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Flüchtlingskinder in der SchuleMöglichst schnell in reguläre Klassen

Eine Million Menschen sind dieses Jahr nach Deutschland geflohen, und Experten schätzen, dass 30 bis 40 Prozent von ihnen Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter sind. In den Schulen sorgen sie, so oder so, für Veränderungen. Die Strategien der Bundesländer, damit umzugehen, sind durchaus unterschiedlich.

Von Armin Himmelrath | 12.12.2015

"Ich heiße Frau Schmidt, ich komme aus Deutschland. Ich wohne in, das haben wir alle gleich, Düsseldorf."
Die Gemeinschaftshauptschule Bernburger Straße in Düsseldorf. In der sogenannten internationalen Klasse lernen Flüchtlingskinder Deutsch. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak. Geflohen sind sie vor Krieg, Unterdrückung und Hunger.
"Ich heiße Safed, ich wohne..." – "Ich komme aus..." – "...ich komme aus Syrien, ich wohne in Düsseldorf."
Die Düsseldorfer Hauptschule hat schon über 20 Jahre Erfahrung mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien. Dass im Moment so viele Flüchtlingskinder kommen, schmälert allerdings die Fördermöglichkeiten der Schüler, bedauert Schulleiter Klaus Peter Vogel. "Früher gab es für diese Schüler zwei Jahren in dieser Förderklasse. Aufgrund der hohen Zahl von Flüchtlingskindern müssen wir möglichst darauf drängen, dass sie nach einem Jahr in die Regelklassen wechseln. Das ist für viele ein schwieriger Schritt. Aber das ist zahlenmäßig und auch lehrkräftemäßig, stellenplanmäßig im Moment einfach nicht zu schaffen."
Unterschiede beim Beginn der Schulpflicht
Das Schnellförderprogramm ist für viele Kinder zu kurz. Denn die wenigsten schaffen es, innerhalb eines Jahres ausreichend Deutsch zu lernen. Doch wie lange die geflüchteten Kinder in internationalen oder Willkommens-Klassen bleiben, wie schnell sie nach ihrer Flucht nach Deutschland wieder einen geregelten Schulalltag haben – das ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. Flüchtlingskinder unterliegen zwar fast überall der Schulpflicht, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Wird der Asylantrag abgelehnt, gilt die Schulpflicht bis zur Ausreise. Unterschiede gibt es aber beim Zeitpunkt, ab wann die Schulpflicht gilt. In Hamburg beginnt sie bereits in der Erstaufnahmeeinrichtung, in Baden-Württemberg erst nach sechs Monaten. In den meisten Bundesländern müssen die Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 16 Jahren spätestens drei Monate nach ihrer Ankunft in die Schule gehen, auf jeden Fall aber dann, wenn sie einer Kommune zugewiesen wurden. Mark Rackles ist Staatssekretär für Bildung in Berlin.
"Wir handhaben das in Berlin so, dass wir - auch auf Basis eines Gerichtsurteils - davon ausgehen, dass die Flüchtlingskinder schulpflichtig sind ab der Ankunft in Berlin, und wir realisieren das im Moment auch. Ich halte das auch persönlich für ein politisches Grundrecht, ein menschliches Grundrecht auf Bildung - auch, wenn's nur wenige Wochen sind. Die Erfahrung, die wir haben, ist, dass die Kinder in dieser Zeit stabilisiert werden und an der Gesellschaft teilhaben. Es bewährt sich auch für wenige Wochen. Viele sagen, es hat keinen Sinn, für wenige Wochen Leute zu integrieren. Unsere Erfahrung ist: Das ist durchweg positiv."
Später wird es sprachlich und sozial schwieriger
Besonders wichtig, sagt SPD-Politiker Rackles, ist dabei die schnelle Einbindung der Kinder in den deutschen Alltag. "Leider bekommt man durch den Schulbesuch als solchen ja kein Bleiberecht. Aber jeder Schritt, der dazu führt, dass die Kinder frühzeitig ins deutsche Schulsystem, Sprachsystem, Kultursystem eingebunden werden, ist einer in Richtung Integration. Also, ich kenne keinen Fall, wo das negativ gewirkt hat - im Gegenteil: Immer da, wo Kinder nicht frühzeitig ins Schulsystem oder Kitasystem integriert werden, wird es immer schwieriger - sowohl sprachlich wie auch sozial."
Zur Integration setzen viele Bundesländer zunächst auf die eigens eingerichteten Willkommensklassen. Doch der frühere brandenburgische Schulleiter Wilfried Steinert plädiert für eine andere Strategie: Die geflüchteten Schüler sollten möglichst schnell in regulären Klassen gehen.
"Mein Ansatz ist ja, sie nicht nur als 'ne feste Gruppe dadrin zu integrieren, sondern die Klasse in viele Kleingruppen aufzuteilen. Eine 25-er Klasse vielleicht in fünf Gruppen aufzuteilen, Tischgruppen zum Beispiel, in denen dann in jeder Tischgruppe vielleicht ein Kind mit Migrationshintergrund oder ein Flüchtlingskind dabei ist und die Schüler miteinander dann dem Kind auch beibringen, mit ihm Deutschlernen, aber vielleicht auch einige Begriffe aus deren Sprachen."