Corso 22.10.2019

Fotobuch über Elton JohnDer Style des Pop-ChamäleonsGesine Kühne im Gespräch mit Ina Plodroch

Beitrag hören Elton John mit Kappe und Jacke in Leoparden-Optik (www.imago-images.de / KPA / United Archives)Die Kompositionen weltklasse, die Kleider extravagant: Elton John in den 70ern (www.imago-images.de / KPA / United Archives)

Eine Baseball-Uniform mit funkelnden Strasssteinen, eine getönte große Plastikbrille, das schüttere Haar meist mit Strohhut bedeckt: Musiker Elton John steht für Extravaganz. Ein neuer Fotoband fängt den Stil und den Wandel des Popstars ein - dessen schrille Anzüge mitunter Schutzpanzer waren.

Aktuell finden eine Art Elton-John-Festspiele statt: Abschiedstournee, Biografie, Biopic und Fotoband. Letzterer heißt "Elton John. Das Portrait – Fotos aus 40 Jahren". Der Fotograf Terry O’Neill kennt Elton John seit 1972 und hat bis heute mehr als 5000 Fotos von ihm geschossen. Das Buch ist ein Einblick in seine Arbeit mit Elton John und den Modestil des Künstlers, der auch viel über das Seelenleben verrät. Elton John, dazu gehören nicht nur die Kompositionen und die Texte von Bernie Taupin, sondern  auch de Kostüme und die großen Shows.

Ina Plodroch: Gibt's diesen einen Elton-John-Style?

Gesine Kühne: Blättert man sich durch die 256 Seiten des Buchs, entsteht ganz schnell der Eindruck: Elton John besteht aus Pailletten und Glitzerfaden. Wenn er nicht Anzüge mit großzügigen Silber- und Goldstickereien getragen hat, dann waren es Kostüme, die mich persönlich an Eiskunstläufer erinnern: Lurex mit Pailletten und Federn verziert. Wobei, sein wohl bekanntestes Bühnenoutfit eine LA-Dodgers-Baseball-Uniform ist, die ebenfalls von oben bis unten mit Pailletten besetzt ist.

"Kleider für die große Show"

Plodroch: Wer steckt denn hinter den Entwürfen, hinter den Pailletten?

Kühne: Die meisten der Kreationen, das Baseball-Outfit zum Beispiel auch, hat der Designer Bob Mackie entworfen. Ein Designer und Kostümbildner aus den USA, der auch für Cher, Barbara Streisand, Tina Turner, Madonna, Britney Spears, Marlene Dietrich – um nur ein paar zu nennen, gearbeitet hat. Der heute 80-jährige hat für seine Arbeit immerhin neun Emmys gewonnen und drei Oskarnominierungen erhalten.

Ein weiterer Mann hinter Elton Johns Style muss noch erwähnt werden, der britische Schneider Tommy Nutter. Der hat zum Beispiel den Anzug gemacht, den Elton John auf dem Cover seines "Greatest Hits"-Albums 1974 trägt. Weiß, Hose mit Schlag, petrolfarbendes Hemd dazu, Hut. Dennoch: Das waren alles Kleider für die große Show.

Plodroch: Zeigt das Buch, wie sich sein Erscheinungsbild gewandelt hat: von den Anfängen als Mann aus bescheidenen Verhältnissen zum großenPop-Star, dann wieder zurück zum nüchternen Elder Statesman des Pop? 

Kühne: Ja, das Buch nimmt einen schon mit auf eine kleine Reise durch den Kleiderschrank. Die ersten Fotos, die Terry O’Neill von Elton John jemals geschossen hat, wurden in der Wohnung von Elton John aufgenommen. O’Neill beschreibt Elton John als schüchtern vor der Kamera, also zumindest am Anfang. Über die Jahre wurde er selbstsicherer. Das lag aber auch an den Kostümen, schreibt O’Neill – in seinen Bühnenoutfits fühlte er sich am wohlsten.

Nike-Schuhe zum Adidas-Outfit

Plodroch: Und gab es Elton John auch casual, wie man in der Mode sagt, also alltagstauglich?

