Dienstag, 05. Juli 2022

Sportpolitiker Frank Ullrich
"Er muss sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen"

Sportausschuss-Vorsitz und Aufsichtsrat der Anti-Doping Agentur: Frank Ullrich (SPD) ist zu einem zentralen Sportpolitiker in Deutschland aufgestiegen. Evelyn Zupke, Bundesbeauftragte für SED-Opfer, sieht darin ein massives Problem, weil Ullrichs Vergangenheit im DDR-Staatsdoping nicht geklärt ist.

Evelyn Zupke im Gespräch mit Astrid Rawohl | 02.04.2022

Frank Ullrich (l.) und der damalige SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz beim Besuch des Biathlonstadions in Oberhof.
Frank Ullrich (l.) und der damalige SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz beim Besuch des Biathlonstadions in Oberhof. (imago images/ari)
Frank Ullrich war aktiver Biathlet und Biathlon-Nationaltrainer in der DDR. Nach der Wende arbeitete er unter anderem als Bundestrainer der Biathleten und der Langläufer. Im Sommer wurde er für die SPD in den Bundestag gewählt. Auch weil er bei der Bundestagswahl 2021 gegen den von vielen kritisch gesehenen CDU-Kandidaten Hans-Georg Maaßen gewann, wurde sein Erfolg vielfach gefeiert. Frank Ullrich wird allerdings von mehreren ehemaligen Athleten vorgeworfen, Teil des DDR-Staatsdopings gewesen zu sein. Dennoch wurde er zum Vorsitzenden des Bundestags-Sportausschusses gewählt. Unverständlich, findet die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur, die Bürgerrechtlerin Evelyn Zupke:
„Man hätte diese ganzen Punkte, die jetzt zur Sprache kommen - endlich - auch schon vor seiner Nominierung als Spitzenkandidat im Wahlkreis besprechen müssen. Dann hätte man besprechen müssen: Muss er Mitglied im Sportausschuss werden? Und muss er Vorsitzender werden? Und muss er nun auch noch Mitglied im Aufsichtsrat der NADA werden? Das macht ja auch diese Organisation ein Stück weit unglaubwürdig.“
Evelyn Zupke, Bundesbeauftragte für die SED-Opfer
Evelyn Zupke, Bundesbeauftragte für die SED-Opfer (dpa-Bildfunk / Michael Kappeler)

"Keine Auseinandersetzung sichtbar"

Der Sitz im Aufsichtsrat der Nationalen Anti-Doping Agentur NADA ist an den Vorsitz im Sportausschuss gekoppelt. Gerade bei der NADA könnte Ullrich aber zum Problem werden. Er hat zwar die Dopingvorwürfe immer abgestritten, geklärt sind sie aber dennoch nicht. So die Meinung von Evelyn Zupke:
„Er muss sich mit seiner Biografie, mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Und das ist im Moment überhaupt nicht sichtbar. Ich erwarte von ihm, dass er seine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der NADA ruhen lässt, bis wir Aufklärung haben über seine Rolle. Also ich vermisse einfach einen kritischen Umgang mit seiner eigenen Rolle im DDR-Sport-Dopingsystem. Und ich vermisse auch, dass er sich jemals für die Dopingopfer interessiert hat.“
Ex-Biathlet Frank Ullrich (SPD) ist neuer Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag.
Ex-Biathlet Frank Ullrich (SPD) ist neuer Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag.
Frank Ullrich ist neuer Sportausschuss-Vorsitzender | „Ich halte das für fatal“
Der ehemalige DDR-Biathlet Frank Ullrich ist neuer Vorsitzender des Bundestags-Sportausschuss. Das sei „hochproblematisch“, sagte Journalist Thomas Purschke im DLF. Denn obwohl er alles abstreite, gebe es doch Beweise dafür, dass Ullrich am Staatsdoping der DDR beteiligt war.
In einem Bundestagsgutachten wurde festgestellt, dass Ärzte, Funktionäre und Trainer generell über die Dopingpraktiken informiert waren. In einem Gutachten des Deutschen Skiverbandes wurde Ullrich in Sachen DDR-Staatsdoping wiederum ein "unbewusst gesteuerter Verdrängungsmechanismus" attestiert. Evelyn Zupke sagt:
„Das finde ich sehr unglaubwürdig, dass jemand diese blauen Pillen um die es ja heute immer geht, noch für harmloses Zeug hält. Also, das kann man einfach nicht glauben, finde ich.“

"Laxer Umgang von Politik und Sport"

Ullrich könnte als Aktiver und Trainer sowohl Opfer als auch Täter des DDR-Dopingsystems gewesen sein. Für Zupke, die sich beruflich mit Traumata beschäftigt hat, ist sein Verhalten aber das eines Täters, der sich seine Verantwortung nicht eingestehen wolle.
Für die Zukunft Ullrichs sieht Zupke nur einen Weg: Von ihm müsse Aufklärung verlangt werden, ansonsten bräuchte es Konsequenzen. Falls er selbst wirklich keine Erinnerungen beisteuern könne, dann sollte ein unabhängiges Gutachten erstellt werden, zum Beispiel mithilfe seiner Stasi-Akte. Es gehe dabei nicht darum, nach Schuld zu suchen, sondern sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Der laxe Umgang im Sport und der Politik mit dem Zwangsdoping tausender Menschen in der DDR und dessen körperlichen und seelischen Folgen, urteilt Zupke im Fall Ullrich, sei sehr bedenklich.