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StartseiteSonntagsspaziergangKirche und Konfitüre in Toul29.01.2017

FrankreichKirche und Konfitüre in Toul

Touristen und europäische Lastwagen rollen meist auf der Autobahn an Toul vorbei. Wer sich in das französische Moselstädtchen hinein wagt, staunt über die Kathedrale. Toul war mal eine Bischofsstadt mit reichlich und reichen Klöstern. Hier war auch Jeanne d'Arc vor 600 Jahren in einer privaten und höchst sensiblen Sache unterwegs.

Von Franz Nussbaum

Von Franz Nussbaum (Imago)
Die Kathedrale von Toul in Frankreich (Imago)

Es war ein schöner Sommer, vor rund 40 Jahren. Mein erster Besuch in Toul. Es folgen später über ein Dutzend weiterer Stopps. Da rolle ich mit einem Campingwägelchen und mit zwei kleinen Töchtern auf den Hintersitzen hier auf Toul zu. Wir haben damals schon drei Grenzübergänge mit Zoll- und Gesichts- und Ausweis-Kontrollen hinter uns. Haben schon in französisches Geld umgetauscht, haben also zwei Währungen im Kopf und in verschiedenen Portemonnaies. So ist das damals in Europa, mit den verschiedenen Geldscheinen und den unterschiedlichen Währungen.

Toul vor 40 Jahren

Zu jener Zeit dieselt und staut sich noch der gesamte Autoverkehr Richtung Paris oder Richtung Loire, Bordeaux mitten durch ein verstaubtes und lärmendes Toul. Und so halten wir also bei den engen Moselbrücken an, direkt am Flussufer. Und wir beschließen, an dieser grünen Idylle eine Rast einzulegen. Und unsere Kinder probieren nun zum ersten Mal Baguette und Croissants. Und die Damen schmecken: Baguette mit Beurre (Butter) und mit Konfitüre bestrichen ist eine himmlische Sache. Konfitüre ist, nur zur Erläuterung, ähnlich dem, was wir in Deutschland als Marmelade aus dem Glas kratzen. Aber Konfitüre schmeckt dagegen … oh la la. Und speziell die Mirabellen-Konfitüre wächst hier in Toul sogar an den Bäumen, schon fertig in Gläsern abgefüllt - entnehmen wir unserem kleinen Reiseführer:

"Das Moselstädtchen ist auch für seine Mirabellengärten bekannt, auch in flüssiger Form … als Mirabellengeist und Frauenverführer." 

Und meine Frau liest aus dem kleinen Polyglott vor: 

"Toul: Die Kathedrale Saint-Étienne hat eine herrliche Fassade aus der Zeit der Spätgotik. In Frankreich heißt dieser Stil 'Flamboyant' nach der flammenförmigen Ornamentik seines Maßwerks. Man könnte es auch ein 'Barock der Gotik' nennen. Das Dach der Kathedrale, auch einige gotischen Strebepfeiler, wurden im Zweiten Weltkrieg 1940 schwer beschädigt. Toul, in Römerzeiten Tullus gerufen, lag einst an der wichtigen Fernhandelsstraße Turin-Lyon-Trier und später auch an der Bahnlinie Straßburg-Nancy-Toul-Paris."

Und die französischen Eisenbahngleise bewähren sich 1870/71 hervorragend für den preußischen Soldaten- und Kanonentransport. Dumm gelaufen für die Festung Toul. Und wir lesen:

"Toul fällt nach achtstündigem Dauer-Artilleriebeschuss. Wenig später belagern die Deutschen Paris. Und der französische Innenminister flieht noch mit einem Heißluftballon aus der eingeschlossenen Hauptstadt. Frankreich kapituliert." 

Die Kathedrale

Und der preußische König Wilhelm wird zur Feier des Tages in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Zurück nach Toul. Wir sehen vor 40 Jahren natürlich auch die Kathedrale. Sie lugt mit ihren zwei Stummel-Türmen zu zwei Dritteln über den Festungswällen hinaus. Und einige verirrte Granaten und Bomben haben im Zweiten Weltkrieg die Altstadt und die Gotik von Toul schwer erschüttert. In meinem Kopf arbeitet damals eine gewisse Aufrechnungsautomatik. Hat nicht vorher der Sonnenkönig Heidelberg und dessen Schloss zerstört? Und hat nicht Hitler… Und hat nicht auch Napoleon …? Und so sind wir nun hier und heute mit Michael Kleu verabredet:

"Dieser gewaltige Festungsring in den Zeiten von Ludwig XIV. mit neun weit ausgreifenden Sternzacken und mit Kanonen bestückt, erinnert an die vielen Kriege zwischen den einstigen 'Bruder'-Ländern Frankreich und Deutschland. Es sind ja im Jahre 843 drei rivalisierende Brüder, an die das Franken-Reich Karls des Großen aufgeteilt wird. Und der mittlere Bruder-Anteil, 'das Reich des Lothar', nennt sich Lorraine, übersetzt Lothringen." 

