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StartseiteKalenderblattFlug ins Herz der Sowjetunion28.05.2007

Flug ins Herz der Sowjetunion

Vor 20 Jahren landete Mathias Rust mit einer Cessna in Moskau

Am 28. Mai 1987 zwischen 18.30 und 19.00 Uhr wurden Spaziergänger, die über Moskaus Roten Platz vor dem Kreml schlenderten, Zeugen eines aufregenden Spektakels: Ein kleines Sportflugzeug kreiste ein paar Mal über dem Platz und landete. Die Welt hatte ihre Sensation, die Sowjetunion allerlei Häme zu verkraften.

Von Claus Menzel

Nach der Landung steht die von Mathias Rust geflogene Cessna vor der Basilius-Kathedrale. (AP Archiv)
Nach der Landung steht die von Mathias Rust geflogene Cessna vor der Basilius-Kathedrale. (AP Archiv)

Als die Maschine mit dem deutschen Kennzeichen endlich ausrollt, nicht, wie die Legende behauptet, auf Moskaus damals schier heiligem Roten Platz, sondern vor der Basilius-Kathedrale, entsteigt ihrem Cockpit ein schmächtiger junger Mann, der zwar kein Russisch spricht, aber unentwegt lächelt und den heraneilenden Moskauern großzügig Autogramme erteilt. Gewiss, seine kleine, einmotorige Cessna war von zwei sowjetischen Kampfflugzeugen begleitet worden, nachdem sie die sowjetisch-finnische Grenze ohne Erlaubnis überquert hatte. Und doch musste, was Mathias Rust, dieser gerade mal 19 Jahre alte deutsche Hobbyflieger aus Wedel in Holstein da unternommen hatte, zunächst nur wie eine Blamage der russischen Luftstreitkräfte wirken.

Da investiert eine Supermacht wie die Sowjetunion Unsummen in hochmoderne Raketen-Abwehrsysteme, da unterhält sie an ihren Grenzen Radarstationen, die noch jede Büroklammer auf 100 Kilometer Entfernung orten und erfassen können, da warten ganze Staffeln von Abfangjägern nur darauf, unidentifizierte oder unidentifizierbare Flugobjekte gnadenlos abzuschießen - und ein Sportpilot fliegt scheinbar unbehelligt mal eben von Helsinki nach Moskau. Was Wunder, wenn der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher sich, wie die "Bild"-Zeitung meldete, beinahe "kaputt lachen" wollte. Und was Wunder, dass Mathias Rust mit dem deutschen Kampfflieger Manfred von Richthofen verglichen wurde, dem die Engländer seiner Tapfer- und Geschicklichkeit wegen im Ersten Weltkrieg den Ehrentitel eines "Red Baron" verliehen hatten. Für die Hamburger "Zeit" verdiente der Jux-Pilot ja sogar einen hohen sowjetischen Orden, weil er dem Kreml die eklatanten Schwächen der russischen Luftabwehr offenbarte.

Tatsächlich zeigte sich freilich schnell, dass Mathias Rust zwar ein vorzüglicher Pilot sein mochte, ansonsten allerdings bestenfalls als idealistischer Träumer gelten konnte.

"Erst einmal wollte ich mit diesem Flug den Weltfrieden fördern, und das zweite Ziel war, dass ich die Verständigung zwischen unseren Völkern ebenfalls durch diesen Flug fördern möchte."

Dazu aber, so Rust kurz vor Beginn seines Prozesses in Moskau im September 1987, sei es erforderlich gewesen, aus dieser Friedensinitiative ein international beachtetes Ereignis zu machen.

"Wenn ich den Einflug in die Sowjetunion auf eine Art und Weise nehmen würde, dass ich also eine Erlaubnis für diesen Flug hätte, würde ich nicht die Resonanz weltweit erreichen, wie ich sie somit erreicht habe. Die Resonanz ist, meine ich, für das Ziel, das ich habe, voll da. Und es hat sich gelohnt dafür herzufliegen."

Kurios, gar so kurios indessen auch wieder nicht, dass Rust sein Ziel durchaus erreichte: erstens, weil sein Flug dem Kreml-Chef Michael Gorbatschow die Chance gab, renitente Militärs, die sich seinem Reformkurs widersetzten, als unfähig abzulösen, zweitens, weil die Zurückhaltung, mit der die Sowjets auf den Vorfall reagierten, auch den schadenfrohesten und spottlustigsten westlichen Medien zeigen musste, was alles sich in der Sowjetunion verändert hatte, seit im September 1983 ein angeblich verirrter koreanischer Jumbo-Jet mit 200 Passagieren an Bord von russischen Kampfflugzeugen über der Insel Sachalin abgeschossen worden war, und drittens, weil sich immerhin die Frage stellte, wie wohl die Amerikaner oder die Deutschen anstelle der Russen reagiert hätten. Hinzu kam, dass Rust in Moskau keineswegs als Schwerverbrecher behandelt wurde, einen durchaus fairen Prozess erlebte und ein überraschend mildes Urteil.

"Das Gerichtskollegium für Strafsachen des Oberstern Gerichts der UdSSR verurteilt Rust, Mathias als endgültige Strafe nach der Gesamtheit durch die Konsumtion der kleineren Strafen zu vier Jahren Freiheitsentzug in einer Besserungsarbeitsanstalt allgemeinen Regimes. Das Urteil ist endgültig und darf nicht abgeändert werden."

Von den vier Jahren musste Rust gerade mal 14 Monate im Moskauer Lefortowo-Gefängnis absitzen, dann ließen die Sowjets ihn laufen. Rund ein Jahr später wurde er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er eine Krankenschwester, die sich seiner Werbung offenbar entziehen wollte, mit einem Messer niedergestochen hatte. Abermals zwei Jahre später stand er wegen eines Kaufhausdiebstahls vor Gericht, im November 2005 dann noch einmal wegen Betrugs. Der Teufelskerl vom Mai 1987 hatte den Medienruhm wohl nicht ertragen.

Heute lebt Mathias Rust in Berlin, zu hoffen nur, dass man ihn in Ruhe lässt.

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