Mittwoch, 08. Dezember 2021

Forum neuer Musik 2017 Programm des zweiten Festivaltages

Unterhaltungssucht, Maschinenmenschen, intelligente Pflanzen und Klimaerwärmung - am zweiten Festivaltag wird die Debatte um das Anthropozän vielfältig fortgesetzt. Highlights sind die Uraufführung von Malin Bångs dokumentarischem Drama "KUDZU / The 6th Phase/" zur globalen Erwärmung und die Performance "Peoples Age", die sich mit Strategien des Postfaktischen auseinandersetzen.

08.04.2017

Kunst-Station Sankt Peter, 13:00 Uhr - Lunchkonzert
Andy Ingamells und Ludwig Abraham in einer Sportumkleide mit Tennisschlägern.
Andy Ingamells und Ludwig Abraham (Ludwig Abraham)
"Peoples Age" (UA) von LUDWIG ABRAHAM und ANDY INGAMELLS
Kompositionsauftrag des Deutschlandfunk
Ludwig Abraham – Stimme, Instrumente, Performance
Andy Ingamells – Stimme, Instrumente, Performance
Das deutsch-britische Composer-Performer-Duo Ludwig Abraham und Andy Ingamells präsentiert "Peoples Age" - eine pseudowissenschaftliche Talkshow, die sich in einer (fiktiven oder zukünftigen) Welt abspielt, in der großes und spektakuläres Entertainment zur Königsdisziplin avanciert ist. Wahrheit, Echtheit und wissenschaftliche Genauigkeit dagegen sind zweitrangig, wenn nicht sogar bedeutungslos geworden.
Einen Kern des von Ludwig Abraham und Andy Ingamells entwickelten Projekts bildet das Gedankengebäude des "postfaktischen Zeitalters". Dieser Term beschreibt eine Gesellschaft, in der belegbare Fakten, Objektivität und logische Zusammenhänge als Mittel zur Meinungsbildung eine untergeordnete Rolle spielen. Einen deutlich stärkeren Einfluss haben Parolen oder stark vereinfachte Statements, die vor allem der Gefühlswelt des Zielpublikums entsprechen. So kann in einem postfaktischen Diskurs gelogen oder abgelenkt werden, wobei das Aufdecken einer Falschaussage oft ohne Konsequenzen bleibt.
Deutschlandfunk Foyer, 17:00 Uhr - Lecture
Anthropozän, oder die Antiquiertheit des Menschen. Günther Anders' moralische Fantasie im 21. Jahrhundert
mit Prof. Dr. Harald Schwaetzer (Cusanus Hochschule)
Der Begriff "Anthropozän" meint, dass wir heute in einem Zeitalter sind, in dem der Mensch bestimmend für Schicksal und Überleben der Erde ist. Die Abwendung von Gefährdung ist keine Frage nach bloß technischer Gestaltung, sondern vor allem auch nach einem grundlegenden Sinneswandel. Der Vortrag bezieht sich auf Reflektionen des Philosophen Günther Anders (1902–92) angesichts der Atombombe. Anders forderte seinerzeit die "Ausbildung moralischer Phantasie". Ein Sinneswandel ist nur möglich, wenn Menschen methodisch an der Ausbildung ihrer moralischen Phantasie arbeiten, damit die Wirklichkeit wieder angemessen vorstellbar wird und verantwortetes Handeln entstehen kann.
Harald Schwaetzer
Harald Schwaetzer (Harald Schwaetzer)
Deutschlandfunk Foyer, 17:00 Uhr - Lecture

