Forum neuer Musik 2021Transformation

Was denken und fühlen junge Musiker, die Neue Musik spielen lernen, zu Tod und Vergänglichkeit? Unter Leitung von David Smeyers präsentieren die Kölner Studierenden-Formation "ensemble 20/21", das Xenon Quartett und das A-Trio ein thematisches Programm mit Ausblicken in nicht-europäische Denkwelten.

Am Mikrofon: Egbert Hiller | 22.11.2021

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Das ensemble 20/21 produziert "Alau" von Jamilia Jazylbekova (Deutschlandradio/ Thomas Kujawinski)
Transformation
Werke von Helena Cánovas i Parés, Hans Joachim Hespos, Jamilia Jazylbekova, Georg Katzer, Mario Lavista, Jing Jing Luo u.a.
Jamilia Jazylbekova - Stimme
ensemble 20/21
Xenon Quartett
A-Trio
Musikalische Gesamtleitung: David Smeyers
Aufnahme, Schnitt, Mastering: Matthias Reuland
Forum neuer Musik 2021: David Smeyers' Projekt "Transformation"

Zum Kölner Hochschulprojekt "Transformation"

Von Egbert Hiller
Seit nunmehr zwölf Jahren beteiligt sich der Studiengang Ensemblespiel Neue Musik an der Kölner Musikhochschule am Forum neuer Musik des Deutschlandfunks mit einem Themenkonzert. Die jungen Musiker und Musikerinnen lernen bei Prof. David Smeyers Komponisten, Werke und avancierte Spieltechniken kennen und anwenden - zugleich beginnen sie, ihre Kunst zu Fragestellungen der Gesellschaft in Beziehung zu setzen. Für die Studierenden aus verschiedenen Ländern und Kulturen der Welt birgt dies manche Herausforderung und eröffnet zugleich Horizonte.
Die Fragestellung "Wollen wir den Tod überwinden?", die das Kölner Forum neuer Musik 2021 aufwirft, ist für junge Menschen reichlich abstrakt. Ihr Leben soll sich ja erst noch entfalten! Was also soll da der Tod? Die Pandemie-Erfahrung hat das Thema allerdings näher gerückt und das Bewusstsein geschärft. Vergänglichkeit, Veränderung, Wandel sind durchaus greifbar geworden. Unabhängig vom Befinden der einzelnen ist beim Forum neuer Musik von Belang, was die Gruppe künstlerisch für ein Angebot macht.
Tod nicht als Ende, vielmehr als Verwandlung
David Smeyers musste das ursprünglich für die Live-Aufführung im April 2020 gedachte Forums-Programm mehrfach verändern, auch manche Musiker nachnominieren. Der nötige Umbau vom Publikumskonzert zur Studioaufnahme hat aber auch Möglichkeiten eröffnet, mit Darbietungsformen zu spielen, Stücke simultan zu musizieren, sie teilweise überlappen zu lassen. Inhaltlich ist das Konzept weitgehend erhalten geblieben: Gespielt werden ältere und ganz neue Werke, Urheberinnen und Urheber verschiedener Generationen und Kulturkreise. David Smeyers macht den Ausführenden wie den Hörern zudem ein versöhnliches Angebot: Der Tod muss nicht das Ende aller Dinge bedeuten, er steht hier synonym für Umwandlung.
Jamilia Jazylbekova beispielsweise verweist in ihrem Ensemblestück "Alau" auf den Schnittpunkt von Leben und Tod. Diese Fokussierung wird nachvollziehbar in den Instrumentalklängen, die die archaisch wirkende Solostimme der Komponistin mit rhythmischem Nachdruck flankieren. "Alau" heißt auf Kasachisch Flamme und bezeichnet "die feuerroten Strahlen der Morgen- oder Abendsonne". Dieses Bild steht für das plötzliche Bewusstwerden des Todes, das, wie Jazylbekova sagt, "trotz seiner blitzartigen Kürze unser ganzes Bewusstsein bis in die tiefsten, sonst unzugänglichen Schichten verändern kann".
Ineins mit der Natur - oder zu ihr konträr
Die kasachische Kultur, von der Jamilia Jazylbekova geprägt ist, wurzelt in der archaischen Religionsform des Tengrismus, für den die enge Verbundenheit mit der Natur charakteristisch ist – mit dem Ziel, "mit allem, was unter dem Himmel ist, im Einklang zu leben". In Mexiko wird ganz anders mit dem Tod umgegangen: Totenfeste und Gedenktage werden hier höchst ausgelassen gefeiert. Bezug darauf nahm die Mexikanerin Gabriela Ortiz in ihrem 1997 komponierten Streichquartett "Altar de Muertos". Die Anfangsidee, die Kölner Studierenden daraus einen Satz aufführen zu lassen, musste zwischenzeitlich leider entfallen. Lateinamerika vertritt nurmehr Mario Lavista, der sein kurzes Blockflötensolo "Ofrenda" 1986 als beschwörende Hommage für einen verstorbenen Freund konzipierte.
Im Spannungsfeld von Aufbegehren und Klage, dabei zugleich auf den Atem als Quelle des Lebens konzentriert, bewegt sich "Spirare, potes spirare". Komponistin Jing Jing Luo – in China geboren, in den USA lebend – widmete dieses Stück der 2010 verstorbenen Harfenistin Jocelyn Chang. Auch ein neues Werk von Hans Joachim Hespos birgt ein Gedenken: Hespos schrieb es während der Pandemie auf Friedrich Schillers Text "Die Pest"; es ist dem Schlagzeuger Matthias Kaul in memoriam gewidmet. Auch des verstorbenen Lyrikers Thomas Kling wird gedacht. Sein Text "Endi W" gab die Vorlage für MD Gutherz alias David Smeyers. Kling wiederum schildert im Text, wie er in Finnland aus einer Zeitung vom Tod Andy Warhols erfuhr.
Resümee und Bewältigung
Neben dem Gedenken findet sich im Programm auch der Topos, am Lebensende das eigene Sein zu reflektieren. Bei Georg Katzer zum Beispiel. Im Jahr vor seinem Tod komponierte dieser unter dem Titel "… blüht nur im Gesang" Lieder und Songs zu Versen aus eigener Hand. Es handelt sich um pointierte, knapp disponierte Kommentare zu existenziellen wie gesellschaftspolitischen Themen. David Smeyers wählte daraus die Miniatur "Nitschewo", die die Vergeblichkeit menschlichen Tuns thematisiert.
Ebenfalls wurden im Deutschlandfunk Kammermusiksaal zwei Stücke von Studierenden eingespielt: Denis Ivanovs "Überirdische Nachtmusik" und Margarita Rumyantsevas "Fusion". Beide sind Mitglieder des an der Hochschule gegründeten A-Trios. Außerdem wurde das vom Deutschlandfunk beauftragte Stück von Helena Cánovas i Parés uraufgeführt: Ihr "Tenebrae once again", so die Urheberin, sei "die abstrakte Gestaltung eines Todesrituals. Wie von Ferne klingen darin die Tenebrae Responsories von Tomás Luis de Victoria an – Musik, die die junge Spanierin stets inspirierte und die sie hier zeitgenössisch verformt hat.
Ein solcher Dialog mit der Vergangenheit unterstreicht die Bedeutung von Klängen für das menschliches Dasein und für das kulturelle Gedächtnis an sich. Zwar spielt Musik in der Geschichtsschreibung nur eine untergeordnete Rolle, doch ist sie, so David Smeyers, im Leben sehr wesentlich: "Als klingende Versinnbildlichung ist Musik für den Menschen notwendig, um das Unfassbare, das eigene Vergehen und sich Auflösen akzeptieren zu können."

