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StartseiteWissenschaft im BrennpunktBäume auf Diät02.12.2018

Folgen des HitzesommersBäume auf Diät

In guten Jahren wachsen die Kiefern im Britzer Wald über zwei Millimeter im Durchmesser. Doch wenn der Regen länger ausbleibt, gehen die Bäume auf Diät. In diesem Jahr wuchsen sie nicht einmal halb so stark wie sonst, haben Forstökologen jetzt herausgefunden.

Von Anja Krieger

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Welche Folgen der Hitzesommer 2018 auf die Bäume im Britzer Wald hat, Forstökologen in Eberswalde bei Berlin (Deutschlandradio / Anja Krieger)
Welche Auswirkungen der Hitzesommer 2018 auf die Bäume im Britzer Wald hat, untersuchen Forstökologen in Eberswalde bei Berlin (Deutschlandradio / Anja Krieger)
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Ein Stückchen Wald in Britz, mitten in Brandenburg. Hier liegt die kleine Forschungsstation des Thünen-Instituts für Waldökosysteme. Geografin Tanja Sanders führt mich über einen kleinen Weg zum Medienliebling der Station – dem Twitter-Baum.

"Also, wir haben ihn hier an einer Kiefer angebracht, weil die Kiefer einfach der häufigste Baum hier in Brandenburg ist. Hier lang gehen."

Der schlanke Nadelbaum ist direkt mit dem Internet verbunden. Auf Twitter kann man lesen, wie es ihm gerade geht, wie viel er trinkt und wächst. Das geht dank des Gewirrs aus Geräten und Kabeln, das sich um die Rinde des Baumes schlingt.

Den Saftfluss des Baums messen

"Und der ist ausgestattet mit, eigentlich, Standard-Messinstrumenten, die wir auch an anderen Bäumen angebracht haben, was natürlich schön ist, weil wir die Messungen dann auch vergleichen können."

Dazu gehört auch das sogenannte Punkt-Dendrometer, ein kleiner Stift, der bis an die äußerste Holzschicht reicht.

"Da können wir aufzeichnen, wie der Baum schrumpft und sich ausdehnt. Wachstum ist es eigentlich dann erst am Ende. Es ist vielmehr so’n Puls im Baum, der wirklich eine wesentlich höherfrequente Auflösung hat als nur das Wachstum, was sich dann in einem Jahrring niederlegt."

Wachsen kann der Baum nur, wenn er genug Wasser und Nährstoffe hochzieht. Das nennen die Forscher den Saftfluss des Baums. Mit drei Nadeln, die unten im Stamm stecken, können sie messen, wie schnell der Saft fließt. Ein Fluss, der mit der extremen Trockenheit im Sommer ins Stocken geriet. Die Dürre brachte den Forst- und Landwirten große Einbußen und perfekte Bedingungen für den Hydrologen Jürgen Müller, der den Forschungswald des Thünen-Instituts seit Jahrzehnten betreut.

"Wir als Forscher waren nicht unglücklich über die Trockenheit. Weil wir letztendlich die Zusammenhänge zwischen Trockenheit und Waldwachstum dadurch natürlich rauskriegen konnten – was wir sonst in keinem Labor schaffen, dafür hat der trockene Sommer in diesem Jahr gesorgt."

Bäume schützen sich vor dem Verdursten

Und so konnten die Forstökologen aus Eberswalde dieses Jahr genau beobachten, was eine extreme Dürreperiode mit ihren Bäumen macht. Nicht nur mit den Kiefern, sondern auch den Buchen, Lärchen und Douglasien, die hier seit über vierzig Jahren auf dem sandigen Boden wachsen. Doch die Forscher stellten fest: Auch mit dem starkem Wassermangel kamen ihre Schützlinge ganz gut klar.

"Diese Erfahrung haben wir in Trockenzeiten schon immer gemacht, dass der Baum sich vorm Verdursten schützt. Er schließt die Stomata, die Photosynthese, Transpiration geht stark zurück. Und er verbraucht damit auch so gut wie kein Wasser, er stellt sich in die Wartestellung. Und in dem Moment, wo’s regnet – das kann die Kiefer ganz besonders gut als Pionier-Baumart – geht das Wachstum wieder los. Aber die Frage, wie viel weniger, wie viel weniger wächst der denn dadurch?"

In guten Jahren wachsen die Kiefern im Britzer Wald über zwei Millimeter im Durchmesser. Doch wenn der Regen länger ausbleibt, gehen die Bäume auf Diät. In diesem Jahr wuchsen sie nicht einmal halb so stark wie sonst. Damit senkte die Dürre auch die Menge an Holz, das die Forstwirtschaft nun fällen kann. 2018 dürfte das regenärmste Jahr der Region seit Beginn der Aufzeichnungen werden, sagt Jürgen Müller. Nicht alle Bäume seien dabei so anpassungsfähig wie die Kiefer.

Buchen verhalten sich anders

"Eine Baumart, die eigentlich, sag ich mal, auch Mutter des deutschen Waldes ist, ist die Buche – die hat ein ganz anderes Verhalten. Da sehen Sie diese Reaktion auf Trockenheit und auf Regen nicht, sondern sie wächst erst mal durch, auch deutlich weniger – aber leidet unter dieser Trockenheit im Jahre 2018 fünf bis zehn Jahre noch hinterher."

Um zu erforschen, wie viel vom gefallenen Regen die Bäume genau verbrauchen, haben die Forstökologen in Britz sogenannte Lysimeter in den Boden eingelassen. Man kann sich das vorstellen wie einen sehr großen Blumentopf, erklärt Tanja Sanders:

"Der Topf ist ein bisschen größer als zuhause. Wenn Sie diesen schwarzen Gummirand sehen, der schließt ein Gebiet von zehn mal zehn Metern ein, und das ist im Prinzip unser Lysimeter, unser großer Blumentopf und auf dem stehen eben ausgewachsene Bäume – das ist eine Besonderheit hier in Britz, normalerweise sind Lysimeter wesentlich kleiner, so einen Meter Durchmesser ungefähr, und eher für kleinere Bäume gedacht."

Fünf bis sechs Meter reicht die Gummiwand in den Boden bis zu der Lehmschicht, die das Lysimeter unten abschließt. Mit Rohrsonden und einem Wasserschacht ermitteln die Forscher die Feuchte des Bodens und die Menge des Abflusses. So können sie ausrechnen, wie viel Regen die Bäume – wie sie es nennen – selbst "getrunken" haben. Wie der dürre Sommer sie beeinträchtigt, lässt sich allerdings erst in den nächsten Jahren sagen.

"Bei der Kiefer sollten wir um diese Zeit nächstes Jahr und dann aber auch noch 2020 wirklich wissen, wie hat sich 2018 ausgewirkt. Aber die große Frage ist natürlich, wie wird 2019, wie wird 2020? Weil, wenn es noch mal so trocken wird, werden natürlich die Reserven aufgebraucht."

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