Mittwoch, 10. August 2022

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Frank: Lange Nachschublinien bereiten den Alliierten Probleme

Müller: Am Telefon in Bonn sind wir nun verbunden mit Vize-Admiral a.D. Hans Frank, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, guten Tag.

27.03.2003

    Frank: Guten Tag.

    Müller: Herr Frank, der Aufbau der Nordfront, vielzitiert in den letzten Tagen, ein Ziel, das auch ganz oben in der amerikanischen Militärstrategie oder -taktik stand. Könnte dies ein Durchbruch für die Koalition sein?

    Frank: Das ist schwer zu beurteilen. Ich glaube im Gegenteil, es haben sich inzwischen durch die Entwicklungen besonders im Zentralbereich um Bagdad herum Erkenntnisse ergeben, dass man um den Aufbau einer zumindest kleineren Nordfront nicht herumkommt, weil offenkundig die Iraker erkannt haben, dass es sich nicht lohnt, ein Nebengefecht mit den Kurden zu führen sondern dass sie nun durch die nichtvorhandenen Amerikaner bislang auch die Möglichkeit haben, Truppen von dort oben abzuziehen und nach Süden zu führen, um die entscheidende Schlacht um Bagdad vielleicht doch noch zu ihren Gunsten hinzubekommen und insofern muss es das amerikanische Ziel sein, dort Kräfte hineinzubringen, um die irakischen Kräfte im Norden zu binden und ihnen den Rückmarsch nach Süden soweit als möglich damit zu verwehren.

    Müller: Inwieweit, Herr Frank, hat es für die britisch-amerikanischen Soldaten jetzt Priorität, jetzt die einzelnen Frontabschnitte, wenn wir sie so definieren können, erst einmal zu stabilisieren?

    Frank: Es ist ja offenkundig, dass die Alliierten einen rascheren Vorstoß vorgestellt hatten, vor allen Dingen hatten sie wohl gedacht, dass die Bevölkerung mit fliegenden Fahnen zu ihnen überlaufen würde. Das ist so nun nicht eingetreten und deshalb stehen sie vor dem Problem, die langen Nachschublinien, insgesamt sind es fast 600 Kilometer von Kuwait bis nach Bagdad, entsprechend zu sichern gegen eine unruhige Bevölkerung und aus Guerillataktik heraus operierende Truppen. Das kostet Zeit und dafür müssen sie Kräfte nachschieben, dieses wird Zeit und zusätzliches Hineinbringen von Kräften erfordern und insgesamt damit den Krieg sicherlich um Wochen verlängern.

    Müller: 600 Kilometer, der Abschnitt zwischen Kuwait und Bagdad, dann kommen fast noch einmal 600 Kilometer dazu, blickt man von Bagdad in Richtung Norden. Hat die Koalition zu wenig Soldaten?

    Frank: Man kann eigentlich nie genug Soldaten auf dem Gefechtsfeld haben, das ist eine alte militärische Weisheit. Von daher sind sie wohl von einem niedrigen Kräftedispositiv ausgegangen und erkennen jetzt, dass dieses so nicht ausreicht und sie weitere Truppen nachschieben müssen

    Müller: Gibt es eine Erklärung dafür, warum die taktischen Maßnahmen, die auch im Pentagon entschieden worden sind, nicht greifen?

    Frank: Ich glaube, so kann man das nicht sagen. Ein Krieg läuft nie genau nach dem Plan, den man auf der Landkarte, im Sandkasten oder am Computer entwickelt, sondern davon, welche Maßnahmen die Gegenseite ergreift. Und die irakische Seite hat sich wohl anders verhalten, als die amerikanischen Planer angenommen haben, denn sie hat genau das getan, was in diesem Kriege wohl richtig ist, nämlich sich eine tiefgestaffelte Verteidigung vorgestellt, entwickelt, ausgebaut und die Bevölkerung so weit unter Druck gesetzt, dass sie nicht von sich aus überlaufen kann, das heißt, sie ist von der irakischen Armee oder den irakischen Guerillatruppen mit zur Geisel genommen worden und damit hat die amerikanische Seite nicht gerechnet. Und es spielt natürlich auch eine Rolle, dass die Alliierten wohl zu wenig auf die Psychologie der Gegenseite eingegangen sind. Die Bilder von dem Apachehubschrauber, den gefangenen, die widersprechenden Meldungen um Basra und Umm Kasr haben durchaus präsentiert, dass die irakische Regierung, Saddam Hussein mit seinen Leuten, noch Herr des Verfahrens ist, dass nichts umgekippt ist. Warum sollte vor diesem Hintergrund die Bevölkerung umschwenken. Und nun tritt ein, was die Amerikaner eigentlich nicht gehofft hatten, das führt dazu, dass sie mehr Kräfte nachführen müssen, sie müssen ihre militärischen Dinge stabilisieren und dass bringt sie in große Probleme.

    Müller: Heißt das, militärisch schlecht vorbereitet auch, weil man zu wenig in die, wie Sie es beschrieben hatten, in die Psychologie der Iraker eingetreten ist?

    Frank: Schlecht vorbereitet würde ich nicht als massive Kritik so stehen lassen. Sie haben wohl in der Bandbreite der Möglichkeiten zu sehr auf den schnellen Durchmarsch gehofft, das heißt auf ein positives, nicht ganz richtiges Verhalten der Iraker und haben deshalb wohl auch zu schnell zu dem Zeitpunkt des Angriffes zugestimmt, ohne Ersatz fürs Ausbauen der Nordfront durch Kräftezuführung in den Südbereich zu schaffen und das auszubalancieren.

    Müller: Vize-Admiral a.D. Hans Frank war das. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören nach Bonn.

    Frank: Danke.

    Link: DeutschlandRadio- Aktuell