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StartseiteUmwelt und VerbraucherWie der Klimawandel die Produktivität mindert19.07.2016

Forschung der UN-UniversityWie der Klimawandel die Produktivität mindert

Uta Dietrich von der UN-Universität warnt vor einem Produktivitätsverlust wegen des Klimawandels. Immer heißere Temperaturen führten dazu, dass Arbeiter in Fabriken beispielsweise unter Hitzezuständen litten, sagte sie im DLF. Sie fordert einen effektiven Arbeitsschutz - denn Klimaschutz sei auch Gesundheitsschutz.

Uta Dietrich im Gespräch mit Jule Reimer

Etwa 20 Arbeiterinnen konzentrieren sich an einem langen Tisch auf ihre Nähmaschinen. (dpa / picture alliance / Xie Zhengyi)
Näherinnen in einer Fabrik im ostchinesischen Huaibei: Besonders in Asien werden die Arbeiter von den Klimaveränderungen betroffen sein, sagt Uta Dietrich. (dpa / picture alliance / Xie Zhengyi)
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Jule Reimer: Hitzewellen, Taifune, Überschwemmungen und Erdrutsche: Wenn sich das Klima weiter erwärmt, wird sich die Zahl der Extremwetterereignisse und der damit verbundenen Naturkatastrophen erhöhen. Auch deshalb verabschiedeten die UN-Mitgliedsstaaten vergangenes Jahr im japanischen Sendai eine Art Risiko-Managementplan zur Katastrophenvorsorge. Und der Klimawandel wird erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit und den Arbeitsalltag der Menschen weltweit haben, warnen Gesundheitsforscher der UN-University, also der Universität der Vereinten Nationen. Wie sehr, das beraten sie heute in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. Dort forscht am Internationalen UN-Institut für globale Gesundheit die deutsche Wissenschaftlerin Uta Dietrich. Sie fragte ich vor dieser Sendung, welche Folgen denn die Hitzewelle für den Arbeitsalltag haben wird.

Die Universität der Vereinten Nationen ist ein autonomes Nebenorgan der Vereinten Nationen. Sie wurde 1973 mit dem Ziel gegründet, Zukunftsfragen der Menschheit in allen Lebensbereichen auf konzentrierter wissenschaftlicher Basis zu erarbeiten.

Uta Dietrich: Die Folgen sind sehr vielschichtig. Und zwar: Wenn wir alleine mal die Auswirkungen der extremen Hitze als Beispiel nehmen, dann sehen wir, dass zum Beispiel das nicht nur die Arbeiter draußen betrifft, die in der Landwirtschaft oder in der Bauwirtschaft arbeiten, sondern hier in Asien auch Arbeiter, die drinnen arbeiten, und zwar in Fabriken und dort zum Beispiel ohne Klimaanlage unter diesen extremen Hitzezuständen leiden. Was das zur Folge hat ist, dass zum Beispiel die Produktion sinkt, je höher die Temperaturen sind, dass die Menschen selber, wenn sie nicht genug trinken, dehydrieren und das auch Nierenschäden zum Beispiel zur Konsequenz haben kann, dass wir sehen, dass die Unfallrate steigt. Es können chronische Krankheiten damit einhergehen, die selbst zum Tode führen können, wenn die Hitzezustände extrem werden, und dass man auch sieht, dass die Menschen sich weniger bewegen können und die Produktion weiter sinkt.

In Europa auch schon bei niedrigen Temperaturen Hitzestress-Faktoren

Reimer: Können Sie diese Verluste in wirtschaftliche Zahlen übersetzen?

Dietrich: Weltweit wird angenommen, dass im Jahre 2030 die Kosten für die Wirtschaft sich auf zwei Billionen Dollar belaufen werden. Wenn ich das Beispiel in Malaysia, wo ich jetzt wohne, anwende, dann waren im Jahre 2010 die Produktionseinbußen und damit auch eine Reduktion des Bruttoinlandsprodukts schon bei 2,8 Prozent. Im Jahre 2030 steigt das auf das Doppelte, auf 5,9 Prozent, und damit liegt das ungefähr bei 95 Milliarden Dollar. In China und Indien sehen wir ähnliche Anstiege, wo sich das verdoppelt von 0,4 auf 0,8 Prozent Verluste, aber aufgrund der hohen Bevölkerungszahlen sind das Schäden in Höhe von bis zu 450 Milliarden Dollar. In Indonesien zum Beispiel liegt der Produktionsverlust in 2010 bei 2,9 Prozent und steigt auf sechs Prozent.

