8. Kölner Forum für Journalismuskritik
„Zwischen Kritik, Polemik und Hetze: Wie reden über Nahost?“

Der 7. Oktober 2023 war eine Zäsur – auch für die Berichterstattung. Der Terrorangriff der Hamas und der anschließende Militäreinsatz Israels im Gazastreifen bewegt die Gesellschaft wie kaum ein anderes Thema. Die Entwicklung des Nahost-Konflikts wurde auch auf dem 8. Kölner Forum für Journalismuskritik aufgegriffen. Der Tenor: Es fehlt insbesondere an Sachlichkeit.

03.05.2024
Fünf Personen sitzen auf Sesseln und diskutieren.
An der Diskussion nahmen teil: Benjamin Hammer (Deutschlandfunk, ehemaliger ARD-Nahost-Korrespondent), Deborah Schnabel (Bildungsstätte Anne Frank), Nazih Musharbash (Deutsch-Palästinensische Gesellschaft), Kai Hafez (Kommunikationswissenschaft Universität Erfurt). Moderation: Sina Fröhndrich (Deutschlandfunk). (Thomas Kujawinski / Deutschlandfunk)
Der Deutschlandfunk-Journalist und ehemalige ARD-Nahost-Korrespondent, Benjamin Hammer, betonte die enorme Verantwortung von Medien bei diesem Thema. Es gebe keinen Konflikt, der so polarisiert. Hammer wies zudem auf große Unterschiede bei den Medienangeboten hin und riet von einer Pauschalisierung ab.

Vorwurf der einseitigen Berichterstattung deutscher Medien

Der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez bemängelte eine fehlende Lösungsorientierung und zu viel Polarisierung in der Berichterstattung. Es gebe eine „diskursive Schieflage“, die für eine zu einseitige, pro-israelische Sichtweise deutscher Medien sorge. Dies werde auch international kritisiert.
Trotz aller Emotionen sei eine Versachlichung nötig, sagte Nazih Musharbash von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft. So könne eine „Lücke“ in den Medien gefüllt werden. Es gebe nur wenig Berichte über das wahre Leben der Palästinenser. Musharbash bezeichnete es als Pflicht der Medien, objektiv über beide Seiten des Konflikts zu berichten.
Ein Mann sitzt auf einem Sessel und spricht in ein Mikrofon.
Nazih Musharbash von der Deutsch-Palästinensische Gesellschaft nahm am 8. Kölner Forum für Journalismuskritik teil. (Thomas Kujawinski / Deutschlandfunk)

Hamas und Israel als Quelle?

Ein Hauptproblem sei, dass es derzeit keine unabhängigen Informationen aus dem Gazastreifen gebe. Musharbash warf der israelischen Armee vor, die Hoheit über die Berichterstattung zu erzwingen. Kommunikationswissenschaftler Hafez schlug vor, gänzlich auf Aussagen der israelischen Regierung und der Hamas zu verzichten. Dies wies Journalist Hammer zurück. Es sei nicht möglich, diese Quellen gänzlich zu ignorieren. Wichtig sei hingegen die entsprechende Einordnung der Aussagen.
Ein Mann sitzt auf einem Sessel und spricht in ein Mikrofon.
Kai Hafez ist Kommunikationswissenschaftler an der Universität Erfurt. (Thomas Kujawinski / Deutschlandfunk)

Mehr Medienkompetenz erforderlich

Ein weiterer Aspekt in der von Sina Fröhndrich moderierten Runde war das Thema Medienkompetenz. Die Leiterin der Bildungsstätte Anne Frank, Deborah Schnabel, rief dazu auf, sich in der Debatte jeweils der eigenen Perspektive klar zu werden. Nur so könne sauber und trennscharf diskutiert werden. Ein Problem stelle insbesondere die hochemotionalisierende Darstellung expliziter Gewalt in Sozialen Medien dar. Dadurch drohten „Parallelrealitäten“ bei Menschen, die sich nur über gewisse Kanäle informierten. Davon seien vor allem junge Menschen betroffen. Schnabel forderte, die Bildung von Medienkompetenz stärker in den Fokus zu nehmen.
Eine Frau sitzt auf einem Sessel und spricht in ein Mikrofon.
Deborah Schnabel leitet die Bildungsstätte Anne Frank. (Thomas Kujawinski / Deutschlandfunk)