Und nun zeigen Sie mir hier eine Karte, da steht auch eine Jahreszahl: 977, also vor rund eintausend Jahren. 

"Damals marschiert der deutsche Kaiser Otto II. mit einem Heer bis vor Paris um die französische Krone von einer Besitznahme Lothringens abzubringen. So lange ist Lothringen und ist der weite Moselbogen schon Spekulationsobjekt der beiden Großen des Abendlandes. Und Toul wechselt die Fahnen seiner Nationalität wie die Mirabellen-Konfitüre ihre Etiketten. 1356 unter Kaiser Karl IV. - der mit der Goldenen Bulle - da werden Toul, Metz, auch Nancy freie deutsche Reichsstädte und gründen einen Elsässischen-10-Städte-Bund." 

1350 ist Frankreich ja noch geschwächt, wegen einem hundertjährigen Krieg mit England.

Jeanne D'Arc

"Bis Jeanne d'Arc, hier aus der Nähe, den französischen König stabilisiert und die Engländer verjagt. Fazit: Immer, wenn die eine Seite schwächelt, langt die andere Seite zu. Richelieu, Napoleon, Hitler. Ab 1552 spricht Toul wieder Französisch. Dabei spielt ein Kurfürst Moritz von Sachsen eine wichtige Rolle, sollte man im Internet mal nachlesen. Hochinteressant." 

So hat fast jedes Jahrhundert seine deutsch-französische Völkerschlacht. Und immer ist Toul mitten dabei. Wählen wir stellvertretend ein anderes Beispiel, Toul – Verdun – Sedan, 1914 bis 1918. Und wir lesen aus Quellen: 

"Es wird zum Synonym für das sinnloseste Gemetzel Europas. 18-jährige junge Männer beider Seiten, noch nicht einmal volljährig, also unreif, werfen ihr blühendes Leben weg, liegen frierend in der Matsche und sterben im Terror noch kaum bekannter Giftgaseinsätze. Und andere Beobachter berichten, deutsche Generäle dinieren an der Maas, weit vom Schuss in warmen, noblen Casinos und lassen sich von jungen Ordonanzen mit Cognac, Champagner und feinsten Speisen bedienen."

"Das sagt alles! Und heute ist in dieser herrlichen Mosellandschaft seit 70 Jahren Frieden."

Woher kommen Reichtum und Ressourcen von Toul, außer von den Mirabellen-Geistern? 

"Erstens der Handel. Toul ist ja bewusst an der Mosel erbaut, mit Wasserverbindungen nach Paris, an den Atlantik und an den Rhein. Hier lief einst auch die Kultur-, die Handelsstraße von Italien über Lothringen über Toul und Metz, weiter nach Flandern, Brüssel, Brügge, Antwerpen. Über diese Kulturschneise kommt auch die Renaissance, kommt der Humanismus in edlen Stoffen, in Brokat aus Italien verpackt. Gehandelt werden Kunsthandwerk, kostbare Gemälde und teure Knabenstimmen für die italienischen Kirchen und die Opernhäuser."

Und wir kommen am früheren Bischofspalast vorbei, heute das Hotel de Ville, das Rathaus. Und ein kleines Medaillon an einer Mauer erinnert an eine Reise der Jeanne d'Arc nach Toul. Die Jungfrau aus dem Dörfchen Domrémy, 30 Kilometer hier von Toul entfernt. 