Reimer: Jetzt könnte man ja sagen, na gut, dann müssen sich Arbeitnehmer ganz stark genauso verhalten, wie man sich in den Tropen verhalten muss. Man muss einfach zum Beispiel sehr viel trinken.

Dietrich: Ja es geht nicht nur um das Trinken. Sobald die Temperatur außen höher ist als die Körpertemperatur, fängt ja der Körper an zu schwitzen. Aber besonders hier in Asien, wo die Luftfeuchtigkeit sehr hoch ist, ist das Schwitzen nicht sehr effektiv und damit wird es immer schwieriger und die Körpertemperatur erhöht sich. Hier sind die Menschen ja schon an höhere Temperaturen gewöhnt. Aber in Deutschland oder Europa würden auch bei niedrigen Temperaturen diese Hitzestress-Faktoren schon einsetzen.

"Klimatisierung der Räume ist wichtig - aber nicht durch Klimaanlagen"

Reimer: Sie konzentrieren sich in Ihrem Bericht im Großen und Ganzen auf Asien, unter anderem, weil Asien besonders von Klimawandelschäden betroffen sein wird. Aber Sie erwähnten es bereits: Es gibt auch Auswirkungen in Deutschland und Europa. Wie stark sind zum Beispiel dort Hitzewellen von Bedeutung?

Dietrich: Wenn wir uns dieses Bruttoinlandsprodukt-Zahlen angucken, im Moment noch nicht sehr hoch. Die Produktionsverluste in Dollar-Werten gibt es schon, aber wir müssen auch sehen, wie ich schon sagte, dass in Deutschland und Europa auch bei geringeren Temperaturen diese Hitzestress-Faktoren ankommen und mit zunehmenden extremen Temperaturen die Folgen auch einsetzen. In Europa und besonders Deutschland haben wir auch viele ältere Arbeitnehmer, die größere Schwierigkeiten haben, sich an Temperaturunterschiede anzupassen, so ass das da auch besonders von Bedeutung ist. Man könnte jetzt sagen, leben wie in den Tropen oder wie im Mittelmeer, dass man sagt, leichtere Kleidung tragen, größere Pausen machen, besonders in der heißesten Zeit des Tages. Klimatisierung der Räume ist wichtig, dass die Räume kühl gehalten werden, aber nicht unbedingt durch Klimaanlagen. Da diese ja auch viel Energie selber benutzen und damit es zu so einem Teufelskreis kommt, dass die Klimaanlagen mehr Hitze produzieren und dadurch die Hitze in den Städten zum Beispiel auch hochtreiben und die Leute, wenn die Temperaturen zwischen draußen und drinnen zu groß sind, sich schlechter an höhere Temperaturen auch anpassen können.

"Sendai-Vertragswerk umsetzen"

Reimer: Welche konkreten Empfehlungen haben Sie als Wissenschaftler an die Politiker, an die Arbeitspraxis, an den Arbeitsalltag?

Dietrich: Die konkreten Empfehlungen sind, dass die Politiker das Sendai-Vertragswerk umsetzen sollten, dass man sich weniger auf das Managen der Katastrophen, sondern das Managen der Katastrophenrisiken konzentriert. Denn es ist inzwischen ganz offensichtlich, dass Klimaschutz-Interventionen auch gleichzeitig die Gesundheit der Menschen schützen. Am effektivsten kann dies erreicht werden, wenn Planung und Maßnahmen multidisziplinär und inklusiv durchgeführt werden. Im Spezifischen wäre das, wenn man das von der Arbeitsschutzseite ansieht, dass man effektive Kühlung in Fabriken einführt, dass den Leuten frisches Trinkwasser zur Verfügung gestellt wird, leichte Arbeitskleidung vorhanden ist, dass entsprechende Pausen eingeführt werden besonders in der extrem heißen Zeit, dass eventuell die Arbeitsstunden variiert werden müssen, in der Mittagszeit, wenn es am Heißesten ist, nicht gearbeitet werden muss, und entsprechende Arbeitskleidung zur Verfügung gestellt wird.

Reimer: Uta Dietrich vom UN-Institut für globale Gesundheit in Kuala Lumpur. Das Interview haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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