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"Fraktale IV" im Palast der Republik

Manche Wörter sterben nun einmal schneller als andere. So gesehen ist es nicht ohne Ironie, wenn sich die Ausstellungsreihe "Fraktale" in Berlin in ihrem fünften Jahr mit dem Tod befasst. Seit 2000 organisieren die Künstler Jonas Burgert und Ingolf Keiner die Reihe.

Von Carsten Probst | 17.09.2005
    Es ist schon eine Zeitlang her, dass die Chaostheorie bei Künstlerinnen und Künstlern und nicht nur bei diesen groß in Mode war, Mitte der achtziger Jahre und dann noch einmal in den Neunzigern, jeder der auf sich hielt, redete davon, seine Kunst ins Internet zu stellen, und während man zuvor, in analogen Zeiten, die Welt noch als "Strukturen" oder "Anatomien" las, ging es nunmehr unaufhörlich um Netze, um Cluster und natürlich um Fraktale und um die chaostheoretischen Gleichungen eines Benoît Mandelbrot.

    Alan Sokal und Jean Bricmont, zwei gelernte Physiker, überführten damals mit einigen listigen Aufsätzen die postmoderne Wissenschaftselite des "fashionable nonsense", des "Eleganten Unsinns", so ihr Buchtitel in Deutschland, weil sich eben jeder herzlich Ahnungslose gern auf chaostheoretische Begriffe berief und damit einen gewissen Intelligenzvorspung für sich abonniert zu haben glaubte, weil die anderen natürlich genausowenig Bescheid wussten wie man selbst.

    An die Zeiten des eleganten Unsinn fühlt man sich noch einmal erinnert, wenn es im Manifest der Ausstellung heißt, "Fraktale" wolle einen unabhängigen, künstlerischen Diskurs zu den Grundelementen menschlicher Existenz in der heutigen Zeit führen Das ist ehrenhaft, aber spätestens beim Anblick der zahlreichen Firmenlogos auf den offiziellen Faltblättern wird klar, dass die Grundelemente menschlicher Existenz heutzutage möglicherweise doch nicht nur in künstlerischen Diskursen zu finden sind.

    Seit dem Jahr 2000, in dem die Reihe begann, suchten sich ihre Gründer, die beiden Berliner Künstler Jonas Burgert und Ingolf Keiner, am liebsten Orte für ihre Ausstellungen, an denen man die existenzielle Nacktheit am besten spüren konnte, pittoreske Ruinen wie die Berliner Parochialkirche, einen alten Gärkeller auf dem Prenzlauer Berg oder einen ungenutzten U-Bahn-Rohbau am Reichstag.

    Diesmal also ist es das monströse Stahl- und Betonskelett des Palastes der Republik, von dem man natürlich nur einen kleinen Teil bespielt. Transzendenz und letzte Dinge standen immer im Mittelpunkt der Ausstellungen, und es ist zumindest auffallend, daß ausgerechnet die zeitgenössische Kunst für die Befriedigung spiritueller Grenzerfahrungsbedürfnisse zuständig sein soll. Warum nicht? Könnte man fragen.

    Nun ist das Thema "Tod", mit dem man diesmal aufwartet, hinreichend allgemein gehalten, mühelos könnte man wohl fast jeden Künstler dazu einladen, so findet sogar eine Populärfotografin wie Herlinde Koelbl noch ihren Platz in der zeitgenössischen Kunst. Mit Leben und Tod hat eben irgendwie alles zu tun, was in der zeitgenössischen Bilderwelt so vorkommt.

    Dass das Konzept dieser Reihe so verwaschen und dass die Ausstellung so relativ beliebig kuratiert ist, soll natürlich nicht heißen, daß man hier nicht trotzdem einige bemerkenswerte Kunstwerke entdecken kann.

    Die Münchner Künstlerin Alexandra Ranner, die bislang eher durch architektonische Installationen von kahlen Korridoren oder Zimmersituationen bekannt geworden ist, hat hier einen mannshohen Guckkasten errichtet, in dem sich eine sonderbare traumartige Szene zeigt: ein in einem stillen Wasserlauf treibender Männerkopf, der das Schlaflied aus Schumanns "Kinderszenen" anstimmt, während im Hintergrund eine moderne Abrißlandschaft vorüberzieht, die von ungefähr an die blühenden Landschaften des Aufbaus Ost erinnert.

    Von Jörg Herold stammt ein riesiger Sandkasten, in dem zerfetztes Kinderspielzeug liegt, das auf den aktuellen west-östlichen Anti-Terrorkampf anspielt, eine Art Spielplatz der Kollateralschäden, auf dem das Todesthema ganz unsentimental aktualisiert und politisiert wird. Dagegen wirken die Bezüge vieler anderer Arbeiten eher bemüht, die gehäuteten Wesen eines John Isaacs oder die Giacometti-Adaptionen einen Christian Hahn illustrieren fleißig, ohne etwas Eigenes hinzuzufügen.

    Mehr Kunst und weniger Konzept würde auch den "Fraktalen" wieder etwas mehr Leben einhauchen.