Sonntag, 03. Juli 2022

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"Fraktus" kehren zurück

Die Techno-Pioniere "Fraktus" gründeten sich Ende der 70er-Jahre in Brunsbüttel, gingen 1983 auseinander und drohen jetzt mit einem Comeback. Der Tourbeginn steht kurz bevor, ebenso wie ein Best-Of-Album und ein Kinofilm. Das Skurrile an "Fraktus" aber ist: Die Band gibt es eigentlich gar nicht.

Von Dirk Schneider | 06.11.2012

"Bei der Zusammenstellung eines Samplers über die Frühphase des Techno war ich auf "Fraktus" gestoßen. Kaum jemand kannte die Band, die für diese Musikepoche so prägend war."

Der Musikmanager Roger Dettner wittert den ganz großen Coup: Die Technopioniere von "Fraktus", die Anfang der 80er-Jahre von der Bildfläche verschwunden sind, wieder zusammen zu bringen. Doch das ist nicht ganz einfach, denn das Trio könnte unterschiedlicher kaum sein. Keyboarder Bernd Wand arbeitet mittlerweile im Optikergeschäft seiner Eltern, mit denen er auch die Band "Fraktus II" hat.

Sänger Dirk "Dickie" Schubert leitet ein schäbiges Internetcafé, und der ehemalige Schlagzeuger Thorsten Bage produziert Billig-Techno auf Ibiza.

"Fraktus" ist eine Mockumentary, ein Pseudo-Dokumentarfilm. Das Trio wird gespielt von Jacques Palminger, Rocko Schamoni und Heinz Strunk, die in Hamburg die Komikertruppe Studio Braun bilden. Regie hat ihr Kumpel Lars Jessen geführt, und man merkt dem Film an, welchen Spaß die Beteiligten hatten, die frühen 80er-Jahre, die Zeit ihrer eigenen musikalischen Sozialisierung, zu rekonstruieren.

Doch auch jenseits des Films ist es ihnen durchaus ernst mit "Fraktus":

Vor dem Film erscheint ein "Best Of Fraktus"-Album, mit dem die drei von Studio Braun auf Deutschlandtournee gehen. Und auch für Interviews treten Palminger, Schamoni und Strunk als "Fraktus" vor die Mikrofone. Ein Gespräch über ihre Musik sollte man von ihnen nicht erwarten:

Thorsten Bage:

"Ja, das ist so ne Frage, man soll ja auch Schriftsteller nicht nach ihren Büchern befragen, und ähnliches gilt für Künstler, wenn die analysieren sollen, was sie da warum gemacht haben, das, das, das können die wenigsten, da, da begibt man sich auf ganz dünnes Eis!"

Heinz Strunk genießt die Rolle des bräsigen Musikproduzenten Thorsten Bage sichtlich. Am liebsten zeigen sich die drei als Streithähne, von denen sich jeder selbst als das größte Genie sieht:

Dirk "Dickie" Schubert:

"Ich spüre die Last eigentlich alleine auf meinen Schultern. Denn ich hab ja die Band gegründet damals, und ich hab sie jetzt wieder zusammengebracht, und die ganze Erfindungsarbeit ist eigentlich auf meiner... ich hab's ja damals schon durchschaut, was dabei rauskommt."

Bernd Wand:

"So ganz stimmt das nicht, was der Dickie da gerade erzählt hat. Was stimmt, ist, dass er Gründungsmitglied ist, aber er hatte nicht die Idee, die kam dann schon von mir, genau wie die musikalischen Ideen, das ganze Konzept habe ich eigentlich erarbeitet."

Dickie:

"Mhm, alles klar."

Man könnte direkt ein eigenes Dschungelcamp für die drei einrichten, sie würden jeden abgehalfterten B-Promi an die Wand spielen.

Doch da liegt auch das Problem an dem Projekt: "Fraktus" sind vor allem gekommen, um zu nerven. Man muss ihnen zugestehen, dass ihr Klamauk bisweilen eine beachtliche Fallhöhe hat, zum Beispiel,wenn sie beim Melt-Festival im Vorprogramm von Jan Delay auftreten.

Und sich von tausenden Zuschauern ausbuhen lassen. Doch am Ende bekommt man von ihnen nicht viel mehr geboten als eine etwas überspitzte Variante einer 80er-Jahre-Show auf RTL. Das Dreierpaket aus Film, Platte und Tournee erscheint vor allem als schlaues Geschäftsmodell, das sich für die Beteiligten durchaus lohnen könnte.

Sollte ihre fürchterliche Musik tatsächlich Erfolg haben, müssen "Fraktus" noch den Beweis antreten, dass sie nicht zu denen geworden sind, über die sie vorgeben, sich lustig zu machen. Denn es spricht wirklich nicht mehr viel dagegen, sie als Dauergäste im Privatfernsehen unterzubringen.