aber auch noch konkreter. Einer meint: "Umbringen und verbrennen." Ein anderer: "Ich verstehe nicht, warum man diesen Flüchtlingswahn nicht beendet, indem man alle abschießt, sobald sie sich der Grenze nähern." - Ein weiteres Beispiel: "Einfach auf jedes Flüchtlingsboot eine Sidewinder-Rakete abfeuern." Oder: "Gas rein, bis Ruhe ist!"

Gerade gestern gab es wieder mal eine Bildmontage. Die zeigt den Eingang des Vernichtungslagers Auschwitz. Und anstelle des geschwungenen Schriftzugs, "Arbeit macht frei", steht über dem Eingang „Asylantenheim" und dazu die Aussage, „Wir haben wieder geöffnet".

Radikalisierung der Sprache im Netz

Heinemann: Herr Schneiders, Hetze, Gepöbel und so weiter kennen wir, auch aus vergangenen Beispielen. Radikalisiert sich im Netz die Sprache bei Themen, die stark polarisieren?

Schneiders: Definitiv, Herr Heinemann. Persönliche Beleidigungen können in Diskussionen immer vorkommen, aber wenn es um bestimmte Themen geht, nimmt das zum Teil diese abscheulichen Ausmaße an, die ich zitiert habe. Das hat bei weitem nicht erst mit dem Thema Asyl oder Flüchtlinge angefangen, sondern das ist nur ein neuer Höhepunkt, den man hier beobachten kann. Sie brauchen im Grunde genommen auch nur bei jüdischen Organisationen nachzufragen, was die seit Jahren für Post bekommen auf dem normalen Wege. Aber wenn Sie zum Beispiel ins Internet gucken, denken Sie auch, dass das Phänomen viel älter ist. Dort kann man zum Beispiel seit mehr als zehn Jahren beobachten, wie vor allen Dingen gegen Muslime und deren Religion gehetzt wird. Dann ab 2011 spielte zum Beispiel der Syrien-Konflikt eine große Rolle, hat viel Hass provoziert, produziert, je nachdem auf welcher Seite man steht, pro Assad, pro Russland oder auch pro gemäßigte Rebellen, pro Westen. Und im vergangenen Jahr natürlich die Ukraine-Krise beziehungsweise der Ukraine-Konflikt, der ähnlich viel an Hass und Hetze produziert hat.

Jedes "Gefällt mir" stärkt ein Ego

Heinemann: Kann man die Stimmung im Netz übertragen auf die Lebenswirklichkeit? Oder anders gefragt: Ist speziell das Netz ein Tummelplatz für Radikale?

Schneiders: Nein, so würde ich es nicht sagen. Das Netz ist aber eine Art Keimzelle. Hier finden Menschen leicht zueinander, hier kann man extremistische Ansichten leicht äußern und erhält sofort ein Feedback. Wenn man Zustimmung bekommt, wächst das Selbstbewusstsein. Jedes Mal, wenn jemand "Gefällt mir" klickt, wird bei manchen das Ego aufpoliert. So finden sich Gruppen von Gleichgesinnten zusammen und werden größer und mutiger.

Der Sprung aus dem Web auf die Straße

Aber erst richtig groß werden solche Bewegungen, solche Internet-Bewegungen, wenn sie sich auf die Straße begeben, sozusagen den Sprung ins echte Leben schaffen. Das hat man bei Pegida beobachten können. Pegida hat im Grunde genommen eins zu eins die Äußerungen auf die Straße getragen, die Jahre zuvor schon im Internet gang und gäbe waren.

Ein anderes Beispiel sind die Salafisten. Auch die gibt es schon seit zehn Jahren im Internet und dort wird Propaganda betrieben. Im großen Stil haben wir als Bevölkerung aber erst Aufmerksamkeit genommen, als die sich auf die Straße begeben haben, beispielsweise mit dieser Koran-Verteilaktion „Lies!"

Anonymität macht das Netz zum Labor

Heinemann: Inwiefern ist das Netz für Radikale besonders reizvoll?

Schneiders: Aus mehreren Gründen. Wie gerade schon angedeutet: Man findet leichter Gesinnungsgenossen. Man bekommt mehr Feedback. Früher am Stammtisch saßen einem vielleicht vier, fünf Leute nickend, zustimmend gegenüber. Heute bekommt man innerhalb von Sekunden Hunderte Likes für eine entsprechend radikale Aussage.

Und was natürlich der Hauptaspekt ist, ist der Schutz der Anonymität. Man gibt sich einen falschen Namen. Anstatt des echten Porträts stellt man irgendwelche anderen Bilder rein oder Grafik-Figuren. Anonymität ist von daher immer noch wichtig, auch wenn man beobachten kann, dass zunehmend mehr Menschen mit ihrem Klarnamen, mit ihrem echten Namen Hetze und Hass verbreiten. Aber die Anonymität ist im Internet immer noch so eine Art Versuchslabor, wo man eben mal austesten kann, wie die eigenen extremen Äußerungen ankommen, wo man seinen Frust, seine Wut ausleben kann, ohne sich in allzu große Gefahr zu begeben, im echten Leben dafür abgestraft zu werden.

Heinemann: Thorsten Gerald Schneiders aus unserer Nachrichtenredaktion.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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