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Frankreich
Leonardo da Vincis Lebensabend an der Loire

Mit der "Mona Lisa" im Gepäck zog Leonardo da Vinci im Jahr 1516 in späten Lebensjahren an die Loire nach Amboise. Der junge französische König Franz I. ermutigte ihn dazu. Und Leonardo da Vinci hinterließ dort zahlreiche Spuren.

Von Franz Nussbaum | 05.01.2014
    Hoch über dem Ufer der Loire erheben sich die Reste des Königsschlosses von Ambroise.
    Hoch über dem Ufer der Loire erheben sich die Reste des Königsschlosses von Ambroise. (picture alliance / zb / Wolfgang Thieme)
    Wir stehen hier oberhalb der Loire auf einem Balkon des königlichen Schlosses. Unser Blick fällt auf den Fluss, auf eine Brücke, fällt auf eine Insel mitten in der flachen Loire. Und eine französische Schriftstellerin notiert prosaisch:
    "Es ist ein Blick, mit dem man die ganze Landschaft in einem einzigartigen Panorama erfasst. Das Flusstal dehnt sich hier breit und ist von mehreren Armen der Loire durchzogen, aufgefächert in blühende Inseln, in Auen und blinkenden Wasserläufen. Und bei gutem Wetter kann man auch noch die nahe Stadt Tours erkennen. "
    Und das Schloss auf der steilen Uferhöhe kann man sich ohne diese Brücke nicht denken. Die Brücke ist Teil der Inszenierung, wenn beispielsweise 1516 der 20-jährige französische König Franz I. mit seinem Hof hier einzieht. Wir lesen in den königlichen Reisenotizen:
    "Die Hof- und Reisegesellschaft wird gezogen und getragen von 18.000 Pferden. Man reist mit kostbaren Wandteppichen, Möbeln, Gold- und Silbergeschirr und Luxuszelten. Die Schlösser sind damals innen kaum eingerichtet, so muss eben alles mitgeführt werden. Wenn in Friedenszeiten der französische Hof ganz beisammen ist, so reist also ein Tross von 18.000 Personen, darunter mehr als 12.000 Berittenen."
    Des Königs Fanfarenbläser und Trommler haben sich beim festlichen Einzug geteilt. Ein Teil ist schon vorweg oben am Schloss postiert. Die anderen Musiker sorgen in direkter Umgebung des erhabenen Einzugs für eine euphorische Musikkulisse. Der Graf von Amboise ist der jungen Majestät entgegen geeilt und begrüßt devot den König an der Loirebrücke. Er kennt ihn aus dessen Jugendjahren. Wir lesen in den Reisenotizen:
    "Vorweg marschieren fünf Reihen Bogenschützen in Weiß, dem Sinnbild der Reinheit und der Macht. Auf ihrem Rücken winden sich eingestickte Salamander, das Wappentier von François Premier. Ihnen folgt der König in Blau. Sein Hut, sein Überwurf, beides aus blauem, mit goldenen Lilien besticktem Samt. Auf des Königs Hut funkelt eine ganze Sammlung von Edelsteinen. Zwei blaugrün gekleidete Stallmeister führen den Paradeschimmel des Königs."
    So tänzelt also Franz I., eine ansehnliche, jugendlich-sportliche Erscheinung, mit Pauken und Trompeten über die Brücke und wirft Geldmünzen unters Volk. Wie er überhaupt das Geld, das er real nie hatte, mit vollen Händen zu allen Fenstern rauswirft. Franz I. kennt sein Schloss Amboise, auf dem er aufgewachsen ist. Und allein die Geschichte, wie er weit außerhalb der Thronfolgelinien Frankreichs doch noch König Ludwig XII., der ohne männlichen Nachfolger stirbt, beerben konnte, ist ein Nachlesen wert. Mit dem jungen König haben wir den einen Hauptdarsteller unseres Sonntagsspaziergangs schon mal in Amboise. Michael Kleu, Sie kennen die Zusammenhänge:
    "Der König ist häufig hier, auch weil seine anderen Schlösser noch im Bau oder im Umbau sind. Er verbringt in den Leonardo-Jahren von 1516 bis 1519 gerne die Sommer, oft auch den Herbst in Amboise. Auch sein ersehnter Thronfolger, der kleine François, wird im November in Amboise geboren."
