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StartseiteCorsoFamiliengeschichte als Kunstprojekt29.11.2019

Fotokünstlerin Johanna Diehl Familiengeschichte als Kunstprojekt

Die Berliner Fotografin Johanna Diehl arbeitet sich an ihrem Familiennachlass ab und versetzt uns zurück in die Nachkriegszeit - zwischen Aufbruch und Schweigen. Am Übertünchen und Verschweigen der Elterngeneration können die Kinder zerbrechen, so die Erkenntnis ihrer aktuellen Ausstellung.

Von Marie Kaiser

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(Johanna Diehl )
Ausschnitt aus einer Arbeit von Johanna Diehl, MARS, 2019, Filmstill/Making of 1-5 (Johanna Diehl )
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Eine ungewöhnliche Klavier-Etüde tönt durch das Haus am Waldsee – in einer Videoarbeit von Johanna Diehl spielt der Pianist Marc Schmolling auf einem präparierten Flügel. Durch ein Sammelsurium merkwürdiger Dinge, die auf den Klaviersaiten liegen, wird der Klang verfremdet.

Johanna Diehl: "Es sind alles Gegenstände, die zur Inszenierung eines Bürgerlichen auch gedacht waren: Cocktailspieße und marmorne Aschenbecher, Toasthalter. Und diese Objekte haben wir in einen Flügel gesetzt, dass die so einen perkussiven Effekt bekommen durch die Präperation und knarzen und knirschen und quietschen."

Ali, der Königspudel der Familie

Johanna Diehl hat all diese Gegenstände aus der Nachkriegszeit geerbt - von ihrer Großmutter väterlicherseits. In diesem Nachlass hat die 41-jährige Künstlerin auch tausende Familienfotos gefunden, die jetzt an einer großen Wand in Gruppen hängen - wie kleine Bilderinseln. Auf einem Foto: das bürgerliche Wohnzimmer mit Geweihen an den Wänden. Auf einem anderen stutzt die Großmutter Ali, dem Königspudel der Familie, auf einer Tischtennisplatte das Fell. Vor allem aber sehen wir die Großeltern auf Reisen. "Man sieht Bilder aus Tunis 1957, Bangkok in den 60er-Jahren, Cannes, Russland, Kuba, Libanon."

Um diese Schnappschüsse der Großeltern gruppiert Johanna Diehl eigene Fotos. Größere, perfekt ausgeleuchtete Bilder wie aus einem Warenkatalog. Darauf zu sehen: merkwürdige fleischfarbene Prothesen. Es sind abfotografierte Requisiten aus dem Tanzstück "Hänsel und Gretel", inszeniert vom Tänzer und Choreographen Johann Kresnik an der Volksbühne in Berlin. "Kresnik hat Hänsel und Gretel als Märchen aufgefasst, wo es um zurückgelassene Kinder geht. Kinder, die von ihren Eltern verlassen werden. Und die Tänzer haben diese Prothesen an und werden in ihren Bewegungen beschränkt. Und mich interessiert das als Metapher für die Verwundungen der Seele."

Verwundungen der Seele

Mit diesen Verwundungen der Seele kam Johanna Diehl früh in Kontakt. Ihr Vater beging Selbstmord als Johanna Diehl fünf Jahre alt war. "Für mich stehen diese Prothesen auch für diese anwesende Abwesenheit meines Vaters, wie so Porträts des Vaters, den ich ja nicht mehr porträtieren kann. Oder eher für ein Zerbrechen an einer bestimmten Zeit, weil mein Vater an etwas zerbrochen ist, beschäftigt mich das."

Doch warum stellt Johanna Diehl die Urlaubsfotos diesen Prothesen gegenüber? Ist das auch als Anklage gegen die Großeltern gemeint, die sich lieber im Ausland vergnügten, als sich mit dem dunklen Kapitel des Nationalsozialismus zu beschäftigen, ihren Verstrickungen darin oder sich um ihren Sohn zu kümmern?

"Mich interessiert dieses Spannungsfeld. Dieses Genießen der Freiheit, das Reisen in den 60er-Jahren, diese Sehnsucht nach Luxus und Abenteuer. Man kann es auch nicht nur verurteilen. Es ist ja einfach nur ein Wunsch zu verreisen, und das ist auch legitim. Aber ich stelle es eben gegenüber. Der eine, der sich mit etwas beschäftigt mit Verwundungen der Seele und die anderen, die sozusagen in die Ferne reisen."

Weiß übertünchte Nazi-Vergangenheit

In drei Vitrinen stellt die Künstlerin persönliche Gegenstände ihrer Familie aus: Tagebücher der Großmutter, ein anklagender Brief von Johanna Diehls Vater an seine Mutter - voller Fragen. "Wie zärtlich warst du mit welchem Sohn? Wie häufig schlief ich in den ersten Lebensjahren von dir getrennt in anderen Wohnungen?"

Aber auch Fotos eines menschenleeren Wohnzimmers von Weihnachten 1937: dunkelbraune Mahagoni-Möbel, das Hitler-Porträt hängt noch an der Wand. In den Nachkriegsbildern tauchen dieselben Möbel wieder auf, sind aber weiß. "Also meine Großmutter hatte mit ihrem ersten Mann, der auch Nazi war und der in der Ukraine gefallen ist als Soldat, hatte sie dieses Haus und hat dann ein neues mit ihrem zweiten Mann gebaut, und das ist ein linksliberales Haus. Und diese Esstisch-Gruppe wurde weiß übermalt, und das ist für mich ein Sinnbild auch für den Umgang mit der Vergangenheit."

Am Übertünchen und Verschweigen der Elterngeneration können die Kinder zerbrechen – das ist eine intuitive Erkenntnis, die sich durch diese sehr durchdachte Ausstellung zieht. Die Zusammenhänge zwischen den persönlichen Gegenständen und den Kunstwerken sind oft so verschachtelt, dass sie rätselhaft bleiben. Aber das ist in Ordnung so, denn es geht Johanna Diehl ja auch nicht darum ihre Familiengeschichte vor Publikum auszubreiten und aufzuarbeiten. "Die Bilder stehen ja auch für sich, und ich möchte dem Betrachter seine eigenen Assoziationen ermöglichen und es nicht zu sehr mit meiner eigenen Geschichte überfrachten."

"In den Falten das Eigentliche"

So gelingt es Johanna Diehl, die Spannung der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik körperlich spürbar werden zu lassen: zwischen dem Aufbruch auf der einen und dem Schweigen auf der anderen Seite. Die Künstlerin hat sich viel vorgenommen - getreu dem Walter-Benjamin-Zitat im Titel der Ausstellung, will sie "in den Falten das Eigentliche" aufspüren. "Ich gehe davon aus, dass es nicht um die große Geschichtsschreibung geht, sondern dass ich mich eher mit dem Dazwischen beschäftige, den kleinen subjektiven Geschichten, also dem Eigentlichen das in den Falten sitzt."

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