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StartseiteKultur heuteRoger Ballen in München17.11.2014

FotografieRoger Ballen in München

Er wolle die Innenwelt nach außen kehren und den Blick nach innen richten: Das sagt der in Johannesburg lebende New Yorker Fotograf Roger Ballen über seine Arbeit. 32 seiner außergewöhnlichen Werke sind nun in der Ausstellung "Theater der Absurdität" in der Münchner Villa Stuck zu sehen.

Von Carsten Probst

Atelierraum der Villa Stuck in München (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)
Atelierraum der Villa Stuck in München (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)
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Stan ist ein seltsam aussehender Mann von schwer zu schätzendem Alter. So, wie er dasteht auf diesem Portrait, das just vor wenigen Wochen in Pretoria entstanden ist, wirkt sein ganzer Körper irgendwie in sich verschoben: Der Kopf zu groß über den schmächtigen, schräg stehenden Schultern, das eine Bein ist kürzer als das andere, sein rechter Arm hängt gelähmt herab. Er steht da und grinst lausbubenhaft, aber vielleicht zieht er auch nur eine Grimasse.

Roger Ballen hat Stan schon oft fotografiert, in den 90er-Jahren sind zwei inzwischen berühmt gewordene Aufnahmen von ihm entstanden, in der typischen Weise, in der Ballen nunmehr seit drei Jahrzehnten Bilder macht.

Fotograf aus Leidenschaft

Seit Mitte der 80er-Jahre fotografierte der gebürtige New Yorker, was er bei seinen beruflichen Reisen durch das südafrikanische Hinterland an menschlichen Schicksalen vorfand, und vor allem die entlegenen Dörfer und Siedlungen der weißen Minderheit kamen dabei in den Fokus – jener weißen Landbevölkerung, die selbst zu Zeiten der Apartheid nicht zur privilegierten Herrscherrasse über die schwarze Mehrheit zählte, sondern in völliger Verarmung lebte.

"Lange Zeit habe ich Fotografie nur aus Leidenschaft, als ein Hobby betrieben. Und ich tat dies an einem wahrhaft isolierten Ort. Südafrika war bis in die 2000er-Jahre hinein ein isoliertes Land. Meine Fotografie war auch ein Ergebnis dieser Ausgangssituation. Vielleicht sind diese Bilder deshalb so, wie sie sind, weil ich keinen Einfluss auf die Situation hatte.

Ich arbeitete und arbeitete mit einem unerschöpflichen inneren Antrieb, konnte nicht aufhören daran zu denken, während ich gleichzeitig über 30 Jahre meiner normalen Arbeit als Geologe nachging und irgendwo in der Einöde Steine umdrehte."

Ballens Fotografien haben dabei wenig mit falschem politischem Mitleid zu tun. Beeinflusst haben ihn vor allem die grandiosen Fotoreportagen von Walker Evans, der in den 30er- und 40er-Jahren das Elend amerikanischer Landarbeiter während der Großen Depression ins Bild gebannt hatte.

Psychologische Inszenierungen

Wie sein Vorbild Evans hat auch Ballen eine Neigung zu psychologischen Inszenierungen. Die Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke, die Einbeziehung der heruntergekommenen Umgebung kehren innere Zustände nach außen: Einsamkeit, Verzweiflung, den Autismus des von der Gesellschaft Verstoßenen. Ballen begnügte sich aber immer weniger mit der rein dokumentarischen Fotografie vor Ort, sondern verlegte sie nach und nach in ein Studio, wo er die Inszenierung des Elends zuspitzte. Die Silber-Karbon-Ästhetik des Walker Evans behielt er bei. Doch während geradezu lakonisch äußerste menschliche Verlorenheit gezeigt wird, dominiert der Eindruck der Künstlichkeit, der Inszenierung.

Eine weitere Ebene der Ästhetisierung

Für seine aktuelle Serie "The Asylum of the Birds" hat Ballen die Inszenierung noch weiter vorangetrieben, indem er die Portraitierten Bilder an die Wände Kritzeln lässt oder es selber tut und seine Modelle inmitten dieser Stilleben fotografiert. So entsteht eine weitere Ebene der Ästhetisierung, eine Art-Brut-Ästhetik, die manchmal stark an die Malerei Jean Dubuffets erinnert und sich immer mehr vom Realismus des fotografischen Bildes entfernt.

Man kann nun darüber streiten, ob diese Erweiterung der Stärke von Roger Ballen Motiven dient oder nicht. Erkennbar geht es ihm nicht darum, die Kontrolle über die Inszenierung langsam an seine Modelle abzugeben, sie ihre eigene Geschichte inszenieren zu lassen. Er bleibt Herr des Verfahrens und benutzt die Portraitierten scheinbar wie ein Spiegel seiner eigenen, ominösen Innerlichkeit:

"Wer ist Roger Ballen, und was ist die Welt da draußen? Das sind die beiden Grundfragen, mit denen ich mich in meiner Arbeit immer beschäftigt habe: Die Innenwelt nach außen zu kehren, den Blick nach innen zu richten. Wenn ich irgendwann eine Antwort auf diese Fragen hätte, würde ich keine Kunst mehr machen. "

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