Kühne: Ja, das Buch zeigt: Elton John konnte auch zurückhaltender aussehen. Er trug gern enge gestreifte Poloshirts, sehr oft Adidas-Trainingshosen, oder gar einen ganzen Trainingsanzug. Was ich sehr witzig fand, so ein Detail: Elton John trug oft Nike-Schuhe zum Adidas-Outfit. Das ist ja bei Sportswearfans eine Grundsatzsfrage, ob man das "darf". Die Brillen haben aber immer laut geschrien. Die waren groß, glitzernd, oder in Sternenform zum Beispiel, und wenn er ein Poloshirt getragen hat, dann gab es mindestens eine Statement-Brille dazu. In den Neunzigern wurden diese normal, schon fast so klassische Nerdbrillen mit dickem rahmen oder auch mal ein ganz schmales Gestell. Aber so viele Bilder gibt es nicht vom nüchternen Stil des Elton John der 90er und 2000er.

Plodroch: Ist er wegen der Kostüme zum Postar aufgestiegen oder lenken sie de facto von seinen musikalischen Fähigkeiten ab? 

Kühne: Für mich gehören diese großen Gesten in Sachen Outfit zu den 70ern. So wie es auch Glamrock-Künstler gemacht haben. Ich muss die ganze Zeit dabei auch an Freddy Mercury denken. Es musste in den 70er glitzern, ganz auffällig. Elton John hat den Durchbruch und seine Berühmtheit ja ohne die Kostüme Anfang der 70er erreicht. Also waren die Kostüme später Beiwerk.

"Die Kostüme waren Schutzanzug"

Plodroch: Seine Kostüme sind eine Art Travestie; er hat sich recht spät als schwul geoutet. Waren die Kostüme eine Art der Ablenkung,  Schutzanzug, "bitte keine weiteren Fragen"?

Kühne: Auch im Buch wird kurz angerissen, dass Elton John ja unter Depressionen gelitten hat. Terry O’Neill, der Fotograf, sagt, dass er in den schillernden Kostümen sich sicher fühlte – vor der Kamera nicht mehr so schüchtern war. Dass heißt, ja, die Kostüme waren Schutzanzug. Elton John hat ja in den späten 80ern sich als schwul geoutet, nachdem er erstmal ne Frau geheiratet hatte. Und Ende der 90er sagte er gegenüber dem "Spiegel": Er war tatsächlich wie auf der Flucht. Und wenn man diese Aussage in Kleidung übersetzt: Kostüme, große Gesten, wenn "normal" gekleidet, dann aber auf jeden Fall eine übertriebene Brille – dann war das ein Versteckspiel. Der geoutete Elton John, der offen über seine Depressionen sprechen kann – im Biopic "Rocketman", da sieht man ja eindrücklich, wie Elton John zunehmend drogen- und alkoholsüchtig ist und unter Bulimie leidet, und der geoutete und cleane Elton John sieht selbstbewusst aus - und das dann in eher zurückhaltenden Outfits.

Plodroch: Also: Neben Abschiedtournee, Biografie, Film über sein Leben - braucht man jetzt diesen Fotoband auch noch? 

Kühne: Ich finde das Buch ganz gut. 256 Seiten, viele Fotos für 38 Euro. Ganz gut, weil es bei dieser schillernden Figur es natürlich viel toller gewesen wäre, wenn die vielen Schwarzweiß-Fotos - das sind über 200 von insgesamt 270 Bildern - einfach auch bunt gewesen wären. Oder zumindest mehr als die nur knapp 60, die bunt sind. Für Fans ist das aber ein tolles Buch, schöne Bilder. Inhaltlich gibt es einen kurzen Blick auf Elton John, und zwar aus der Sicht von Terry O’Neill. Im Einführungstext geht es aber eher um den Fotografen selbst und wie er zu Elton kam. Hardcorefans erfahren also nichts Neues über den Musiker. Aber, wie sagt man so schön? Coffeetable Book. 

Terry O’Neill: "Elton John. Das Portrait – Fotos aus 40 Jahren"
Prestel Verlag München, 2019. 256 Seiten, 38 Euro.

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