Die Kompositionen (alphabetisch):

Helena Cánovas i Parés
"Tenebre once again" (2020) für Ensemble
Kompositionsauftrag des Deutschlandfunk
MD Gutherz
"Endi W." (2021) für Ensemble UA
Hans Joachim Hespos
"MIAS" (2020) für Es-Klarinette und Metallscheibe UA
Denis Ivanov
"Nachtmusik" (2021) für E-Violine, Altsaxofon und Klavier
Jamilia Jazylbekova
"Alau" (2019) für Stimme und Ensemble
Georg Katzer
"Nitschewo" (2018) für Stimme, Violoncello und Klavier
Mario Lavista
aus: "Ofrenda" (1986) für Blockflöte
Jing Jing Luo
"En memorium: Jocelyn Chang" (2010) für obligate Blockflöte, Gitarre
Margarita Rumyantseva
"Fusion" (2021) für E-Violine, Altsaxofon und Klavier

Die Mitwirkenden:

Jamilia Jazylbekova - Stimme
ensemble 20/21:
Elena Plaza Cebrián - Stimme
Alina Loewenich - Blockflöte, Stimme
Wei Hung - Blockflöte
Pau Coso Caballero - Flöte
Annika Liebe - Oboe
David Smeyers - Klarinetten, Metallscheibe
Jeong Won - Fagott
Enyalios Papadopoulos - Schlagzeug
Arturo Portugal - Schlagzeug
Beate Zelinsky - Metallscheibe
Adriana Rolão - Gitarre
Lorenzo Soules - Klavier
Adya Khanna-Fontenla - Violoncello
Xenon Quartett:
Lukas Stappenbeck - Sopransaxofon
Anže Rupnik - Altsaxofon
Álvaro Arias - Tenorsaxofon
Benjamin Reichel - Baritonsaxofon
A-Trio:
Margarita Rumyantseva - Violine, E-Violine
Yuriy Broshel - Saxofone
Denis Ivanov - Klavier
Musikalische Gesamtleitung: David Smeyers