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StartseiteForschung aktuellFötuszellen in Mutters Hirn07.01.2013

Fötuszellen in Mutters Hirn

Baby-DNA könnte Alzheimer entgegenwirken

Im Blutkreislauf einer Schwangeren zirkuliert oftmals auch die DNA des Nachwuchses. Vor kurzem hat ein internationales Forscherteam in Seattle entdeckt, dass selbst das Gehirn von Müttern nicht vor fetalen Einwanderern geschützt ist. Dort kann es einen positiven Effekt haben.

Von Julia Beißwenger

1979 fanden Wissenschaftler erstmals im Blut einer Schwangeren männliche DNA. Sie konnte nur von dem ungeborenen Sohn der Frau stammen. Inzwischen weiß man, dass viele Mütter Jahrzehnte lang fetale Zellen in sich tragen. Die fremde DNA kann auch von einem Mädchen stammen. Eine Tochter hat jedoch wie ihre Mutter zwei X-Chromosomen, ihre Zellen sind daher im Körper der Mutter schwer nachweisbar. Wissenschaftler erforschen das Phänomen, indem sie nach männlichen Y-Chromosomen suchen. Die findet man bei 30 bis 40 Prozent ehemals Schwangerer, sagt William Chan von der University of Alberta.

"Nicht alle Frauen, die mit einem Jungen schwanger waren, haben männliche DNA im Körper. Warum das so ist, wissen wir zurzeit noch nicht. Wir konnten aber zeigen, dass eine Frau, die bereits fetale Zellen in sich trägt, durch weitere Schwangerschaften nicht noch mehr fremdes Genmaterial aufnimmt. Ihr Körper kann offenbar nur eine begrenzte Menge beherbergen."

Die Zellen des Babys lagern sich an vielen Stellen ab, etwa im Herzen, in der Leber oder der Lunge der Mutter. Das kann negative Folgen haben, erklärt William Chan.

Studien mit Menschen zeigten, dass offenbar in manchen Situationen die fetalen Einwanderer bestimmte Krankheiten fördern. Wenn zum Beispiel durch Mikrochimärismus Zellen des Fötus in den Blutkreislauf der Mutter gelangen, kann das eine Autoimmunkrankheit bewirken, zum Beispiel rheumatoide Arthritis. Aber die DNA des Kindes löst wohl nie alleine eine Krankheit aus, es bedarf immer mehrerer Faktoren.

Möglich ist es andererseits, dass die Mutter von den Fremdkörpern profitiert. Es gibt Hinweise, dass Mikrochimärismus das Krebsrisiko senkt, insbesondere das Brustkrebsrisiko. Vor kurzem veröffentlichten William Chan und sein Team eine neue Studie. Die Forscher wollten herausfinden, ob die Zellen des Nachwuchses auch ins Hirngewebe der Mutter gelangen. Dort verhindert normalerweise die Blut-Hirn-Schranke, dass Krankheitserreger oder Gifte eindringen. Die Wissenschaftler untersuchten 59 Frauen, die im Alter von 34 bis 94 Jahren gestorben waren.

"Wir fanden bei 63 Prozent der Betroffenen männliche DNA im Hirn. Ich denke, das ist ein ziemlich hoher Anteil, der uns schon überrascht hat. Mikrochimärismus trat zudem meist in mehreren Hirnarealen auf. Auch das war überraschend, denn das bedeutet ja, dass die fetalen Zellen mit ihrem genetischen Material nicht nur die Hirn-Blut-Schranke überwinden, sondern danach noch relativ weit gestreut werden."

Gut 50 Prozent litten zum Zeitpunkt des Todes an Alzheimer, erzählt William Chan. Bei diesen Frauen fanden die Forscher weniger männliche Chromosomen. Besonders in den Bereichen, die stark von Alzheimer-Symptomen betroffen waren, entdeckten sie kaum männliche DNA.

"Unsere Studie legt also nahe, dass die fetalen Zellen einen positiven Effekt haben, indem sie der Alzheimer-Krankheit entgegenwirken. Aber unsere Studie war relativ klein. Ich glaube zwar, dass der Zusammenhang, den wir gefunden haben, nicht zufällig ist, aber es bedarf wirklich weiterer Forschung, um die Beziehung zwischen Alzheimer und Mikrochimärismus zu ergründen."

Seit rund 20 Jahren ist Mikrochimärismus ein wachsendes Gebiet der Wissenschaft. Untersucht werden Frauen und Männer, denn tatsächlich kann ebenso mütterliches Erbgut über die Plazenta zum Fetus gelangen und sich im Körper des Kindes über Jahrzehnte ablagern. Auch das kann Autoimmunkrankheiten fördern. Inwiefern sich die mütterliche DNA positiv auf den Nachwuchs auswirkt und wie im Detail fremdes Genmaterial im Körper arbeitet, ist bisher noch relativ unklar. William Chan ist überzeugt, dass diese Fragen die Wissenschaftler noch intensiv beschäftigen werden.

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