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StartseiteKultur heuteFlugverbot für Pinguine03.03.2012

Flugverbot für Pinguine

In der Türkei gehen Politik und Justiz mit Karikaturisten humorfrei um

Die Türkei gilt weltweit als das Land, in dem am schnellsten Prozesse gegen Journalisten geführt werden. Der türkische Journalistenverband meldet 110 Journalisten in Haft. Längst sind auch Karikaturisten und Comiczeichner ins Visier geraten.

Von Sabine Küper-Büsch

Kann über der "Tayyip-Zoo" nicht lachen: Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (AP)
Kann über der "Tayyip-Zoo" nicht lachen: Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (AP)
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Der Zeichenstift ist ihr Zaubertrank. Eine kleine Gemeinschaft von mutigen Cartoonisten trotzt den Mächtigen in der Türkei. Satire ist das wirksamste Mittel gegen einen autoritäre Obrigkeit. Die türkische Justiz versucht deshalb momentan die rebellischen Künstler des spitzen Stiftes einzuschüchtern. Bahadir Baruter wird zum zwölften Mal in seiner Laufbahn wegen einer Zeichnung angeklagt.

Ein bis zwei Jahre Haft könnten dem prominenten Cartoonisten der Satirezeitschrift Penguen blühen. Er veröffentlichte vor einem Jahr eine Zeichnung, in der er sich über die fehlenden Arabischkenntnisse vieler gläubiger Türken lustig macht. Seine Karikatur zeigt das Innere einer Moschee mit Betenden darin. An einer Säule steht der Satz, es gibt keinen Gott, die Religion ist eine Lüge. Der Witz zielt darauf, dass niemand die Gotteslästerung verstehen würde, wenn sie so an der Wand stünde, betont Bahadır Baruter.

"In unseren Moscheen befinden sich an den Wänden und Säulen Koransuren auf Arabisch. Da die meisten Türken kein Arabisch verstehen, wissen sie nicht, was dort steht. Auch ihre Gebete sagen sie auswendig her, ohne den Sinn der Worte zu verstehen. Darum geht es in dieser Karikatur. Es geht nicht um die Existenz oder Nichtexistenz Gottes hier."

Ein Leser beschwerte sich nach der Veröffentlichung. Baruter musste bei der Staatsanwaltschaft eine Aussage machen. Dort wurde erst Verständnis suggeriert. Schließlich ist die Türkei ein laizistischer Staat. Dass trotzdem Anklage wegen Respektlosigkeit gegen die religiösen Gefühle der Bevölkerung erhoben wurde, erstaunte den Cartoonisten.

"Ich war geschockt und habe verstanden Jetzt ist auch schon ein Witz über ein solches Thema sofort ein Grund für juristische Konsequenzen."

Die Anklage entspricht dem sich verstärkenden, konservativen Klima in der Türkei. Vor allem was religiöse Fragen betrifft. In der Vergangenheit führte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan zahlreiche Prozesse gegen Cartoonisten, die ihn als Tier karikiert hatten. Für eine harmlose Zeichnung, in der Erdoğan als Katze zu sehen ist, die sich in einem Wollknäuel verheddert, sollte der Karikaturist Musa Kart 2006 eine hohe Geldstrafe zahlen.

Die Satirezeitschrift Penguen solidarisierte sich mit dem Kollegen. Auf dem Titelblatt erschien die mittlerweile in der Türkei legendäre Zeichnung: der Tayyip-Zoo. Der Regierungsschef erschien in der Gestalt eines Elefanten, als Krokodil und als Schimpanse. Der Staatsanwalt lehnte die Beleidigungsklage des Ministerpräsidenten damals schließlich ab. Seinen aktuellen Prozess empfindet Bahadir Baruter als viel bedrohlicher.

"Ungewollt trage ich jetzt das Etikett des Karikaturisten, der sich wegen Atheismus vor Gericht verteidigen muss. Ich werde in meiner Verteidigung gar nicht auf das Thema Atheismus eingehen. Es geht um die Freiheit Themen karikieren zu dürfen. Es geht um die Freiheit der Karikaturisten an sich. "

Der Cartoonist erhält täglich per E-mail und über soziale Internet-Plattformen Drohungen und Beschimpfungen. Googelt man auf Türkisch den Satz, es gibt keinen Gott, erscheint der Hinweis auf seinen Cartoon sofort in hundertfachen Zitaten und wütenden Kommentaren. Auf Facebook bekam Bahadır Baruter unlängst eine geschmacklose und beängstigend aggressive Zeichnung zugeschickt. Ein Scharfrichter trennt ihm darauf die Arme ab.

"Das ist ein Amateurzeichner. In Zukunft zeichne doch mit deinem Hintern empfiehlt er mir."

Es herrscht ein rauher Ton im Land. Bahadir Baruter vergleicht den Wunsch der Intellektuellen in der Türkei nach mehr demokratischer Freiheit mit den trotzigen Bemühungen eines Pinguins, fliegen zu wollen.

"Wir haben unsere Zeitschrift Pinguin genannt, weil diese Metapher am besten unser Dilemma beschreibt. Der Pinguin ist ein dicker Vogel, der nicht fliegen kann. Dabei wünscht er sich das so sehr. Dieser rührende Widerspruch verkörpert sehr gut unsere politische Situation Wir möchten fliegen, aber momentan stutzt die Justiz uns die Flügel."

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