"Bei dieser Reise wird Johanna etwa 16 gewesen sein. Da ist sie schon ein 'altes' Mädchen, heißt, die etwa gleich jungen verheirateten Frauen im Dorf haben da schon ihre zweite Schwangerschaft. Und auch Jeannes Eltern haben längst einen Mann für ihre Tochter ausgehandelt. So etwas machen Eltern damals mit Handschlag wie auf dem Pferdemarkt. Romantische Vorstellungen sind aberwitzig. Man wird irgendwann der Johanna beiläufig gesagt haben, da kannst Du dich freuen, die haben viele Schweine auf der Weide und gehören zu den fettesten Bauern im Dorf. Jeanne wird also den Zukünftigen kennen. Die dann etwa zwölfjährige Jeanette, wie sie gerufen wird, verspürt aber kein Kribbeln im Bauch, wird nicht von ihren Genen gesteuert, sich in den Burschen verknallt haben. Sonst hätte sie dem ja schöne Augen gemacht, sich heimlich zum Schmusen in einer Scheune getroffen. Und so suggerieren ihre Träume oder die himmlischen Erscheinungen der Johanna eine sehr praktikable Lösung. Sie will ihn nicht, sie will, … sie muss Jungfrau bleiben."

Jungfrau sein gehört damals zu den Kardinaltugenden, wenn man als vom Himmel ausersehene Prophetin "auftreten" will. Hier geht es um einen Prozess wegen des Eheversprechens. Und so tippelt sie mindestens sechs Stunden bis nach Toul, vor das bischöfliches Gericht. 

"Sie widersetzt sich also den Plänen des Vaters, das ist ja für damalige Zeiten ungeheuerlich emanzipiert. Jeanne ist da in höchst unruhigen Zeiten unterwegs, mit wilder Soldateska auf den Wegen. Da hätte das Mädchen mehr als nur ihre Unschuld verlieren können. Die Familienehre steht auf dem Spiel. Andererseits brüskiert Johanna auch die andere Familie. Die Quellenlage lässt die Vermutung zu, die Düpierten wollen dem Mädchen was anhängen. Da wuchern Verdächtigungen, die Johanna elementar in ein ganz anderes Licht stellen. Jedenfalls setzt sich eine geschickt argumentierende Jeanne vor den bischöflichen Advokaten mit ihrer Sicht der Dinge durch."

Sie kehrt nicht mehr in ihr Elternhaus zurück und bereitet sich auf ihren rasanten Ritt auf der Rasierklinge vor. Hexe oder Heilige? Ihren Ritt nach Chinon vor den König. 

Die Reliquien von vier heilig gesprochenen Bischöfen

Vor der Kathedrale. Das Mädchen sieht den noch unvollendeten Bau. Lichte Gotik, das große runde Fenster. Wir lassen die Fabeltiere und die Wasserspeier mal unerwähnt. Und Henry Tietjens führt uns zuerst in eine seitliche Reliquienkapelle. Zwei Messingschreinen mit Glasfenstern, in die man reinschauen kann:

"Wir sehen die Köpfe, die Schädel von vier heilig gesprochenen Bischöfen von Toul. Deswegen sind es Reliquien. Die Augenpartien sind mit einer Schleife verdeckt. Das nimmt den Köpfen eine etwas gespenstische Atmosphäre. Einer dieser Bischöfe wird 1048 als Leo IX. in Rom zum Papst gewählt."

Wer mag das finanziert oder protegiert haben?  

"Papst wurde in Rom zu der Zeit nur, wer von Adel ist. Gerne haben die römischen Adelsfamilien die Besetzung dieser lukrativen Posten unter sich entschieden. Interessanterweise steht hinter diesem Papst aus Toul der deutsche Kaiser Heinrich III. Toul ist damals ein Bistum und gehört zum deutschen Reich. Heinrich III. hat bei einem Italienzug ein 'Papstschisma' beendet. Unter einem Schisma versteht man, dass sich mehrere Päpste gleichzeitig als Stellvertreter Gottes auf Erden sehen. Auf den nicht besetzten Stuhl Petri setzt er Clemens II. Und dieser Bamberger Papst bemüht sich zum Ärger der Pomp- und Prunkkirche um eine cluniazensische Kirchenreform. Cluny ist ein mächtiges Reformkloster in Frankreich. Der neue Papst und auch der Kaiser stellen sich gegen die 'Simonie'. Simonie ist die damals die verbreitete Käuflichkeit von Kirchenämtern. Und sie unterbinden, dass sich sogar Kandidaten ohne Priesterweihe die Papstkrone kaufen können. In Folge des Bambergers kommt dann auch Leo IX. aus Toul zur Papstwürde." 