    Nun suchen wir Leonardo da Vinci. Er fertigt uns eine Skizze von Amboise. Darauf ist auch der Weg, einen knappen Kilometer vom Schloss entfernt, zu seinem Domizil Le Clos-Lucé zu erkennen. Das kleine Herrenhaus oder Chateau ist seine standesgemäße Wohnung an der Loire, mit einer alten Wehrmauer umgeben. Und auf dieser alten Mauer stolziert jetzt grade ein neugieriger Pfau. Er beäugt uns, will uns aber kein Rad schlagen. Der bunte Vogel findet uns nicht cool genug, will uns nicht imponieren. Aber ist nicht der radschlagende Pfau ein symbolisches Bild für das Auftreten eines Königs, eines "Roi"? Michael Kleu, blättern Sie bitte mal in den Reise- und Lebensnotizen Leonardo da Vincis.
    "In Italien sind schlechte Zeiten für Meister Leonardo, der ist nun 63 Jahre alt. Zwei seiner Konkurrenten schaffen es, den Papst für ihre Kunst beim Bau des neuen Petersdom zu entzücken. Leonardo wird ignoriert. Vielleicht auch, weil seine anatomischen Studien an Menschen und Leichen und an einem Ochsenherzen nicht erwünscht sind. Solche intimen Forschungen verbietet der Papst ihm. Trotzdem gehört Leonardo im Dezember 1515 zum päpstlichen Gefolge, als Papst Leo X., ein Medici, in Bologna sich zum ersten Mal mit dem neuen charismatischen französischen König Franz trifft. Dabei kommt es wohl auch zu einer kurzen Begegnung zwischen Franz und Leonardo. Der König, 42 Jahre jünger, ist fasziniert von dem Maler. Fasziniert von dem Schöpfer des "Abendmahl Freskos" in einem Mailänder Kloster, das Franz I. schon besichtigt hat. Der Alte, also Leonardo, fühlt sich geschmeichelt. Er spürt ein hohes Interesse bei dem Franzosen, der perfekt italienisch spricht. Leonardo merkt, statt der verkrusteten Welt der Kurie und der Ablass-Händler gibt es also einen jungen kunstsinnigen Kerl in Samt und Seide. Und dieser Franz unterhält sich mit Leonardo auf gleicher Augenhöhe. Zudem stirbt auch noch Leonardos Protegé, ein Herzog. Ohne Gönner sieht man im Alter alt aus."
    Und Franz kennt wohl auch diese Lage Leonardos. Er lädt ihn zu sich nach Frankreich ein und bietet ihm einen sorgenfreien Lebensabend. Salopp formuliert: Mit dieser Riester-Rente in Aussicht löst Leonardo in Italien alles auf. Er lässt seine umfangreichen Dokumente, seine Zeichenstudien und drei Bildnisse, an denen er besonders hängt, dabei auch die Mona Lisa, in Kisten verpacken. Nimmt auch seine beiden Assistenten und Malschüler mit, die auch Leonardos Liebhaber sein sollen. Dann geht er in ein Reisebüro und lässt sich einen Routenplan Mailand - Amboise ausdrucken. So tritt er seine letzte große Reise ohne Rückfahrtticket an, 973 Kilometer. 973 Kilometer auch über die schroffen Alpen. Und drei Monate später, im Herbst 1516 kommen sie in Amboise an der lieblichen Loire an. Michael Kleu, Sie zeigen mir ein Porträt Leonardos.
