Mittwoch, 30. November 2022

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Fotografien von Bernard Larsson aus dem Kalten Krieg
Die Mauer als "Tor zur Erkenntnis"

Die Aufnahmen, die der Fotograf Bernhard Larsson 1961 kurz nach dem Mauerbau in Ost- und West-Berlin machen konnte, gehören zu den herausragenden Zeugnissen dieser Zeit. Auch in zahlreichen anderen Ländern der Welt dokumentierte er die politischen Verwerfungen des Kalten Krieges. Das Museum für Fotografie in Berlin zeigt nun diese einzigartigen kulturellen und politischen Bildzeugnisse.

Von Carsten Probst | 18.08.2016

    Fotografien von Bernard Larrson im Museum für Fotografie in Berlin
    Fotografien von Bernard Larrson im Museum für Fotografie in Berlin (dpa/picture alliance/Britta Pedersen)
    "Hier spricht die demokratische Presse", heißt es in altdeutscher Fraktur über einem Schaukasten, an einem verregneten Tag in Ostberlin. Ein altes Ehepaar schleicht gebeugten Hauptes vorbei. Die demokratische Presse allerdings hat anscheinend nicht viel zu sagen, denn der Schaukasten ist leer. Dahinter erkennt man eine große Trümmerbrache. Bernard Larssons Blick spürt unbestechlich die seltsam inszenierten Realitäten in der Frontstadt des Kalten Krieges auf. Es ist das Jahr 1961, das Jahr des Mauerbaus. Im Restaurant am Funkturm in Westberlin verleibt sich derweil ein Mann in Bärenkostüm sein Mittagessen ein. Larssons Blick ist der Blick von außen. Denn der damals 22-Jährige kam aus Paris und war eigentlich ausgebildeter Modefotograf. Doch die Eskalation des Kalten Krieges ließ ihn nicht ruhen in der damals eher beschaulichen Modehauptstadt:
    "Ich war ja eher da in der Schickeria. Das war natürlich sehr, sehr reizvoll, mit schönen Mädchen rumzumachen (…), aber als ich das dann näher kennenlernte, war das dann eher eine No-Go-Geschichte für mich (…), aber damit war natürlich Geld zu verdienen im Gegensatz zu dem Zeug da..."
    Die Mauer als "Tor zur Erkenntnis"
    Mit "dem Zeug" meint Bernard Larsson das, was nun an den Wänden des Museums für Fotografie in Berlin ausgebreitet ist und was er in seinem ersten Buch 1964 als "Politische Fotos" bezeichnet hat: Bildbände zum geteilten Berlin gab und gibt es viele, doch Bernard Larssons Position war eine besondere. Mit seinem schwedischen Pass gelang es ihm, sich in beiden Teilen der Stadt halbwegs ungehindert zu bewegen. Es war sein persönliches Anliegen und zugleich, wie er sagt, sein persönlicher Beginn als politischer Fotograf:
    "Für mich war diese Trümmerstadt ja irgendwie eine Erweckung oder ein sehr, sehr starkes Erlebnis - so schlimm die Mauer war, aber für mich war sie auch das Tor zur Erkenntnis irgendwie in einer Situation von meinem Elternhaus her, wo Schweigen war (…) und in dieser spießigen, kleinbürgerlichen, westdeutschen Gesellschaft hat man nicht (…) von einer Vergangenheit geredet, die 15 Jahre zurückliegt. (…) Und in dieser Trümmerlandschaft: Krüppel (…) und diese Leere, und es war eine Stadt in Kulissen eigentlich, (…) im Westen wie im Osten."
    Eindruck von künstlich herbeigeführten Zuständen
    In keinem Fall möchte Larsson die Welt der Modefotografie, der Staffagen, mit seinen politischen Bildern vermischt sehen. Obwohl dies durchaus nahe läge, wenn man seine Serien aus verschiedenen Weltgegenden vergleicht. Dann fällt auf, wie sehr sein Blick immer wieder von extrem entgegengesetzten Realitäten angezogen wird. Realitäten, die sich gegenseitig infrage stellen und dadurch in der Tat den Eindruck von künstlich herbeigeführten Zuständen erzeugen. Besonders deutlich ist das natürlich immer wieder an den Aufnahmen aus Berlin: Hier eine 1.-Mai-Demonstration in Ostberlin, die sozialistischen Kampf- und Friedensparolen auf der Karl-Marx-Allee - dort eine Rede von Kanzler Ludwig Erhard vor dem Berliner Reichstag, auf dessen Fassade in großer Schrift Frieden und Freiheit beschworen werden. Im Francistischen Spanien Anfang der sechziger Jahre hier die geradezu noch mittelalterlichen Dörfer auf dem Land - und dort die arbeitslose Jugend in den Städten, die beide von bestens ausgestatteter Polizei kontrolliert werden. Hier die verwinkelten Altstädte in Marokko - dort die brutalen Neubausiedlungen französischer Stadtplaner an der Peripherie Casablancas.
    "Keine Stadt so spannend wie Berlin"
    Schon diese vielen Orte, die die Ausstellung thematisiert, macht deutlich: Bernard Larsson will sich mit seinen Bildern von der Berliner Mauer oder auch den Studentenprotesten in Berlin nicht in die nationale Betroffenheitsikonografie einreihen lassen. Gerade dass Berlin heute ein Schmelztiegel vieler Nationalitäten und Kulturen ist, empfindet er als den größten Gewinn für die Stadt nach dem Ende der Teilung:
    "Ich hab jahrelang in Paris gelebt, war in New York, London lange, bin in Stockholm zur Schule gegangen. Aber ich hab keine Stadt erlebt, die so spannend eigentlich ist wie Berlin im Augenblick."