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Formel 1
Menschenrechte egal?

An der Formel 1 kommt massive Kritik von Menschenrechts-Aktivisten auf. Es geht um das Rennen an diesem Wochenende im autoritär regierten Aserbaidschan. Dort startet die Formel zum ersten Mal und lässt dort den "Großen Preis von Europa" ausfahren.

Von Bastian Rudde | 19.06.2016

Der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew während der Wahl.
Der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew während der Wahl. (dpa / picture alliance / Alexey Kudenko)
Nico Hülkenberg kann das Rennen in Aserbaidschan kaum erwarten. In einem Werbevideo für die Formel 1 schwärmt der deutsche Fahrer von der neuen Strecke in Baku: "Jeder spricht von dem Abschnitt durch die Altstadt von Baku, wo es richtig eng wird. Das hört sich ziemlich cool an!"
Coole Strecken. Darüber redet die Formel 1 gerne. Zu einem anderen Thema schweigt man lieber – dazu, dass sich in Aserbaidschan Regierungskritiker vor Gefängnis fürchten. So wie Leyla Yunus. Die prominente Bürgerrechtlerin saß bis Ende letzten Jahres in Haft und fordert im Gespräch mit der ARD-Radio-Recherche Sport die Fahrer auf, Zeichen zu setzen:
"Ihr könnt uns helfen! Macht Fotos von unseren politischen Gefangenen auf Euro Autos. Denn: Ihr seid aus Deutschland, Italien, Spanien! Euch kann unsere Polizei nicht schlagen, nicht einsperren. Macht die Fotos drauf – und ihr seid echte Helden!"
Keine Stellungnahme von Formel-1-Fahrern
Ein Appell, zu dem der ARD keiner der vier deutschen Fahrer Nico Hülkenberg, Nico Rosberg, Sebastian Vettel und Pascal Wehrlein vor der Rennpremiere in Aserbaidschan ein ausführliches Interview geben wollte – genauso wenig wie Organisatoren der Formel 1.
Enttäuschend, findet die Grünen-Politikerin Ulrike Lunacek, Vize-Präsidentin des Europaparlamentes: "Ich verlange von Sportorganisationen, die dort tätig sind, dass sie Menschenrechte auch ansprechen in Gesprächen mit den Regierenden dort und auch öffentlich dazu Stellung nehmen und Freilassung fordern beziehungsweise eine Verbesserung der Menschenrechtssituation fordern."
Präsident Alijew: Vorwürfe sind erfunden
Mit ihrer eher gleichgültigen Einstellung acht sich Formel 1 nach Meinung von Menschenrechtsaktivisten zum Handlanger des aserbaidschanischen Präsidenten Alijew. Der bezeichnet alle Vorwürfe als erfunden und arbeitet erfolgreich daran, immer mehr Sportgroßereignisse in sein Land zu holen. So wie die ersten Europaspiele – das größte Sportereignis des Jahres 2015 mit etwa 6.000 Sportlern.
Dass die Europaspiele und die damit verbundene internationale Aufmerksamkeit zu mehr Meinungsfreiheit und politischer Offenheit in Aserbaidschan geführt hätten, sieht Rebecca Vincent von der Initiative "Sport for Rights" nicht. "Es hat zwar ein paar Freilassungen politischer Gefangener gegeben. Aber viele sind noch in Haft und sie machen mit der Verfolgung fast wöchentlich weiter. Ich würde sagen, der Einfluss der Europaspiele und anderer Großereignisse in Aserbaidschan auf die Menschenrechtssituation in dem Land war sogar nachteilig."
Welche Konsequenzen zieht der DOSB?
Zu der Initiative "Sport for Rights" gehören mehr als 20 Organisationen wie "Human Rights Watch" oder "Reporter ohne Grenzen". Ihre Einschätzung widerspricht dem Deutschen Olympischen Sportbund. Der hatte zu den umstrittenen Europaspielen in Baku etwas mehr als 250 Athleten geschickt – und Kritik daran mit dem Verweis auf die möglichen Verbesserungen Aserbaidschans gekontert.
"Wenn das so ist, wie Ihre Interviewpartner gesagt haben, dann ist das natürlich enttäuschend und dann würde ich mir wünschen, dass dieses sportliche Ereignis anders gewirkt hätte auf die politische Situation in Aserbaidschan." Sagt DOSB-Vorstandchef Michael Vesper heute, ein Jahr nach den ersten Europaspielen. Mal gucken, welche Konsequenz der Deutsche Olympische Sportbund daraus für die nächsten Europaspiele im Jahr 2019 zieht. Als bisher einziger Interessent für deren Ausrichtung gilt Sotschi in Russland. Auch nicht gerade eine Wiege der Menschenrechte. Für die Formel 1 ist das egal. Sie ist im russischen Sotschi längst Stammgast.