Stefano Mancusos "Intelligenz der Pflanzen" und Malin Bångs "KUDZU / The 6th Phase/"
mit Leonie Reineke und Dr. Egbert Hiller
Der italienische Biologe Stefano Mancuso, Leiter des Instituts für Pflanzenneurobiologie in Florenz, ist der ältesten Spezies der Welt auf der Spur, die heute 99,7 Prozent der Biomasse des Planeten ausmacht. In seiner Publikation "Die Intelligenz der Pflanzen" plädiert er für ein völlig neues Verständnis der irdischen Vegetation. Pflanzen zeichnen sich durch eine hohe Empfindsamkeit aus, durch Fähigkeiten des Kommunizierens, ein Sozialleben wie hoch entwickelte Problemlösungsstrategien. Als Mittler zwischen der organischen Welt und dem Energiezentrum des Sonnensystems haben sie – anders als Tiere und Menschen – eine fundamentale Bedeutung für alles Leben.
Leonie Reineke
Leonie Reineke (Rebecca Schneider)
Während Mancuso in seinem Buch den antropogenen Klimawandel geradezu ausspart, bringt die schwedische Komponistin Malin Bång die irdische Klimaerwärmung und die Potenziale der Pflanzen zusammen. Ihr dokumentarisches Drama "KUDZU / The 6th Phase /" entwirft mögliche Zukunftsszenarien bei zwei, vier und sechs Grad Temperaturerhöhung. Unterschiedliche Bewegungsformen zweier asiatischer Pflanzen werden dabei in musikalische Gesten übertragen – ebenso die dramatischen Veränderungsprozesse in Wasser, Boden und Luft. Es handelt sich dabei um einen künstlerischen Beitrag zum menschlichen Zukunftsdiskurs.
Egbert Hiller
Egbert Hiller (Alex Zimmermann)
Deutschlanfunk Kammermusiksaal, 20:00 Uhr
Georg Katzer
Georg Katzer (Angelika Katzer)
"De natura hominis" von Georg Katzer
Elektroakustische Produktion
Kompositionsauftrag von Deutschlandradio Kultur
Das Mechanistische und Maschinenhafte im menschlichen Wesen wie in der Gesellschaft ist für Georg Katzer ein zentraler Topos. Sein Interesse daran spiegelt sich in seiner Instrumentalmusik wie in elektronischen Arbeiten. Namentlich die Schriften des Aufklärers Julien Offray de La Mettrie (1709–51) haben ihn inspiriert. In der europäischen Geisteswelt seiner Zeit galt La Mettrie zunächst als Lästerer: Er hatte sich erdreistet, das Schöpfungswunder Mensch auf den Boden naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu stellen. Streitpunkt war für ihn der fehlende Nachweis der Existenz der menschlichen Seele. Infolge dessen interpretierte La Mettrie den Menschen provokant als Maschine.
In die Reihe von Katzers La Mettrie-Stücken finden sich zuletzt ein "Exkurs über die Mechanik" für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuger und eine multimediale Version von "L'homme machine" mit Sprecher, Tänzer, Sängerin, Kontrabass, zwei Schlagzeuger, Video und Live-Elektronik. Bereits in den 1986er-Jahren erschien die Kammermusik "La Mettrie oder Anmerkungen zum Maschinenmenschen", damals komponiert für die Bläservereinigung Berlin. Die hier aufgeführte Version "De natura hominis" entstand 1998 im Auftrag von Deutschlandradio Kultur im Studio der Akademie der Künste Berlin.
Deutschlandfunk Kammermusiksaal, 20:30 Uhr
"KUDZU / The 6th Phase/" (UA) von MALIN BÅNG
Die Komponistin Malin Bang
Die Komponistin Malin Bang (Annika Falkuggla)
Kompositionsauftrag des Deutschlandfunk
The Curious Chamber Players
Leitung: Rei Munakata
Malin Bång, Objekte, Electronics
Fredric Olofsson, Videos
Malin Bångs "Kudzu / the sixth phase/" von 2016/17 stellt sich expliziert drängenden Fragen der Wirklichkeit. Die schwedische Komponistin setzt sich mit möglichen Szenarien des Klimawandels auseinander – aus der Sicht der Pflanzten, die 99 Prozent der Biomasse der Erde ausmachen. Ihr multimediales Stück steigert sich von sachten klanglichen Regungen bis zum Showdown, dem Überlebenskampf zwischen Pflanzen und Menschen. Was kommt danach? Malin Bång geht es in ihrer Auftragskomposition weder um Tonmalerei noch um plakative Stellungnahmen, sondern um vielschichtige schöpferische Anverwandlung. Die Wachstums- und Bewegungsenergie von Pflanzen auf musikalische Prozesse zu übertragen, ist ein zentraler Ausgangspunkt. Weitere sind die Transformation fortschreitender Erderwärmung und deren Folgen für Wasser, Boden und Luft in bizarre und technisch verfremdete Instrumentalklänge – bereichert von visuellen Elementen, (Klang-) Objekten und Projektionen von dokumentarischem Material. Performance, Konzertmusik, Hörspiel und Musiktheater durchdringen und verdichten sich in Malin Bångs Vision zum neuen Genre eines "musikdokumentarisches Dramas".