    "Es ist ein Selbstporträt, das er in Amboise fertigt. Da ist er 64 Jahre alt. Er hat aber das müde, das erschöpfte Gesicht eines 90-jährigen Greises. Er weiß, auch in der Beziehung mit seinen Begleitern, dass er kein junger Mann mehr ist. Leonardo hat nicht umsonst menschliche Körper studiert."
    Und jetzt zeigen Sie mir einige Kopien von anatomischen Studien, gezeichnet von Leonardo. Da sehe ich die Hebelwirkung von Schulter- und Rückenmuskulatur. Ein faszinierender Blick in das Innere eines gläsernen Menschen, auch, wenn das heute in jeder Arztpraxis an der Wand baumelt. Oder für mich sensationell: den Bauch einer schwangeren Frau und wie ein menschlicher Fötus in der Gebärmutter liegt. Und dazu passt ein Bericht einer vornehmen italienischen Reisegesellschaft mit einem Kardinal, die den Leonardo dann hier in seinem Schlösschen besucht. Leonardo ist also an der Loire fast eine Art touristische Attraktion:
    "Der Meister zeigt seiner Eminenz drei Gemälde: ein Bildnis einer Florentiner Dame, ein Bildnis von Johannes dem Täufer und eine Madonna mit Kind. Alle sehr vollkommen. Dieser Edelmann hat viel über Anatomie geschrieben, mit zahlreichen Abbildungen von Körperteilen wie den Muskeln, Nerven, Adern und den Windungen der Eingeweide, sodass es möglich ist, den Körper des Mannes oder der Frau zu erkennen, wie es noch nie jemand zuvor getan hat. All das sahen wir in seinem Haus mit eigenen Augen. Und er sagte uns, er habe schon mehr als 30 Leichen seziert, Männer und Frauen jeglichen Alters."
    Auch Leonardo spürt sein Alter. Zudem hat er 1517 in Amboise wahrscheinlich einen Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen der rechten Seite. Aber weil er Linkshänder ist, kann er weiter arbeiten.
    Und wir stehen nun vor dem Anwesen. Der mittlere Teil aus roten Ziegeln und grauen Tuffsteinen. Dazu hat er hier auch das notwendige Personal bekommen, eine Köchin, Dienerschaft, Landschaftsgärtner für den großen Park, Sänftenträger für den kurzen Weg ins Hauptschloss. Wir sind nun im Parterre. Die große Küche. Heute hat man in den unteren Räumen Leonardos Tüfteleien seiner technischen Studien in Modellen ausgestellt. Ein Mensch hängt schwebend an einer Variation von Fallschirm, Studien von Flugmaschinen, vielleicht als Vorläufer heutiger Hubschrauber. Auch das Modell eines beweglichen Panzers und andere militärischen Gerätschaften und Verteidigungsanlagen. Pläne mit Flussschleusen und Schiffshebewerken.
    Im oberen Hauptgeschoss Leonardos Schlafzimmer, 1519 dann auch sein Sterbezimmer. Nebenan eine Art Atelier und Arbeitszimmer. Wir lesen über diese drei Jahre bis 1519, über Franz und Leonardo, wiederum aus der Feder eines Besuchers, dem Florentiner Bildhauer Benvenuto Cellini:
    "Weil König Franz ein Mann von so reichem und großem Talent war und auch einige Kenntnisse des Griechischen und Lateinischen besaß, war er gänzlich berauscht von Leonardos großartigen Fähigkeiten und fand ein großes Vergnügen am Zuhören. Der König sagte mir, er könne sich nicht vorstellen, dass es einen anderen Menschen auf dieser Welt gebe, der größeres Wissen als Leonardo besitze und dass er wahrhaft ein großer Philosoph gewesen sei."