Und dessen Kopf soll hier als Reliquie beigesetzt sein? 

"Eine Reliquie ist damals so etwas wie eine Hotline zum Himmel. Man konnte hier in Toul beten, Geld spenden und dafür eine Fürbitte zum Himmel mailen. Hochwertige Reliquien sind auch ein wichtiger Anlaufgrund für die Pilgerströme. Beispielsweise auch zum Jakobus-Grab nach Santiago de Compostela. Dahin pilgerte ja nicht nur der bekannte deutsche Hape Kerkeling, sondern auch andere Deutschen werden ihr Pilgerbüchlein in Toul zum Abstempeln vorgezeigt zu haben. Und das bringt ja auch Geld in die Opferstöcke. Dazu der Devotionalien-Handel, Übernachtung und was sonst noch zum Pilgertourismus gehört: Wein, Weib und Gesang."

Nun zeigen Sie mir die drei großen bunten Doppel-Fenster im Chor, vielleicht zehn Meter hoch. Und in jedem Doppelfenster sind 14 erbauliche Bildergeschichten für die Analphabeten damaliger Zeit aufgemalt.

"Nehmen wir 'Johannes tauft Jesus im Jordan' in der oberen Reihe. Noch aktueller: 'Die Heilige Familie flüchtet vor Herodes nach Ägypten'. Historisch ist die Flucht nach Ägypten mit der heutigen Situation ähnlich. Ägypten ist damals nämlich, nach Flavius Josephus, einem römisch-jüdischem Geschichtsschreiber, ein beliebtes Ziel für jüdische Wirtschaftsflüchtlinge und auch politisch Verfolgte." 

Maria Magdalena

Und nun eine monumentale Christusfigur und zu seinen Füßen ist Maria Magdalena. Nun ist dieses Motiv von Jesus und einer Frau oder einer "Freundin" keine Einmaligkeit von Toul. Dieses etwas "flirrende" Sujet gibt es hunderte Male in der Kirchenkunst. Wer ist diese Maria aus Magdala? 

"Es wird vermutet, dass sie zu der Generation von Josef und Maria gehört. Da sie aber erst ab den Oster-Geschehnissen, also unter dem Kreuz und wenig später am leeren Grab eine zentrale Rolle einnimmt, ist eine historische Rekonstruktion schwierig. In neuerer Literatur wird Maria oft als Geliebte oder Ehefrau Jesu dargestellt. Aber in den religiösen Texten von damals geht es um die geistige Beziehung von dieser Maria und Jesus. Im 3. Jahrhundert wird Maria Magdalena durch Hippolyt, einem der westlichen Kirchenväter, bei dessen Auslegung der Ostertexte als neue Eva, als Bild der Kirche oder auch als 'Apostel-Gleiche' gesehen. In anderen Schriften wird sie als die Lieblingsjüngerin Jesu dargestellt."

Lieblingsjüngerin als Konkurrentin? Petrus, die Anführerfigur der Männergruppe. soll diese Magdalena verbal zurecht gewiesen haben.

"Und nun wird es streng religions-wissenschaftlich. Mit Papst Gregor I. zum Ende des 6. Jhd. wird Maria im weströmischen Reich plötzlich mit einer anderen Maria von Bethanien und der anonymen Sünderin aus Lukas 7 gleichgesetzt. Und dadurch beginnt ihre bekannte ikonographische Darstellung mit langen und offen getragenen Haaren. Das bedeutet damals, ich bin eine unverheiratete Frau. Diese Abwertung hat sich bis heute als die einer Prostituierten durchgesetzt. Im Orthodoxen wird sie dagegen, auch heute noch, als die Apostelin der Apostel gesehen. Also handelt es sich um einen Kirchenstreit um die historische Zuordnung. Einerseits ist sie die Personalisierung des sündigen Weibes und andererseits ist sie eine vorbildhafte Missionarin, eine Heilige und eine büßende Einsiedlerin." 

Wir werden den selbsternannten Schriftdeutern aller Zeiten nicht die Bürde um die Würde dieser Maria-Magdalena abnehmen. Und irgendwie ähneln sich ja auch diese Jeanne d'Arc und auch diese Maria in ihrer historischen Behandlung etwas. Sie liefern uns Nachdenklichkeiten und Stichworte für einen Sonntagsspaziergang am Moselbogen von Toul, mit "Confiture".

 

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