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StartseiteWirtschaft am MittagImmer mehr Reisende zahlen CO2-Ausgleich10.07.2019

FlugschamImmer mehr Reisende zahlen CO2-Ausgleich

Wer fliegt, vergrößert seinen CO2-Fußabdruck deutlich. Da macht sich vor dem Urlaub schnell ein schlechtes Gewissen breit. Flugscham ist das neue Schlagwort. Wer dennoch fliegt, kann sich zumindest freikaufen, durch verschiedene Programme, die an anderer Stellen einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Von Dieter Nürnberger

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Reisende stehen in einer langen Schlange vor der Sicherheitskontrolle im Terminal 2 des Flughafens in Frankfurt am Main (dpa /  Andreas Arnold)
Trotz Flugscham steigt das Passagieraufkommen weiter. (dpa / Andreas Arnold)
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"Wenn es nach mir ginge, würde ich nicht mehr fliegen wollen. Aber ich kann ja nicht, wenn meine ganze Familie in den Urlaub fliegt, zu Hause bleiben."

"Fliegen - das mache ich sowieso nicht oft. Und man kann ja auch bei Reisen innerhalb Europas den Zug nehmen. Das ist dann wesentlich umweltfreundlicher."

Auf den Fridays-for-Future-Demonstrationen wurde der Begriff Flugscham geprägt. Doch hat der geäußerte Unmut über das Fliegen, zumindest auf den ersten Blick, keine Auswirkungen am Himmel. Denn laut Zahlen des Flughafenverbandes ADV steigt der Flugverkehr weiter. In den ersten drei Monaten dieses Jahres innerdeutsch um 2,4 und innerhalb Europas um 2,6 Prozent.

Ein schlechtes Gewissen beim Fliegen lässt sich allerdings ausgleichen mit einem freiwilligen Klimaschutzbeitrag. CO2-Kompensationsagenturen wie Atmosfair bestätigen, dass die Zahl ihrer Kunden zunimmt. Es gebe einen regelrechten Boom, sagt Atmosfair-Sprecherin Julia Zhu: "Das hat sich nach dem wahnsinnig heißen Sommer im vergangenen Jahr wirklich explosionsartig erhöht. Auch in diesem Jahr sehen wir Werte, die deutlich über denen der Vorjahre liegen." Ist es Flugscham oder vielleicht auch der Rekordsommer 2018, der für einige auch Folge des Klimawandels ist? Im vergangenen Jahr jedenfalls wurden bei Atmosfair rund 9,5 Millionen Euro zugunsten von CO2-Vermeidungsprojekten eingezahlt, im Jahr zuvor waren es noch 6,8 Millionen Euro - ein Plus von rund 40 Prozent. Ein Großteil des Geldes kommt von deutschen Fluggästen. Dennoch nur rund ein Prozent der Fluggäste kompensiert bisher, schätzt Julia Zhu.

Das Foto zeigt den Start eines Flugzeugs am Flughafen Roissy-Charles de Gaulle. (AFP Joel Saget) (AFP Joel Saget)Zur Diskussion: Wie schlimm ist Fliegen?Die große Klimadebatte macht aber auch vor der Urlaubsplanung keinen Halt: Flugscham, die ökologisch motivierte Scham ein Flugzeug zu nutzen, kommt auch in Deutschland an. Ist diese Debatte zielführend, um die Umwelt zu schonen?

CO2-Beitrag für energieeffiziente Öfen in Afrika

Die Idee ist einfach: Nach Kriterien wie beispielsweise der Flugdistanz und dem konkreten CO2-Verbrauch eines Flugzeugs wird das Kompensationsgeld errechnet. Der Kunde zahlt dann freiwillig für ein CO2-Vermeidungsprojekt. Bei Atmosfair sind dies beispielsweise energieeffiziente Öfen, die etwa in Afrika oder Asien Familien zur Verfügung gestellt werden. Wenn weniger Feuerholz vor Ort zum Kochen benötigt wird, verringert das die Abholzung von Wäldern ebenso wie die CO2-Emissionen. Kontrolliert werden solche Programme durch qualifizierte und von den Vereinten Nationen zugelassene Prüfer, sagt Atmosfair-Sprecherin Julia Zhu. "Die gehen wirklich in die Dörfer und schauen, ob die Biogasanlagen oder auch die Öfen da sind. Sind diese funktional, nutzen die Leute sie auch? Und erst, wenn der Prüfer seinen Stempel drunter gesetzt hat, bekommen wir diese Emissionsgutschriften."

Gutes Test-Urteil für Atmosfair, Klima-Kollekte und Primaklima

Im vergangenen Jahr bescheinigte die Stiftung Warentest Atmosfair und zwei weiteren CO2-Kompensationsanbietern Klima-Kollekte und Primaklima ein sehr gutes Qualitätsurteil. Nicht nur die Projekte an sich überzeugten, sondern auch Transparenz und Kontrolle. Wichtig für das Siegel der Warentester: Externe Wirtschaftsprüfer müssen die Arbeit der Anbieter kontrollieren. Zudem sollten Jahres- oder Tätigkeitsberichte veröffentlicht werden. Als Orientierung für Kunden sei vor allem der sogenannte Gold Standard wichtig, sagt Warentesterin Karin Baur und erklärt: "Ein Standard zur Zertifizierung von Klimaschutzprojekten, der vom WWF und verschiedenen Umweltschutzorganisationen entwickelt wurde. Die achten eben auch darauf, dass es nicht nur dem Klima nützt, sondern auch den Menschen zu Gute kommt."

Denn nicht alles, was als CO2-Kompensationsprojekt von einigen Anbietern beworben werde, sei sinnvoll: "Wasserkraft ist zum Beispiel etwas Umstrittenes. Das kann auch wieder Schäden an der Umwelt oder den Menschen anrichten. Es kann da beispielsweise bei großen Staudammprojekten auch zu Menschenrechtsverletzungen kommen. Dann ist das nicht gut."

Inzwischen können Verbraucher bei manchen Reiseanbietern oder auch direkt bei den Fluggesellschaften die Kompensation mitbuchen. Doch auch hier sei entscheidend, mit welchem Kompensationsanbieter diese zusammenarbeiten und welche konkreten Klimaschutzprojekte dahinterstehen. Und eines sollte jeder Anbieter ohnehin deutlich machen, so Warentesterin Karin Baur: "Es ist klar, wenn man fliegt, hat man der Atmosphäre geschadet. Und der Schaden ist da. Jetzt kann man natürlich sagen, indem ich ein Klimaprojekt unterstütze, tue ich auf der anderen Seite auch wieder etwas Gutes. Aber die allerbeste Lösung wäre ja, man würde gar nicht fliegen."

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