    Wieder unten in seinem Hof. Im Frühsommer des folgenden Jahres kommt auch die Zeit der höfischen Maskenfeste und Umzüge. Im Mai 1518 findet in Amboise die Taufe eines zweiten königlichen Prinzleins statt, verbunden mit der Hochzeit einer königlichen Cousine mit einem Herzog Lorenzo de Medici, Neffe des Papstes. Das Fest wird vom alten Leonardo gestaltet, er schreibt quasi das Drehbuch und führt Regie. Man muss es sich vielleicht als eine Art Revue oder Musical vorstellen, wo Sänger, die am dunklen Abend an Zugseilen hängen und bewegt werden und von Tänzern unter der Musik des Hofkompositeurs dem König gehuldigt wird. Aus dem Protokoll lesen wir:
    "Auf dem nördlichen Platz des Schlosses hatte man einen Triumphbogen errichtet. Darauf stand eine nackte Figur, die in der einen Hand Lilien und in der anderen Hand ein Bild eines Delfins hielt, in Anspielung auf den kleinen Dauphin. An einer Seite des Bogens sah man einen tanzenden Salamander, das Wappentier des Königs. Auf der anderen Seite tanzte eine Figur als Hermelin."
    Hermelin als wieselflinkes Tierchen mit noblem Pelz in Anspielung auf den jungen König und ambitionierten Schürzenjäger. Und Leonardo zeichnet dazu in seiner Regieanweisung auch die anderen auftretenden Figuren und Posen. Einen opulent kostümierten Mann zu Pferde. Oder eine in einer blumigen Landschaft stehende Sängerin. Ein anderes Bild zeigt einen jungen Mann als Tänzer mit einem Jagdhorn um die nackten Hüften. Spielerische Figuren, die dem Showgeschäft der Renaissance entsprungen scheinen. So tritt bei einem anderen Fest auch ein großer wilder mechanischer Löwe auf, der auf den König zustürzt, dann plötzlich innehält und aus seinem aufgerissen Maul fallen Blumen raus. Leonardo verwendet auch Kulissen und Ideen, die aus seiner Inszenierung "Paradiso" von 1490 am Hof von Mailand bekannt sind.
    Leonardo als Schowmeister. Zwei solcher grandiosen Spektakel sind im Schloss von Amboise datiert. Ein letztes großes Fest gibt Leonardo seinem Gastgeber, dem König, hier im Park und Hof seines Herrenhauses Le Clos-Lycé. Dann ist seine Show zu Ende, er nimmt die königlichen Komplimente entgegen. Und übersetzt, auch Leonardos eigene Show geht zu auch Ende. Das heißt, Leonardo diktiert zu Ostern 1519 sein Testament, er verteilt seine Habe. Da stehen ja auch noch drei echte Leonardos, darunter die Mona Lisa.
    Möglicherweise hat Franz I. die Mona Lisa für 4.000 Taler gekauft. Sie hängt dann gerahmt im Schloss von Amboise, wechselt später nach Fontainebleau. Dann holt Ludwig XIV. die Dame nach Versailles. Später erbarmt sich Napoleon des Kunstwerkes, hängt es eigenhändig ab und in seinem Schlafzimmer wieder auf. Und heute hängt die Mona Lisa streng bewacht mit ihrem unergründlichen Lächeln im Louvre zu Paris.
    Und wegen des unergründlichen Lächelns der Mona Lisa ist immer wieder gerätselt worden, worüber sie lächelt? Ist es der Grund, warum Leonardo das großartige Porträt in Italien nicht dem Auftraggeber, einem vermögenden Florentiner Seidenhändler, aushändigt? Trägt die Mona Lisa vielleicht etwas die Gesichtszüge von Leonardos hübschem Intimfreund "Salei", Fragezeichen? Seine kleinen Geheimnisse nimmt der große Leonardo da Vinci am 02. Mai 1519 an der Loire mit ins Grab. Seine Bilder und Zeichnungen lässt er uns als Andenken zurück. Er stirbt als des Königs erster Maler, erster Architekt und Ingenieur. Le Clos Lycé ist Leonardos Sanssouci, sein Sorgenfrei.